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Die Schule ihres Lebens

Wo Sprachprobleme und Notenfrust weggejammt werden: Der Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse” zeigt Schule, wie sie sein sollte

Herr Bachmann und seine Klasse

„Wer ist noch müde?“, fragt eine Stimme aus dem Off in den Klassenraum. Träge gehen ein paar Arme hoch. „Na, dann schlafen wir noch ’ne Runde.“ Und wie auf Kommando sinken die Köpfe auf die Pulte.

Anscheinend ein ganz normaler Tag der 6b auf der Georg-Büchner-Schule in Stadtallendorf. In der mittelhessischen Kleinstadt lernen Kinder aus zwölf Staaten in einer Klasse. Und von ihrem Miteinander können sich die meisten Erwachsenen noch einiges abschauen.

Die Stimme aus dem Off gehört dem 65-jährigen Lehrer Dieter Bachmann. Warum die Regisseurin Maria Speth in ihrem Dokumentarfilm ausgerechnet ihn begleiten wollte, klärt sich schon nach wenigen Minuten. Denn Bachmann ist kein gewöhnlicher Lehrer.

„Manche behaupten, wir würden hier nur Musik machen“, sagt er scherzhaft am Elternsprechtag. Und hat, als wolle er seinen Scherz gleich unterwandern, selbst in dieser Situation noch eine Gitarre in der Hand. Als Klassenlehrer ist Herr Bachmann auch für Deutsch und Mathe zuständig. Aber statt Diktaten oder Wahrscheinlichkeitsrechnung gibt vor allem die Musik im Schulalltag der 6b den Takt vor. Immer wieder gibt es Szenen, in denen Bachmann spontan einen Song intoniert. Dann wird wild durcheinandermusiziert. Einmal singt Stefi, die kurz nach ihrer Ankunft aus Bulgarien in Deutschland noch Sprachprobleme hat, mit ihrem Lehrer den Kanon „Hejo, spann den Wagen an“. „Du hast richtig Talent“, sagt er begeistert. „Du triffst perfekt den Ton bei dem ganzen Krach hier!“

Ein Lehrer mit ACDC-Shirt und Strickmütze

Den richtigen Ton treffen: So ließe sich beschreiben, was Bachmann anderen Lehrer*innen voraushat. Empathisch geht er auf die Bedürfnisse seiner Schüler*innen ein, lässt sie über eigene Erfahrungen sprechen, bewahrt sich mit ehrlichen Ich-Botschaften aber auch Respekt. Dabei wirkt der Pädagoge auf den ersten Blick weit weg von der Lebenswelt dieser neuen Generation von Schüler*innen: Im ACDC-Shirt und mit einer der täglich wechselnden Strickmützen auf dem Kopf blättert Bachmann in der Lesephase seiner Klasse in alten Karl-May-Bänden. Freilich: Solche Oberflächlichkeiten sind bloß Schubladen. Und es ist die besondere Stärke der dokumentarischen Form, die Speth für ihren Film gewählt hat – der sogenannten Langzeitbeobachtung –, die vielen Facetten eines Menschen abseits solcher Schubladen sichtbar zu machen.

„Herr Bachmann und seine Klasse“ läuft im nichtöffentlichen Wettbewerb der Berlinale und wird voraussichtlich im Juni auf dem „Berlinale Summer Special“ fürs Publikum zu sehen sein. Als regulärer Kinostart ist der 16. September angekündigt.

Maria Speth hat sich für „Herr Bachmann und seine Klasse“ eine Menge Zeit genommen. Über ein komplettes Schulhalbjahr waren sie, Kameramann Reinhold Vorschneider und Tonmeister Oliver Göbel in der Klasse. Durch eine solche Dauerpräsenz wird ein Filmteam zwar nicht gleich unsichtbar, aber es steht irgendwann nicht mehr im Fokus der Kinder, sondern gehört zum Inventar wie die zahlreichen Gitarrenständer im Klassenraum.

So kann Speth im beobachtenden Stil des „Direct Cinema“, also scheinbar ohne Interaktion zwischen Kamera und Protagonist*innen, eine Modellkonstellation aus dem deutschen Schulalltag filmen: Die 6b steht vor dem wichtigen Übergang zur weiterführenden Schule. Wie an vielen Bildungseinrichtungen kommen etliche Schüler*innen aus Familien mit Migrationserfahrungen. Und ihre Lehrkräfte stehen mit Herrn Bachmann, in seinem letzten Jahr vor der Pension, und seiner jüngeren Kollegin Frau Bal für zwei Generationen Schuldienst.

Der Notenzwang macht auch Herrn Bachmann zu schaffen

So repräsentativ wie diese Koordinaten erscheinen auch die Probleme in der Klasse. Das Bildungsgefälle ist hoch und führt zu Frust, bei schulisch stärkeren genau wie bei schulisch schwächeren Schüler*innen. Manche Kinder vermissen ihre Heimat. Neuankömmlinge wie Stefi sind vom Stoff, den es aufzuholen gilt, überfordert. Der Notenzwang macht auch Herrn Bachmann zu schaffen. Und schließlich gibt es Konflikte in der Wertevermittlung, wenn die Klasse – natürlich am Beispiel eines Lieds – im Unterricht über Homosexualität spricht.

Wie aber miteinander gesprochen wird, ist wohl eher ein Einzelfall im deutschen Schulsystem. Der Einfluss, den eine markante Lehrperson nicht nur auf Einzelne, sondern auf den sozialen Verband einer Klasse hat, zeigt sich in jeder Szene. Etwa wenn die Kinder mitten im Unterricht eine Gruppenumarmung machen, als eine Mitschülerin vom Tod ihres Opas erzählt. Wenn am Ende des Schuljahrs die Stühle hochgestellt werden, wünscht man diesen Kindern für ihre Zukunft einen weiteren Herrn Bachmann.

Titelbild: Madonnen Film

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Longtime
  ·  
02.03.2021-10:03

Danke, Herr Bachmann