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„Armut ist ein Gesundheitsrisiko“

Arme Menschen sind von Krankheiten besonders stark bedroht. Warum das bei Covid-19 auch so ist, hat uns der Medizinsoziologe Nico Dragano erklärt

Corona, Armut; Gabenzaun

Der Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit wurde schon oft beschrieben und erforscht. Nun zeigt eine Studie des Universitätsklinikums Düsseldorf, dass ärmere Menschen besonders stark von Covid-19 betroffen sind. Nico Dragano ist einer der Autoren.

fluter.de: Menschen, die Hartz IV beziehen, hatten in Ihrer Studie ein um 84 Prozent erhöhtes Risiko, mit der Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden zu müssen. Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Corona und Armut?

Nico Dragano: Mehrere Studien zeigen, dass vor allem schwerwiegende Covid-19-Erkrankungen nicht nur bei Langzeitarbeitslosen, sondern generell bei ärmeren Menschen häufiger auftreten. Ein möglicher Grund ist, dass diese Menschen oft gesundheitlich vorbelastet sind. Neben der Schwere des Krankheitsverlaufs könnte es aber auch ein höheres Infektionsrisiko, also das Risiko, überhaupt erst Covid-19 zu bekommen, geben. Hierzu gibt es aber nur wenige Untersuchungen. Die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass etwa Leute in prekärer Beschäftigung und mit schlechteren Jobs einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Die Putzkraft oder der Schlachthofmitarbeiter kann sich nicht ins Homeoffice retten.

Stimmt es, dass ärmere Menschen generell anfälliger für Krankheiten sind?

Ja, das ist bekannt, seit es medizinische Statistiken gibt. Die Gründe dafür sind vielfältig und hängen von der Krankheit ab. Ganz grob gesprochen kann man sagen, dass Armut ein Gesundheitsrisiko ist: Man kann sich weniger gesunde Nahrung, eine schlechtere Wohnung, weniger Freizeit und weniger Sport leisten. Ärmere Menschen gehen später zum Arzt. Sie scheuen die Folgekosten: Medikamente werden dann nicht wie vorbesprochen eingenommen, weil man die Zuzahlung nicht leisten kann. Geld hat unmittelbar mit den eigenen Lebensumständen zu tun, und die wiederum können Krankheiten auslösen.

Wie steht es um die psychische Gesundheit?

Armut und Arbeitslosigkeit sind eine psychische Belastung, denn Perspektivlosigkeit und Angst um die eigene Zukunft sind starke Stressfaktoren, die Menschen psychisch krank machen können. Wenn Menschen sich in so einer Lage befinden, verhalten sie sich gesundheitsschädlicher: Es wird mehr geraucht und weniger Sport getrieben.

„Jugendliche aus Familien mit Hartz-IV-Bezug haben eine deutlich schlechtere Gesundheit als andere. Da geht es um strukturelle Probleme“

Was läuft in der Debatte über Armut und gesundheitliche Risiken falsch?

Ganz oft wird gesagt, das seien individuelle Verhaltensfaktoren, nach dem Motto: „Die sind selber schuld“, „Die rauchen ja alle, essen Chips“. Es sind aber viel mehr Faktoren, die zum Teil von den Leuten gar nicht zu beeinflussen sind. Die Ernährung bei Hartz IV zum Beispiel hat platt gesagt ja mit dem wenigen Geld zu tun. Worüber wir sprechen müssten: Wie verändern wir die Verhältnisse, die Leute krank machen, oder die Verhältnisse, die Leute dazu bringen, sich krankmachend zu verhalten? Wie ermöglichen wir allen einen einfachen Zugang zu gesundem Sport, gesunder Bildung und gesunden Schulen – unabhängig vom Geldbeutel?

Im Gegensatz zu Ländern wie zum Beispiel den USA sind die allermeisten Menschen in Deutschland krankenversichert. Warum gibt es dennoch diese Ungleichheit?

Ja, Deutschland hat den Vorteil einer universellen Gesundheitsversorgung, aber die kommt natürlich immer erst am Ende ins Spiel, wenn die Menschen schon krank sind. Wir müssen das Problem schon vorher angehen. Den Stein der Weisen hat noch kein Land gefunden. Es gibt praktisch in jedem Staat der Welt, aus dem Daten vorliegen, gesundheitliche Ungleichheiten.

Was sollte die Politik tun?

Die Bundesregierung müsste dem folgen, was die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon lange fordert: Gesundheit muss ein strategisches Thema auf höchster politischer Ebene sein. Die WHO spricht von „health in all policies“. Das bedeutet, dass in allen Politikfeldern darauf geachtet werden muss, gerade Menschen mit wenig Ressourcen ein gesundes Leben zu ermöglichen. Bildungs- und Gesundheitspolitik, Ernährung, Verbraucherschutz: All das muss koordiniert werden, und dafür braucht es eine übergeordnete Strategie.

Welche konkreten Maßnahmen wären dafür denn wichtig?

Spontan fällt mir das Bildungssystem ein, das in Deutschland sozial noch immer sehr geschlossen ist. Es ist ein ganz wichtiger Hebel, hier schon bei Kindern und Jugendlichen anzufangen – damit von Anfang an Chancengleichheit besteht und sich nicht im Laufe des Lebens sozial bedingte Krankheiten ausbilden. Kinder und Jugendliche aus Familien mit Hartz-IV-Bezug haben eine deutlich schlechtere Gesundheit als andere. Da geht es um strukturelle Probleme.

Prof. Dr. Nico Dragano lehrt medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Schwerpunkte seiner Forschung sind die Arbeitsgesundheit und der Zusammenhang zwischen sozialer Stellung und Gesundheit.

Titelbild: Niklas Grapatin/laif. Während der Coronakrise sind in vielen Städten Gabenzäune entstanden. Menschen können so Lebensmittel oder Klamotten spenden. 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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