Das Heft – Nr. 78

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Einigkeit und Recht und Eiche

Wie konnte ein Baum zum Nationalsymbol Deutschlands heranwachsen? Ein kurzer Abstecher in die Geschichte der deutschen Eiche

Deutsche Eiche

Als Setzling war sie auf dem Fünfzigpfennigstück abgebildet, ihr Laub schmückt als Ornament militärische und zivile Orden, und etliche deutsche Gaststätten wurden nach ihr benannt: die deutsche Eiche. Obwohl die Eiche in den verschiedensten Regionen der Welt wächst, galt sie vielen Deutschen lange nicht einfach nur als irgendein Baum. Es war ihr Baum, mit dem sie sich als Nation identifizierten.

Die Wurzeln dieses deutsch-patriotischen Eichenkults reichen tief. Eine besonders kräftige kommt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Als es nach der Revolution 1848/49 misslungen war, aus der Vielzahl von deutschsprachigen Fürstentümern, freien Städten und Königreichen ein gemeinsames Staatsgebilde zu formen, wurde die deutsche Eiche einmal mehr zur nationalen Projektionsfläche. Ein Poet, der obendrein Joseph von Eichendorff hieß, schrieb von seiner Heimat als dem „Land der Eichen“ – und verknüpfte den Baum mit dem weiteren deutschen Streben nach Einigkeit und kultureller Identität.

Für die enge Verbindung von Land und Bäumen gab es bereits eine Tradition. Wenige Jahre zuvor hatte der Märchensammler und Philologe Jacob Grimm in seiner „Deutschen Mythologie“ die Eichen als Orte eines ursprünglichen „altdeutschen Waldcultus“ dargestellt. Und schon 1769 schwärmte der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock in seinem Bühnenstück über die sogenannte Hermannsschlacht von germanischen Stammeskriegern, die zu antiker Zeit „wie die Eiche eingewurzelt“ dem Angriff der Römer trotzten. Nicht nur die germanischen Fußtruppen, sein ganzes „Vaterland“ verglich er mit der „höchsten, ältesten, heiligsten Eiche“.

Die deutsche Eiche ist Projektionsfläche für das Streben nach einer vereinten Nation

Mit solchen Metaphern bezog man sich oft auf die Schilderungen eines antiken römischen Historikers namens Tacitus. Der hatte um das Jahr 100 n. Chr. über dieselbe Schlacht berichtet und das dicht bewaldete Land, in dem die Römer unterlegen waren, dramatisch beschrieben. Das Gebiet östlich des Rheins sei „durch seine Wälder grauenerregend“.

Es war also keineswegs nur Romantik und Trauer über eine verpatzte historische Vereinigungschance, was die deutsche Liebe zur Eiche bis in die Neuzeit befeuerte. Diese Vereinnahmung eines Baumes durch eine Nation hatte immer auch düstere Untertöne – etwa als sich Preußen und seine Verbündeten zwischen 1813 und 1815 im Krieg mit dem napoleonischen Frankreich befanden. Ein damals bekannter Publizist wagte den Reim „Eichen" auf „Leichen“.

Die Aufladung der Eiche mit kriegerischer Bedeutung fand im Nationalsozialismus ihren Höhepunkt. Hitler pflanzte überall im Lande Eichen, und die offizielle Propaganda machte den deutschen Wald zum Symbol eines Nationalcharakters. Die fest verwurzelten Deutschen gegen die rastlosen Nomaden aus den östlichen Steppen und das heimatlose jüdische „Wüstenvolk“. Ab dem Jahr 1938 verbot man jüdischen Menschen sogar das Betreten deutscher Wälder.

Nach diesen Auswüchsen kam der Eichenkult in der Nachkriegszeit allmählich zum Erliegen. Sichtbar sind seine Reste nur noch als Eichenblatt auf der Rückseite der deutschen Ein-, Zwei- und Fünfcentmünze, als „Eichenlaub“ in zwei Dienstgradabzeichen der Bundeswehr oder auch in dem einen oder anderen in die Jahre gekommenen Gasthof „Zur Deutschen Eiche“, der noch überlebt hat.

Illustration: Frank Höhne

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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