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Brauchen wir eine Frauenquote?

Ob Politik, Wirtschaft oder Forschung: Männer arbeiten viel häufiger in Führungspositionen als Frauen. Brauchen wir eine gesetzliche Frauenquote, um das zu ändern? Unsere Autorinnen streiten

Frauenquote

Ja, weil uns Chancengleichheit nicht geschenkt wird

sagt Mareice Kaiser

Stell dir vor, du bist 25 Jahre alt. Dein Name ist Lara. Du hast gerade dein Bachelorzeugnis in der Tasche, genau wie dein Freund Max. Zufällig bewerbt ihr euch auf denselben Job. Ihr habt das gleiche Studium absolviert, die gleichen Qualifikationen, habt sogar die gleichen Praktika, die gleiche Abschlussnote, seid beide im selben Verein aktiv. Den Job bekommt Max, weil Max ein Mann ist.

Du findest das ungerecht? Ist es auch. Gleichzeitig ist es die Realität. Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung hat herausgefunden, dass Lebensläufe von Männern oft automatisch positiver bewertet werden als die von Frauen – auch wenn sie die gleichen Qualifikationen aufweisen. „Im Schnitt entspricht die Bewertung der Frau dem Effekt einer ganzen Schulnote schlechter“, sagt Professorin Dorothea Kübler, eine der Autorinnen der Studie. Untersucht wurden zwar nur Ausbildungsberufe, doch die Ergebnisse lassen vermuten, dass diese Benachteiligung auch in anderen Bereichen stattfindet. Das hat nicht nur Auswirkungen auf den Berufseinstieg, sondern auch auf die Karriere: Nur knapp jede dritte Führungsposition in Deutschland ist weiblich besetzt.

Menschen stellen Menschen ein, die ihnen ähneln – das ist belegt 

Hier kommen Thomas und Michael ins Spiel. Der sogenannte „Thomas-Kreislauf“ beschreibt die Tatsache, dass es in den deutschen Vorständen der an der Frankfurter Börse notierten Unternehmen mehr Vorstandsmitglieder gibt, die Thomas oder Michael heißen, als es insgesamt Frauen dort gibt. So lautet das Ergebnis einer Studie der AllBright Stiftung im Jahr 2017.

Die Namen Thomas und Michael stehen für homosoziale Reproduktion. Das bedeutet: Menschen, die andere Menschen einstellen, entscheiden sich in der Regel für Menschen, die ihnen selbst ähnlich sind. Noch immer sind in den entscheidenden Positionen meistens Männer. Männer leiten, Männer führen Personalgespräche, Männer stellen ein – und zwar noch immer mehrheitlich Männer. Die Berufswelt, die Politik, die Forschung, die Chefetagen: Über Generationen hinweg waren das Domänen, die ihnen vorbehalten waren.

Der Anteil von Frauen am Arbeitsmarkt ist zwar in den vergangen zwei Jahrzehnten stetig gestiegen, aber Führungspositionen werden überwiegend weiterhin von Männern besetzt, die dann wieder Männer einstellen. Selbst Menschen, die sich nicht für eine Karriere interessieren, müsste auffallen, dass das für alle ungerecht ist. Wer will schon wegen seines Geschlechts und den damit verbundenen Klischees und Vorurteilen einen Job bekommen?

Für wirkliche Chancengleichheit brauchen wir Quoten bereits im Kindergarten

Gegner der Frauenquote argumentieren oft mit Qualifikation. Dabei ist Qualifikation genau das Argument für die Quote, denn bei gleicher Qualifikation würden Frauen so lange bevorzugt, bis die Quote erfüllt ist. Ohne Quotierungen entscheiden sich die Verantwortlichen gerne für Menschen, die ihnen selbst ähnlich sind – und vermutlich nicht unbedingt für die beste Person für den Job.

Wer Chancengleichheit will, muss eine Frauenquote wollen. Und noch viel mehr. Denn wenn dein Freund nicht Max heißt, sondern Murat, bekommt auch er den Job höchstwahrscheinlich nicht: In einer Studie der Universität Mannheim wurden Diktate von den fiktiven Schülern „Max“ und „Murat“ von Lehrkräften unterschiedlich bewertet – „Max“ wurde besser bewertet als „Murat“, trotz gleicher Fehleranzahl. Neben der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts gibt es auch rassistische Diskriminierung – manchmal auch beides zusammen.

Es gibt viele Merkmale, wegen denen Menschen benachteiligt werden: Behinderungen, geschlechtliche Identitäten, Aussehen, Religion, sozioökonomische Faktoren. All das sollte Bestandteil von Quotierungen sein. Wir könnten sie Gerechtigkeitsquote nennen – allerdings nur, wenn sie nicht bloß in den Führungsetagen angewendet wird. Um wirkliche Chancengleichheit zu erreichen, brauchen wir Quoten bereits im Kindergarten.

Wir brauchen Quoten, weil uns Chancengleichheit nicht geschenkt wird. Michael und Thomas werden ihre komfortablen Plätze nicht freiwillig abgeben. Mit etwas Glück an Max, aber wahrscheinlich nicht an Murat und auch nicht an dich, Lara.

Mareice Kaiser ist Chefredakteurin des Onlinemagazins „Edition F“.

Nein, weil sie die Freiheit der Individuen aushebelt

meint Anna Schneider

Die traurige Wahrheit ist: Der Frauenanteil in deutschen Unternehmensvorständen ist immer noch niedrig. Daher kündigte die Regierung im November vergangenen Jahres an, verbindliche Quoten für den Frauenanteil in Vorständen von DAX-Unternehmen einführen zu wollen. Das klingt nach einer guten Idee – aber nur auf den ersten Blick. Quotenregelungen sind reine Symptombekämpfung, sie untergraben echte Gleichberechtigung. 

Auch Kanzlerin Angela Merkel ließ es sich nicht nehmen, zum Internationalen Frauentag am 8. März in ihrem Video-Podcast darauf hinzuweisen, dass Frauen noch immer nicht gleichberechtigt an wichtigen Entscheidungen in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft beteiligt sind. So weit, so wahr. Doch dann folgte ein Satz, der aufhorchen lässt: Es gehe der Bundesregierung um nicht mehr, aber auch nicht weniger als um gleiche Chancen von Männern und Frauen, um echte Gleichstellung. Und hier liegt der Denkfehler: Gleichstellung und Gleichberechtigung sind eben nicht dasselbe.

Gleichsstellung bedeutet schlicht Gleichmacherei 

Längst haben sich beide Begriffe im gängigen Sprachgebrauch vermischt, was nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass sie Gegensätzliches beschreiben. Gleichberechtigung bedeutet Gleichheit vor dem Gesetz. Tatsächliche Ungleichheiten der Positionen sind hinzunehmen, da Individuen ungleich sind – das macht sie aus. Das Ideal der Gleichstellung geht hingegen davon aus, dass eine absolute Verteilung der Geschlechter, also 50:50, notwendig ist. Diese Annahme ist nicht haltbar, denn weder sind alle Frauen noch alle Männer gleich. Was nicht der Tatsache widerspricht, dass Männer und Frauen grundsätzlich gleich gut und gleich geeignet sind, also gleich repräsentiert sein sollten. Nur lässt sich diese Repräsentation nicht mit einer Quote herstellen, denn eine Quote ist viel zu pauschal, um in jedem Fall, der auch immer nur eine Momentaufnahme von Angebot und Nachfrage ist, zu einem gerechten Ergebnis zu kommen. Kurz: Gleichberechtigung bedeutet Freiheit, weil sie Ungleichheiten zulässt. Gleichstellung hingegen ist Gleichmacherei, die Individualismus negiert, da sie den Menschen nur mehr als Vertreter einer bestimmten Gruppe wahrnimmt.

Dass in der Realität, insbesondere in großen Unternehmen, oft Machtstrukturen bestehen, die Frauen diskriminieren – geschenkt. Um diese zu durchbrechen, ist es notwendig, Frauen zu ermächtigen und zu unterstützen. Das beginnt in der Schule und setzt sich im Studium oder in der Ausbildung fort: Frauen haben die gleichen Chancen und Möglichkeiten wie Männer, und das sollte man ihnen auch bewusst machen. Eine Quote ist dafür ein zu plumpes Instrument, da es alle Frauen über einen Kamm schert. Statt talentierte Individuen zu fördern, begünstigen derartige Regelungen pauschal nur aufgrund des Geschlechts. Das schadet dem Anliegen an sich. Frauenquoten schaffen Quotenfrauen, was Frauen nicht hilft, Männern auf Augenhöhe zu begegnen.

Eine gesetzliche Frauenquote würde Frauen reduzieren

Interessant ist in dieser Diskussion auch, dass diejenigen, die sich für eine Quote starkmachen, oft auch die sind, die gegen die Zwänge des Patriarchats auftreten. Dabei ist es die Frauenquote, die althergebrachte Rollenbilder perpetuiert: Anstatt Frauen zuzutrauen, dass sie sich trotz Diskriminierungen auf dem freien Markt behaupten können, werden sie als hilflose Wesen stigmatisiert, denen mit gesetzlichem Zwang geholfen werden muss.

In Sachen Gleichstellungspolitik geht es längst nicht mehr nur um die verstärkte Repräsentation von Frauen. Folgt man der Logik, dass vermeintlich diskriminierte Bevölkerungsgruppen per Quote gefördert werden müssen, ist schnell klar: Es kann nie genug Quoten geben. So schlug Elke Breitenbach (Linke), Berlins Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, jüngst vor, eine Migrantenquote von 35 Prozent im öffentlichen Dienst einzuführen. Dieser Vorschlag, der letztlich von der Berliner SPD zurückgewiesen wurde, ist alles andere als fortschrittlich: Immer weitere Quoten für immer weitere Gruppen laufen auf eine neue ständisch organisierte Gesellschaft hinaus. Das ist – ob auf Frauen, Migranten oder andere Minderheiten bezogen – das Gegenteil von Emanzipation, es ist Bevormundung. Wer Menschen auf ihre äußeren Merkmale reduziert, manövriert sich somit selbst in eine identitätspolitische Sackgasse.

Anna Schneider ist Redakteurin im Berliner Büro der Neuen Züricher Zeitung.

Collagen: Renke Brandt

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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