Hauchdünn ist der Vorsprung, mit dem der Ex-Grünen-Politiker Alexander Van der Bellen zum neuen österreichischen Bundespräsidenten gewählt geworden ist. Auf diese Zitterpartie in der Stichwahl dürfte für den designierten Staatschef nun ein politisches Projekt von größeren Dimensionen folgen. Jedenfalls wenn der 72-jährige Wirtschaftsprofessor, der als unabhängiger Kandidat angetreten ist, wahrmachen möchte, was er nach der Wahlentscheidung angekündigt hat: Er wolle nun das „Gemeinsame vor das Trennende stellen“ und der „Präsident aller Österreicher“ sein, sagte Van der Bellen.

Voraussichtlich ein Kraftakt. Immerhin hat sich in der Stichwahl fast die Hälfte der Wähler gegen ihn und für einen Kandidaten ausgesprochen, der konträrer nicht sein könnte: Van der Bellens Kontrahent war der „Blaue“ Norbert Hofer, der Kandidat der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ). Der hatte auch im ersten Wahlgang, als die Österreicher sich noch zwischen einer ganzen Reihe von Kandidaten entscheiden konnten, bereits ein Drittel aller Stimmen bekommen, und damit weit vor seinen Konkurrenten gelegen.

Und hätten nur die jungen Männer abgestimmt, dann wäre die Stichwahl vom vergangenen Sonntag gar nicht nötig gewesen: In der ersten Runde der Wahl sammelte sich bereits die Mehrheit von ihnen hinter Hofer. 51 Prozent der Männer unter 29 kreuzelten für den Rechtspopulisten an – dagegen nur 21 Prozent der Frauen dieser Altersgruppe. Will Van der Bellen wirklich der Präsident aller Österreicher sein, wird er gerade diese Wählergruppe verstehen und ihnen eine Perspektive aufzeigen müssen. Was hat sie bewogen, ins rechte populistische Lager abzuwandern?

Mit Hofer ist angeblich alles möglich

Norbert Hofer gab sich als „Schutzherr“ der Österreicher: vor Flüchtlingen, die heimische Werte gefährden würden, und vor der EU, die den Staat in den finanziellen Ruin treibe. Weil der österreichische Bundespräsident im Gegensatz zum deutschen direkt vom Volk gewählt wird, fand im Vorfeld ein inhaltlich aufgeladener Wahlkampf statt. Auf Wahlplakaten warb Hofer zum Beispiel mit „Aufstehen für Österreich – Deine Heimat braucht dich jetzt“ und nannte seinen Kontrahenten Van der Bellen im Gegenzug einen „faschistischen grünen Diktator“. Als Bundespräsident könnte Hofer formal unabhängig handeln. Seine Positionen lassen sich in der Praxis aber kaum von denen aus dem Parteiprogramm der FPÖ trennen. Immerhin wurde dieses unter seiner Verantwortung verfasst – und wird etwa für die Diskriminierung von Lesben und Schwulen stark kritisiert.

Warum fühlten sich gerade junge Männer von Norbert Hofer angesprochen? Welche Wahlmotive wogen bei ihnen am schwersten? Und könnte man die Ergebnisse auch auf junge AfD-Wähler übertragen? Wir haben nach Antworten gesucht, zusammen mit dem Politologen Peter Filzmaier, dem Soziologen Bernhard Heinzlmaier vom Institut für Jugendkulturforschung, dem Sprecher der Menschenrechtsorganisation SOS Mitmensch, Alexander Pollak, und natürlich: bei den jungen Hofer-Wählern unter 29.

Mit Aussagen wie „Sie werden sich noch wundern, was alles gehen wird!“ hatte Norbert Hofer angekündigt, im Falle eines Sieges mit politischen Gewohnheiten zu brechen und ein Präsident der großen Taten zu sein. Beispiel: Hofer wollte den TTIP-Vertrag nicht unterschreiben, selbst dann nicht, wenn das Parlament zustimmen sollte. Stattdessen wollte er eine Volksabstimmung verlangen. Dieses Gebaren kommt an, sagt der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier: „Junge Menschen sind die machtloseste Personengruppe in der Gesellschaft.“ In der Schule, in der Ausbildung, auf der Arbeit – überall stünden sie auf der untersten Stufe der Hierarchie. Dass nun gerade die Machtlosen die Macht bewundern, sei eine sozialkulturelle Regel.

„Junge Menschen sind die machtloseste Personengruppe in der Gesellschaft.“

Die wichtigste Aufgabe des deutschen Bundespräsidenten ist es, das Land zu repräsentieren. Davon abgesehen spricht ihm das Grundgesetz nur sehr geringe politische Kompetenzen zu. Die österreichische Verfassung dagegen erlaubt dem Bundespräsidenten tatsächlich, auch sehr inhaltlich zu agieren, „anstatt sozusagen nur öffentlicher Notar zu sein“, wie es der Politologe Peter Filzmaier ausdrückt – und wie viele Österreicher die Rolle des Präsidenten bisher interpretierten.

Der Gender-Gap in der jungen Altersgruppe ist praktisch eine Gender-Gletscherspalte. Junge Frauen haben am häufigsten Van der Bellen gewählt, junge Männer den FPÖ-Kandidaten. Ein Grund, warum der rechtspopulistische Kandidat bei ihnen besser ankommt als bei ihren Altersgenossinnen: Die FPÖ ist ein „traditioneller Männerbund“, und zwar einer, „bei dem Männer an der Spitze sind und Frauen mithelfen dürfen“, formuliert Jugendforscher Heinzlmaier es überspitzt.

Das Wettern gegen „Genderwahnsinn“ kommt bei Männern besser an als bei Frauen

Indizien dafür, dass er da gar nicht so falsch liegt, finden sich im Parteiprogramm oder sind wie jüngst bei der Mai-Kundgebung in Linz auch lautstark zu hören: Dort sangen die Rechtspopulisten die österreichische Bundeshymne. In der seit 2012 geschlechtergerecht formulierten Strophe wird Österreich als „Heimat großer Töchter und Söhne“ besungen. Die FPÖler ließen die Töchter aber willentlich wegfallen und schmetterten provokativ in der alten Fassung: „Heimat bist du großer Söhne“. Die Partei beruft sich dabei auf den „Genderwahnsinn“ und darauf, „Tradition“ bewahren zu wollen.

Im aktuellen „Bericht zur Lage der Jugend in Österreich“ des Bundesministeriums für Familien und Jugend wird deutlich: Was Geschlechterrollen betrifft, sind sich die Jungen ganz schön uneinig. 85 Prozent der weiblichen Befragten gaben an, dass Frauen im privaten wie im öffentlichen Bereich prinzipiell gleichgestellt sein sollten. Bei den männlichen Jugendlichen wollten das dagegen nur etwas mehr als zwei Drittel. Jeder Zweite fand gar, dass Frauen weder dabei unterstützt noch dazu aufgefordert werden sollten, gleichberechtigte Positionen einzunehmen. Dass sich jenes Geschlecht, das sich eher zu einem traditionellen Rollenverständnis bekennt, auch eher von einer Partei angesprochen fühlt, die dieses zu bewahren verspricht, ist vielleicht nicht ganz aus der Luft gegriffen.

„Heimat bist du großer Söhne“

„Je tiefer die Schicht, desto tiefer sitzen die traditionellen Rollenbilder“, sagt der Jugendforscher Heinzlmaier und spricht damit das Bildungsniveau der Wähler an: Mit zunehmender Bildung schwinde die Zustimmung für Norbert Hofer.

Mehr als die Hälfte derer, die eine Lehre absolviert haben, haben Hofer gewählt – bei den Abiturienten sind es nur 13 Prozent. Dabei muss man verstehen, dass Lehrberufe in Österreich ein anderes Image haben als in Deutschland. Ist es in Deutschland nicht ungewöhnlich, dass jemand Abi macht und dann noch eine Ausbildung dranhängt, gilt die Lehre in Österreich als die „Lehre der Unterschicht“, die „Lehre der Marginalisierten“, wie sie Heinzlmaier nennt.

Tatsächlich gibt es ein riesiges Anerkennungsproblem. Sowohl die Regierungsparteien SPÖ und ÖVP als auch die Grünen betonen stets: Bildung ist wichtig. Bildung gehört gefördert. „Fällt Ihnen spontan eine Erzählung der Grünen ein, dass speziell die Lehrlinge tolle Bildungs- und Berufschancen hätten?“, fragt Politologe Filzmaier und macht damit klar: Die Auszubildenden werden in den Wahlversprechen der Eliten ignoriert, von der FPÖ hingegen gehört.

Auch die jungen Österreicher haben ihre Regierung satt

Seit dem Zweiten Weltkrieg war es stets so: Eine der beiden großen Volksparteien stellt den Präsidenten. Wenn nicht die ÖVP, dann halt die SPÖ, und wenn nicht die SPÖ, dann halt die ÖVP. Ausnahmen? Gab es keine.

Das ist jetzt vorbei: Über drei Viertel der befragten Wahlberechtigten gaben kurz vor der Wahl an, von den Regierungsparteien enttäuscht oder verärgert zu sein. Die Jungen machen da keine Ausnahme und stimmten vor allem aus Protest für den 45-jährigen Hofer, sagt Heinzlmaier. Die Politikskepsis der Altersgruppe hätte etwas Passiv-Aggressives, einen Vibe von „Denen zeigen wir’s!“

„Die da oben verstehen es nicht anders.“

Der 17-jährige Wiener Schüler David Kittel zum Beispiel (in Österreich gilt das Wahlrecht ab 16) hat in der ersten Wahl für Norbert Hofer gestimmt. Auch wenn Kittel manches stutzig macht, etwa dass Hofer Ehrenmitglied der schlagenden Burschenschaft Marko-Germania Pinkafeld ist, findet er: „Wenn ich mir die anderen Kandidaten anschaue und das, was die Regierungsparteien im Moment so treiben, dann ist für mich ganz klar: Die da oben verstehen es nicht anders.“

Marcel, ein 24-jähriger Berufssoldat aus Tirol, sagt zum Beispiel, dass er mit seinem Wahlkreuzchen ein Zeichen dafür setzen wollte, „dass wir unzufrieden sind mit dem, was die in Wien machen“. Ein Zeichen, „das nicht missverstanden werden kann“. An der Grenze hat er die Flüchtlingssituation hautnah miterlebt und findet das derzeitige Asylrecht seitdem einfach unzumutbar. Handle ein Flüchtling gegen das Gesetz, zum Beispiel weil er seine Frau schlägt, solle das Bundesheer ermächtigt sein einzugreifen, wünscht sich Marcel. „Ich bin immer noch der Meinung, dass wir Menschen aufnehmen müssen, ganz klar“, sagt er, „aber nicht unter den jetzigen Bedingungen, nicht, wenn von der Regierung weiterhin null Unterstützung kommt.“

Viele der jungen Hofer-Wähler hätten eine diffuse Angst vor dem Fremden, sagt Heinzlmaier. Die FPÖ würde diese „rationalisieren und auf materielle Interessen umlagern.“ Die Jungen der sozialen Unterschicht hätten Angst, von ihrem Geld und dem, was eigentlich den armen Österreichern zustehe, den Unterhalt von Flüchtlingen finanzieren zu müssen.

... aber sonst ist vielen nicht ganz klar, wem sie ihre Stimme gegeben haben

Von der Asylpolitik einmal abgesehen: Wissen die Jungen, was sonst noch so im Parteiprogramm steht? Glaubt man dem Jugendforscher Heinzlmaier, dann nein. Fragt man junge Österreicher, wofür die FPÖ stehe, hätten diese oft keine Ahnung. „Sie steht für die Freiheit“, würden sie zum Beispiel antworten. Die Partei geschichtlich einordnen, das könnten die allerwenigsten. Dass die FPÖ zum Beispiel aus dem Verband der Unabhängigen, einem Sammelbecken der Nazis, entstand? Das hätten maximal noch ein paar Gymnasiasten im Hinterkopf. Gerade deshalb sei das Wahlergebnis, so Heinzlmaier, eine „historische Watschn“.

Dass vielen Österreichern gar nicht klar ist, warum ein Bundespräsident Hofer manchen so große Sorge macht, fiel Alexander Pollak, dem Autor und Sprecher der Menschenrechtsorganisation SOS Mitmensch, auf. Sein offener Brief „Warum nicht Hofer“, in dem er in erster Linie auf Hofers rassistisches Umfeld aufmerksam macht, wurde auf Facebook über 900 Mal geteilt. „Gerade junge Menschen sehen den Frieden in Europa als selbstverständlich“, sagt er. Dass dieser ein Verdienst der Europäischen Union sei – die Norbert Hofer in ihrer jetzigen Form am liebsten sprengen und durch Nationalismus ersetzen wolle –, hätten die meisten vergessen. Die Europa-Vision der FPÖ ist laut Wahlprogramm die eines „Verbundes selbstbestimmter Vaterländer“, die in erster Linie auf sich selbst bedacht sind, statt eine gemeinsame Politik der Vielfalt zu betreiben.

 

„Norbert Hofers freundliches Auftreten drängt seinen ideologischen Hintergrund in den Hintergrund“, sagt Pollak. Hört man sich bei den jungen Wählern um, dann dürfte Hofer diese Sanftheit wirklich einige Stimmen eingebracht haben. Der Wiener Schüler David Kittel zum Beispiel ist von Hofers dynamischer und ruhiger Art beeindruckt: „In Diskussionen, ob nun bei Parteitreffen oder in der Elefantenrunde, tritt er immer bestimmt, aber besonnen auf.“ Nicht so radikal wie Parteichef Heinz-Christian „HC“ Strache, das finde er gut.

Gibt es Parallelen zu den jungen Wählern der AfD?

In Sachsen-Anhalt wählte bei den Landtagswahlen im März etwa jeder Vierte zwischen 18 und 24 Jahren die AfD. Gibt es Parallelen zu den Österreichern? Der Politologe Filzmaier ist da vorsichtig: „Die empfundene Perspektivlosigkeit der Jugend in den neuen Bundesländern ist regional als mögliches Wahlmotiv nicht mit Österreich vergleichbar.“ Gemeinsamkeiten gebe es aber natürlich, etwa das Gefühl Jugendlicher, dass „Traditionsparteien mit ihrer täglichen Lebenswelt nichts zu tun haben“.

Jugendforscher Heinzlmaier gibt auch noch zu bedenken, dass die FPÖ in ihrem Kern weitaus radikaler und autoritärer sei als die AfD. Sie besitze „eine konsistente Ideologie“. Egal wie strahlend Norbert Hofer auftrete, sagt Heinzlmaier, „er hat keine Kreide gefressen.“ Eigentlich musste allen klar sein, egal wie jung oder alt, in welche Richtung Hofer mit Österreich gehen wollte.