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Wird die Corona-Pandemie zur Psychopandemie?

Warum Videokonferenzen die Wahrnehmung erweitern, Männer seltener Masken tragen und wie wir gut durch den Herbst kommen: eine Sitzung bei der Therapeutin Angelika Kallwass

Lockdown, Corona, Quarantäne

Corona schlägt aufs Gemüt. Kinder, Jugendliche, Erwachsene – alle Altersgruppen berichten vermehrt von psychischen Leiden. Grund genug, eine der prominentesten Psychotherapeut*innen des Landes aufzusuchen, um ihre Einschätzung der Situation einzuholen. Bekannt wurde die ausgebildete Psychoanalytikerin Angelika Kallwass durch die Psychologie-Sendung „Zwei bei Kallwass“ (später „Kallwass greift ein!“). Inzwischen arbeitet sie in ihrer eigenen Praxis in Köln. Zoom oder Skype verwendet sie nicht – das Gespräch führen wir ganz oldschool am Telefon.

fluter.de: Sie hatten lange Jahre eine Sendung im Fernsehen. Warum haben Sie eigentlich noch keinen Podcast, um die Menschen psychotherapeutisch durch die Pandemie zu begleiten?

Angelika Kallwass: Wenn ich wüsste, wie das technisch ginge … (lacht) Ich habe insgesamt den Eindruck, dass die Presse schon eine gute Arbeit darin leistet, Allgemeinpsychologisches zu vermitteln. So ein Podcast könnte höchstens sinnvoll sein, um sich auf Einzelschicksale zu konzentrieren.

In den vergangenen Monaten sind die Diagnosen für psychische Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen rapide angestiegen. Warum ist die Pandemie so eine Herausforderung für die Psyche?

Im Vordergrund steht die Beschränkung auf sich selbst, da der Kontakt so stark eingeschränkt ist. Wir sind stärker auf die eigenen Ängste und den engsten Raum zurückgeworfen. Daneben sind Berührungen zur Gefahr geworden – schließlich könnten wir uns bei anderen anstecken. Körperliche Nähe ist aber ein menschliches Grundbedürfnis. Ich befürchte, dass dieser Verlust Wunden in den Seelen vieler Menschen hinterlassen wird.

 
Lockdown, Corona, Quarantäne
Eingesperrt in der Sperrzone: Im März verhängte Mailand eine Ausgangssperre, um die Pandemie, die Italien besonders traf, in den Griff zu bekommen. Gabriele Galimberti hat Menschen fotografiert, die ihre Wohnungen nicht verlassen durften

Wird die Corona-Pandemie zu einer „Psychopandemie“?

Die Pandemie existiert in unseren Köpfen in überdimensionierter Form. Ich wüsste nicht, wo man dem Thema aktuell noch ausweichen könnte. Das macht natürlich etwas mit uns. Auch an mir selbst stelle ich fest, dass ich gar nicht mehr richtig abschalten kann. In der Geschichte gab es schon viele andere Erreger, die weltweit für Aufsehen sorgten und die Menschen beschäftigten, aber ich glaube, dass diese Krankheiten nicht so allgegenwärtig waren. Und das liegt sicherlich an den Medien. Auch wenn es gut und wichtig ist, dass sie eine vermittelnde Rolle einnehmen und zum Beispiel über Vorsichtsmaßnahmen aufklären.

„Im Digitalen gehen viele Informationen verloren, auf deren psychische Verarbeitung der Mensch Jahrtausende trainiert war“

Durch die Kontaktbeschränkungen werden sicher wieder viele Menschen unter Einsamkeit leiden. Was können wir diesem Gefühl entgegensetzen?

Schon die gelegentliche Vergewisserung „Ich bin nicht allein“ kann hilfreich sein. Schließlich durchleben wir gerade alle zusammen diese Pandemie. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, an wen sich Menschen im Notfall wenden können, welche Kontakte sie reaktivieren könnten – in welches soziale Netz sie bereits eingebettet sind. Meine Empfehlung ist: Bleiben Sie mit anderen in Kontakt und finden Sie gemeinsame – und vielleicht neue – Rituale der Kommunikation.

In vielen Haushalten leben Menschen auf begrenztem Raum mit anderen zusammen. Was empfehlen Sie, damit Menschen in beengten Wohnverhältnissen im Corona-Winter nicht die Decke auf den Kopf fällt?

Als Haushalt könnte man gemeinsam ein Zimmer in der Wohnung bestimmen, in dem sich jeder täglich für einen festgelegten Zeitraum alleine aufhalten darf, ohne von den anderen gestört zu werden. Schließlich ist es ein Luxus, mal für sich sein zu dürfen.

Lockdown, Corona, Quarantäne

Unser „neuer“ Alltag ist mittlerweile schon über ein halbes Jahr alt. Der Krisenmodus ist zum Normalmodus geworden.

Ja. Und es hat auch etwas Positives, dass dieser Alltag zur Gewohnheit geworden ist. Sonst könnten wir ihn vielleicht gar nicht ertragen. Am Anfang haben wir alle noch gemeckert und gemotzt. Mittlerweile nehmen wir vieles klaglos und selbstverständlich hin. Was ich und meine Patienten, aber auch sicher viele andere Menschen, vermissen, ist, dass man sich nicht mehr die Hand geben kann. Auch wenn das nur eine kleine Geste ist: Das Körpergefühl kommt uns ein Stück abhanden. Im öffentlichen Raum habe ich mich mittlerweile daran gewöhnt, dass die Blicke und die Körpersprache bedeutender geworden sind, als die gesprochenen Worte. 

Sind Videokonferenzen, in denen wir uns jetzt so viel aufhalten, ein adäquater Ersatz für körperliche Begegnungen?

Dass diese digitalen Räume existieren, halte ich für extrem wichtig. Im Digitalen gehen jedoch viele Informationen verloren, auf deren psychische Verarbeitung der Mensch Jahrtausende trainiert war. Meine Erwartung ist, dass sich die Wahrnehmung in der jüngeren Generation, die diese digitalen Räume besonders häufig nutzt, erweitern wird. Fällt der Gesamteindruck des Gegenübers weg, fängt man an, verstärkt auf einzelne Aspekte zu achten, wie die Stimme oder den Augenausdruck, oder auch die geschriebenen Worte, die im Digitalen wieder eine wichtigere Bedeutung bekommen. Ich persönlich bevorzuge eine physische Begegnung immer gegenüber einer digitalen. Für meine Arbeit als Psychoanalytikerin ist die Wahrnehmung des gesamten Körpers des Gegenübers allerdings auch besonders wichtig.

Ich habe gehört, dass manche Menschen mittlerweile von Zoom-Konferenzen träumen …

Ja, wirklich? Träumen Sie etwa davon? In meinem Alltag ist vor allem das Telefon wichtig. Ich habe bisher aber sehr selten davon geträumt zu telefonieren.

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Welchen langfristigen Effekt, glauben Sie, wird diese Pandemie auf uns haben?

Schon jetzt haben wir anerkennen müssen, wie verletzlich wir sind. Die Pandemie zerstört unsere Fantasie, dass moderne Medizin alles kann. Auch wenn wir gleichzeitig das Vertrauen in die Wissenschaft haben, dass sich ein Impfstoff findet. Perspektivisch denke ich, dass die Menschen in ihrem ganzen Verhalten vorsichtiger sein werden als vor der Pandemie. Ich glaube zum Beispiel, dass wir stärker als früher differenzieren werden: Wen nehme ich noch in den Arm? Mit wem möchte ich körperlich sein?

Welchen Einfluss hat dieser ständige Wechsel von Beschränkungen und Lockerungen auf unsere Psyche?

Das ist wie schlechte Erziehung. Als würden Eltern immer wieder was anderes sagen. Allgemein verunsichert dieses Wechselspiel. Viele Leute fangen dann an, individuelle Regelsysteme zu entwickeln. Ich glaube, dass bestimmte Gruppen davon stärker verunsichert werden als andere, wie zum Beispiel ältere Leute oder auch Menschen, die aufgrund geringer Sprachkenntnisse Schwierigkeiten haben, die sich ständig ändernden Informationen mitzubekommen.

„Selbst im Krieg, als die Bomben gefallen sind, haben sich die Leute gefragt: Was kann das Leben jetzt ein bisschen schöner machen?“

In öffentlichen Verkehrsmitteln oder in Geschäften sehe ich immer noch Menschen, die den Mundschutz runtergezogen unter der Nase oder unter dem Kinn tragen. Fast immer sind das Männer. Ist Verantwortungsbewusstsein eine Frage des Geschlechts?

Sich und andere zu schützen, das wird gesellschaftlich oft nicht als Aufgabe der Männer wahrgenommen. Das Tragen der Maske ist psychologisch für manche mit dem Eindruck von Schwäche verbunden. Ich denke da vor allem an die Männer, die die Überzeugung verinnerlicht haben „Ein echter Held kennt keine Schwäche“ und im Umkehrschluss möglicherweise sogar die verachten, die Masken tragen.

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Im Zusammenhang mit sogenannten „Corona-Partys“ wurde die Jugend in den letzten Monaten oft zum Sündenbock erklärt. Zu Recht?

Ich glaube, ja! Weil Unvorsichtigkeit und Übermut – „Mir wird schon nichts passieren“ – ein Stück weit zum Jungsein dazugehören. Und die Jugend ist ja auch tatsächlich weniger anfällig für gravierende Krankheitsverläufe. Zur Pubertät gehört es dazu, Regeln brechen zu wollen. Das ist normalerweise gut so. Wenn die Jugend immer so vorsichtig wäre, würden wir heute noch auf den Bäumen sitzen. Natürlich ist es nicht in Ordnung, wenn sie durch ihr Verhalten andere, die zur Risikogruppe gehören, gefährdet.

Wie blicken Sie auf die nächsten Monate? Mit Sorge oder mit Zuversicht?

Ich blicke mit einer gewissen Sorge auf die Zukunft: Was passiert, wenn der Impfstoff endlich da ist, aber eben nicht in ausreichender Menge, um alle Menschen auf einmal zu impfen? Wer hat Vorrang, wer verzichtet zunächst auf die Impfung? Daneben habe ich Zuversicht: Ich glaube, dass in den kommenden Monaten die Kreativität der Gesellschaft weiterhin gefragt sein wird. Kreativität bedeutet, aus der Not eine Tugend zu machen, sonst könnte man gleich die ganze Zeit depressiv dasitzen und denken „Alles ist ganz furchtbar“. Auch wenn eine Situation schrecklich ist, gibt es tief in uns Menschen den Wunsch, etwas zu leben oder zu erleben. Selbst im Krieg, als die Bomben gefallen sind, haben sich die Leute gefragt: Was kann das Leben jetzt ein bisschen schöner machen? Es ist doch so: Der Mensch ist ein lösungsorientiertes Wesen. Sonst hätte er die vergangenen Jahrhunderte nicht überlebt.

Angelika Kallwass, 72, ist Psychoanalytikerin und moderierte lange eine Psychologie-Sendung auf Sat.1

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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