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Mein Mann, mein Kind, meine Psychose

Der Roman „Kim Jiyoung, geboren 1982“ von Cho Nam-Joo hat in Südkorea feministische Proteste befeuert – dabei beschreibt er nur das Leben einer absoluten Durchschnittsfrau

  • 4 Min.
Cho Nam-joo

Eigentlich antwortete der K-Pop-Star Irene bei einem Fantreffen 2018 auf eine ziemlich gewöhnliche Frage. „Was für Bücher hast du gelesen in letzter Zeit?“, wollte dort jemand von der Frontfrau der Gruppe Red Velvet wissen. Ihre Antwort, in der sie das Buch „Kim Jiyoung, geboren 1982“ nannte, löste in südkoreanischen Online-Netzwerken Ärger unter männlichen „Fans“ aus: Sie posteten Bilder zerschnittener Red-Velvet-Merchandising-Produkte, verbrannten Fotos mit Irenes Gesicht. Was hatte sie da bloß für ein Buch genannt? Ein radikales Pamphlet, das Hass auf Männer schürt? Einen Kastrationsaufruf?

Wer „Kim Jiyoung, geboren 1982“, das im Februar nun auch in deutscher Übersetzung erscheint, tatsächlich gelesen hat, kann sich über diese heftigen Reaktionen nur wundern. Die Stärke dieses Buches liegt nämlich so gar nicht in einem kämpferischen Ton, in drastischen Ansagen zur Abschaffung des Patriarchats oder einer übersteigerten Dystopie à la „The Handmaid’s Tale“.

Plötzlich scheint sich Kim Jiyoungs Persönlichkeit aufzuspalten

Vielmehr beschreibt die Autorin Choo Nam-Joo, selbst geboren im Jahr 1978, in einem fast schon emotionslos nüchternen Ton die Biografie einer Durchschnittsfrau in Südkorea: Kim Jiyoung wird als zweites Kind eines Beamten und einer Hausfrau in Seoul geboren, geht zur Schule, studiert, arbeitet, heiratet, bekommt ein Kind – so weit, so gewöhnlich. Bereits am Anfang des Buches erfährt man allerdings, dass Jiyoung sich mit Anfang 30 zunehmend alles andere als gewöhnlich verhält: Kurz nach der Geburt ihrer Tochter scheint sich ihre Persönlichkeit aufzuspalten: Immer wieder übernehmen Frauen aus ihrer Vergangenheit Besitz von ihr, zuerst eine Freundin aus Studienzeiten, dann die eigene Mutter.

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Kim Jiyoung, geboren 1982

„Kim Jiyoung, geboren 1982“ (208 Seiten, 18 Euro) von Cho Nam-Joo ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen

Ihr Therapeut, aus dessen Sicht ein Teil des Romans erzählt ist, geht zunächst von einer postnatalen psychischen Störung aus. Nachdem man als Leser aber mehr und mehr über Kim Jiyoung erfährt, kommt man zu einem ganz anderen Schluss: Kim Jiyoungs Leiden beruht darauf, dass sie – wie Millionen südkoreanische Frauen – ein Leben führt, in dem Unterdrückung, Sexismus, Gewalt und Ungerechtigkeit zum Alltag gehören.

In vier Epochenabschnitten von 1982 bis 2015 zeichnet die Autorin exemplarisch das Bild einer Frau, die von der Gesellschaft trotz bestem Willen ihrerseits permanent niedergerungen wird. Zugleich erzählt der Roman von der Geschichte Südkoreas: vom Hochgeschwindigkeitsaufbruch des Landes in eine kapitalistische Leistungsgesellschaft. Eine aus westlicher Perspektive immer wieder gefeierte Entwicklung, die aber nicht zuletzt auf dem Rücken der südkoreanischen Frauen ausgetragen wurde (im Gender-Gap-Report des Weltwirtschaftsforums von 2020 belegt Südkorea den 108. von 153 Plätzen).

Das beginnt bereits bei Jiyoungs Geburt: Cho Nam-Joo beschreibt eine Mutter, die sich vor der ganzen Familie für ihr „Versagen“ rechtfertigen muss, keinen Sohn geboren zu haben. Als Jiyoungs Mutter nach ihr wieder mit einem Mädchen schwanger ist, entschließt sie sich zur Abtreibung. Der darauf folgende Sohn wird von den Eltern verhätschelt wie ein Prinz, bekommt als Erster ein eigenes Zimmer, später müssen seine beiden Schwestern arbeiten, um ihm das Studium zu finanzieren.

Bei der Jobsuche muss Jiyoung sich sexuelle Anspielungen in Bewerbungsgesprächen gefallen lassen, später dann dabei zusehen, wie die männlichen Kollegen befördert werden, während die Frauen mit ihrem „Schwangerschaftsrisiko“ auf der Strecke bleiben.

Die Männer nehmen die Ungerechtigkeiten ratlos bis gleichgültig hin

Dem gegenüber stehen die Männer, die in diesem Buch nur selten als bewusst feindselig auftreten, aber den Alltag ihrer Töchter, Frauen und Kolleginnen, die sexuellen Belästigungen und himmelschreienden Ungerechtigkeiten ratlos bis gleichgültig hinnehmen. Besonders deutlich wird das bei Jiyoungs Ehemann Daehyon, der seine Frau zwar vor den Erwartungen seiner Eltern in Schutz nimmt, letztendlich aber doch auf Kinder drängt, obwohl er weiß, dass ein Baby in der südkoreanischen Gesellschaft für eine Frau mit großer Wahrscheinlichkeit das Ende ihrer Karriere bedeutet.

Wohl um dem Vorwurf zu begegnen, hier ein allzu düsteres, realitätsfernes Bild zu zeichnen, verwebt die Autorin Jiyoungs Geschichte mit Fakten aus Studien inklusive Belegen in Form von Fußnoten. So erfahren wir etwa, dass im Jahr 2014, als Jiyoung wegen ihres Kindes ihren Job aufgibt, jede fünfte Frau einen ähnlichen Schritt machte. Cho Nam-Joo will ihr Buch explizit nicht nur als Kunstwerk, sondern als einen Debattenanstoß verstanden wissen. „Kim Jiyoung, geboren 1982“ erschien 2016 in Südkorea, im selben Jahr, in dem der frauenfeindlich motivierte Mord an einer 34-Jährigen für Empörung sorgte. Der Roman, der sich im Land mehr als 1,3 Millionen Mal verkaufte, wurde Teil einer Art südkoreanischen #MeToo-Bewegung – inklusive antifeministischer Gegenreaktionen wie die eingangs erwähnten Anfeindungen gegen den K-Pop-Star Irene.

Arbeiten für die Volkswirtschaft, nicht für die Emanzipation

Interessant ist hierbei auch, dass Cho Nam-Joo in ihrem Buch nicht nur nüchtern das Leid der Frauen thematisiert, sondern auch deren Verknüpfung mit den Ansprüchen einer Volkswirtschaft, die im Zuge ihres rasanten Wachstums das Kapitel „Sozialstaat“ übersprungen zu haben scheint. Und in der die Einbindung der Frauen als Arbeitskräfte nur bedingt emanzipatorisch motiviert war: Nicht nur althergebrachte Rollenbilder und Familientraditionen lasten auf den südkoreanischen Frauen, sondern auch die wirtschaftliche Not, als Hausfrau mit Nebenjobs Geld verdienen zu müssen. Oder als Schwangere bis kurz vor der Entbindung zu arbeiten, nur um in der U-Bahn auf der Fahrt zum Büro als Rabenmutter beleidigt zu werden.

Die Ungerechtigkeit steckt in „Kim Jiyoung, geboren 1982“ immer auf beiden Seiten, sowohl in der alten als auch in der neuen, vermeintlich fortschrittlicheren Welt. Alltägliche Abgründe, die sich mit individueller Psychotherapie allein nicht zuschütten lassen. Und an denen Frauen weiterhin tagtäglich zerbrechen. Nicht nur in Südkorea.

Titelbild: Jun Michael Park/laif

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

2 Kommentare
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Kang Seulgi
  ·  
16.02.2021-09:02

Gib niemals auf!

Britta Beyer
  ·  
16.02.2021-10:02

Auch hierzulande sind Frauen "gezwungen" arbeiten zu gehen. In der Wirtschaft wird die von Müttern gewünschte, zeitweise Teilzeitarbeit so lange die Kinder noch klein sind, nicht gern gesehen und nur zähneknirschend mit ständigen Vorwürfen an die Mütter, nicht Vollzeit dem Unternehmen zur Verfügung zu stehen, gewährt. Zudem wird versucht, die Vollzeitverträge der Mütter von Arbeitgebern in dauerhafte billigere Teilzeitverträge umzuwandeln. In manchen Branchen werden z.B. Rechtsanwältinnen in großen Kanzleien nach Ablauf des Mutterschutzes sofort gekündigt, da kommt es dann nicht einmal mehr zu vielleicht gewünschten Teilzeitanstellungen. Wenn man sich die Mühe macht, die Biographien der sogenannten Prenzlauer Berg Mütter mal genauer anzuschauen, so findet man viele Schicksale von Müttern, denen die Rückkehr in den ursprünglichen Job eben nicht oder nicht so besonders gut gelungen ist. Deshalb verwirklichen sie sich dann in Kindercafés, Kinderbuchläden, Kindermusikschulen etc., um überhaupt noch etwas zu verdienen. Frauen sind leider auch oft untereinander nicht besonders verständnisvoll für verschiedene familienorientierte Lebensmodelle, es sollten alle Varianten möglich sein, wenn es die Finanzen erlauben, sich auch 2 bis 4 Jahre der Kinderbetreuung zu widmen und eben nicht nach einem Jahr wieder in den Job zurückkehren zu müssen, wenn man es als Mutter nicht will. Gerade jetzt im coronabedingten Lookdown bemerkt man, wie viel besser es für manche Kinder ist, nicht so lange in der Schule betreut werden zu müssen und selbst bei der Hausaufgabenbetreuung noch etwas munterer dabei zu sein und nicht erst nach 17 Uhr, wenn man abgehetzt aus dem Büro kommt. Die Anstrengungen Kind(er)bzw. Familie und Beruf in Einklang zu bringen sind auch hierzulande nicht unerheblich für viele Frauen. Das kommt nur in der gegenwärtigen Literatur nicht so stark zum Ausdruck, abgesehen von Sabine Rennefanz befasst sich kaum jemand mit diesem Thema.