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Brokeback Mountain auf Georgisch

„Als wir tanzten“ erzählt die Liebe zweier Männer im Staatsballett – und konnte in Georgien nur mit Polizeischutz gezeigt werden

  • 3 Min.
Als wir tanzten

„Im georgischen Tanz ist kein Platz für Schwäche“, sagt der Lehrer zu Merab. Seinem Tanz fehle es an Männlichkeit. Dabei trainiert Merab hart, früh am Morgen und spät in der Nacht, zwischen Studium und Nebenjob. Er träumt von einer Karriere als Tänzer am Georgischen Nationalballett. Dieser Wunsch rückt plötzlich in den Hintergrund, als Irakli dem Ensemble beitritt. Die beiden konkurrieren um einen der wenigen Plätze im Nationalensemble, trainieren aber heimlich miteinander und verlieben sich.

Der schwedisch-georgische Regisseur Levan Akin siedelt diese Liebesgeschichte direkt im Herzen des konservativen Georgien an: dem Nationaltanz. So wie der Hollywoodfilm „Brokeback Mountain“ vor Jahren die Liebe zweier Männer im US-amerikanischen Kulturklischee Western darstellte, bricht „Als wir tanzten“ ein Kulturgut im mehrheitlich orthodoxen Georgien auf. Denn neben der Kirche, für die queere Minderheiten dem Gebot der „reinen Familie“ widersprechen, und mehrstimmigem Gesang gebe es nichts, was die georgische Identität so hochhalte wie der Nationaltanz, sagt Akin.

Der Film war deshalb nicht nur kreativ eine Herausforderung: Akin wurden mehrere Drehgenehmigungen verweigert, den Dreh in Tiflis mussten Bodyguards begleiten, weil das Filmteam Morddrohungen erhielt. Homosexualität ist in Georgien zwar seit 20 Jahren entkriminalisiert und durch Antidiskriminierungsgesetze geschützt – die gesellschaftliche Stimmung gegen sexuelle Minderheiten hat das aber kaum geändert. Immer wieder gibt es Angriffe, und laut einer Studie des National Democratic Institute glaubt nicht mal ein Viertel der Bevölkerung, dass die Rechte queerer Minderheiten geschützt werden sollten.

Bei der Premiere von „Als wir tanzten“ wurden 27 Menschen festgenommen

„Als wir tanzten“ feierte bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes Premiere, konnte in Georgien aber nur unter Auflagen gezeigt werden: Der Film lief für wenige Tage, unter Polizeischutz und nur in fünf ausgewählten Kinos. Die 5.000 Tickets waren nach Angaben der Organisator*innen nach wenigen Minuten ausverkauft. Vor dem Kinostart machten die orthodoxe Kirche und homofeindliche Nationalist*innen Stimmung gegen den Film. Kinobesucher*innen sei der Eintritt zu verwehren, schrieb die Kirche in einer offiziellen Stellungnahme, weil der Film „Sodomiten-Beziehungen“ popularisiere. [Anm. d. Red.: Unter Sodomiten versteht die Kirche in diesem Fall Männer, die Analverkehr mit anderen Männern haben.] Während der Premiere kam es zu 27 Festnahmen, zwei Polizisten wurden verletzt.

Angesichts dieser Umstände ist verblüffend, mit welcher Leichtigkeit Levan Akin die schwule Liebesgeschichte erzählt und dass „Als wir tanzten“ die homofeindliche Stimmung im Land nicht zum Mittelpunkt des Films macht. Er bleibt ganz bei den Hauptdarstellern Levan Gelbakhiani und Bachi Valishvili, die ihre vermeintlich deplatzierten Gefühle so glaubwürdig verkörpern, dass man sich als Zuschauer*in der Geschichte nicht entziehen kann. In Merab, gespielt von Gelbakhiani, spiegelt sich dabei auch die Zerrissenheit der georgischen Gesellschaft: Im Kampf zwischen Tradition und Fortschritt glauben sie bis zur letzten Szene, beides sei nicht miteinander zu verbinden.

„Als wir tanzten“ läuft ab sofort auch in deutschen Kinos.

Titelbild: Edition Salzberger

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Nicole
  ·  
03.08.2020-09:08

Freue mich schon jetzt auf den Film