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Tausche Kindheit gegen Klima

Die Doku „I am Greta“ gibt einen ungewohnt persönlichen Einblick in das Leben von Greta Thunberg – und tut stellenweise ganz schön weh, findet unsere Autorin

  • 3 Min.
Filmszene aus der Doku "I am Greta"

Eine junge Frau sitzt mit schwarzem Regencape und grauer Strickmütze auf einem Segelboot, um sie herum schlagen hohe Wellen, der Wind pfeift. Damit ihr Smartphone nicht nass wird, ist es in eine Schutzhülle eingepackt. „Ich will das alles nicht, es ist zu viel für mich“, schluchzt sie in ihr Handy. Zu sehen ist Greta Thunberg, die wohl bekannteste Klimaaktivistin der Welt, wie sie gerade um die halbe Welt segelt, zum UN-Klimagipfel in New York. Ein Blick in ihr Gesicht reicht, die Augen rot verweint, die Unterlippe zuckt – und man hat selbst einen Kloß im Hals. 

Die Kamera war dabei, als Greta zum ersten Mal streikte – damals noch ganz alleine

Seit über zwei Jahren streikt die junge Schwedin für das Klima, die Bewegung Fridays for Future hat inzwischen Tausende Anhänger*innen weltweit, Greta gilt als ihr größtes Idol. Es gibt aber auch Kritik an der Bewegung, die manche zu elitär und moralisch zu überheblich finden. Viele Medien haben über Greta berichtet – oft allerdings wenig persönlich. Deutlich intimer ist die Dokumentation „I am Greta“ des schwedischen Filmemachers Nathan Grossman. Der 30-Jährige hat Greta von Anfang an begleitet und war bereits bei ihrem ersten Streik dabei. Damals, am 20. August 2018, platzierte sich Greta alleine mit einem Schild vor dem schwedischen Parlament in Stockholm: „Skolstrejk för klimatet“. So fängt Grossman auch ein, wie eine Frau bei Greta stehen bleibt und sie maßregelt: „Du solltest zur Schule gehen“, woraufhin die damals 15-Jährige erwidert: „Wozu soll ich lernen, wenn es keine Zukunft gibt?“

Von da an verfolgt man Greta bei ihren Auftritten bei der UN-Klimakonferenz in Katowice, ist dabei, wenn sie Emmanuel Macron trifft, beim Weltwirtschaftsforum in Davos spricht und sich mit anderen Klimaaktivist*innen vernetzt. Man sieht aber auch: eine Jugendliche mit geflochtenen Zöpfen, die am liebsten Zeit mit ihren Hunden verbringt, sich Gedanken darum macht, was sie anziehen soll, und daran erinnert werden muss, etwas zu essen. Zwischenzeitlich wirkt sie erschöpft. Mittendrin: ein Vater, der sie überallhin begleitet und sich zwischendurch von einem Sanitäter erklären lässt, was zu tun ist, sollte ein Anschlag auf Greta verübt werden. Es sind Szenen wie diese, die schlagartig bewusst machen: Gretas Aktivismus bringt für sie persönlich ganz schön viele negative Aspekte mit sich. 

Heute folgen der Schwedin alleine auf Twitter über vier Millionen Menschen 

Als Greta und ihrem Vater im Zug in Richtung England, von wo die Atlantiküberquerung nach New York starten soll, die Tränen die Wangen hinunterlaufen, hält der Regisseur Grossman minutenlang drauf. Das mit anzusehen fällt schwer. Und es macht wütend, dass viele Politiker*innen sie nicht ernst nehmen, sondern lieber Selfies mit ihr machen. Als Greta ihre „How dare you“-Rede in New York hielt, liegt neben Popcornduft eine große Portion Ehrfurcht in der Kinosaalluft. 

Mit „I am Greta“ gelingt Nathan Grossman ein heikler Balanceakt: Der Film transportiert Wut und Traurigkeit, will das Publikum aber auch zum Lächeln bringen. Zum Beispiel als Greta in schallendes Gelächter über ein Foto ausbricht, das ihren Vater beim Treffen mit dem Papst zeigt. Oder wenn sie durch einen Raum springt und tanzt, um Druck abzulassen. Oder als sie nach ihrem Auftritt in Katowice zu ihrem Vater sagt: „Das ist ja wie im Film hier! Zum Glück werden mich am Montag alle wieder vergessen haben.“ Heute hat die junge Schwedin allein auf Twitter über vier Millionen Follower*innen. 

Foto: Stadtkino Filmverleih

„I am Greta“ lief am 16. Oktober in den Kinos an. Seit 16. November ist er auch in der ARD- Mediathek zu sehen. 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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