Thema – Flucht

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Mein erstes legales Weihnachten

Im Iran durfte er Weihnachtslieder nur flüstern, seit seiner Flucht nach Österreich singt Kourosh Zari lauthals mit. Dabei ist dort die Stimmung für Flüchtlinge gerade auch nicht besinnlich

Diese alte Kirche in Shiraz ist die erste die Kourosh Zari jemals besuchte ( Foto: privat )

Da, wo ich herkomme, ist es verboten, Weihnachtslieder zu singen. Es ist verboten, einen Christbaum aufzustellen. Und ganz besonders verboten ist es, die Weihnachtsgeschichte zu erzählen. Ich bin Iraner und bin vor siebeneinhalb Jahren aus meiner Heimat geflohen, weil ich zum Christentum konvertiert bin – darauf droht im Iran die Todesstrafe. Meine drei Schwestern und meine Mutter wussten davon und akzeptierten meine Entscheidung, mein Vater hingegen verstieß mich; für ihn bin ich nicht mehr sein Sohn. 

„Nach meiner letzten Inhaftierung drohten mir die Polizisten: 'Wenn du noch einmal negativ auffällst, bist du tot!'“

An Weihnachten haben ein paar andere Christen und ich uns heimlich in einer Wohnung getroffen. Voller Vorfreude und voller Angst, entdeckt zu werden. Nur ganz leise haben wir ein Weihnachtslied gesungen. Probleme mit der Regierung hatte ich schon vorher: Während eines Präsidentschaftswahlkampfs wurde ich drei Mal verhaftet, weil ich gegen Mahmud Ahmadinedschad protestiert hatte. Beim ersten Mal war ich eine Woche lang in Haft, beim zweiten Mal zwei Wochen, beim dritten Mal zwei Monate. Nach meiner letzten Inhaftierung drohten mir die Polizisten: „Wenn du noch einmal negativ auffällst, bist du tot!“

2011 floh ich schließlich: Per Auto schaffte ich es über die Türkei bis nach Ungarn, von dort wurde ich in einem Lkw nach Österreich geschmuggelt. Als ich ankam, war es fünf Uhr morgens, ich hatte furchtbare Schmerzen im Bauch und in den Beinen und blieb drei Stunden lang am Straßenrand sitzen. Ich vermisste meine Heimat von der ersten Sekunde an. Meine Stadt, meine Familie, meinen Laden. Es tut weh, an meine Freunde zu denken, die dort in großer Gefahr leben. Ich werde niemals zurückkehren können.

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Diese drei Frauen waren Mitglieder von Kourosh Zari gemeinde im Iran. ( Foto: privat )

Drei Frauen aus Kourosh Zaris Gemeinde im Iran. Die Gesichter sind unkenntlich gemacht, weil sonst die Sicherheit der Frauen gefährdet wäre

Nach zwei Stunden Fußmarsch erreichte ich Wien. Passanten halfen mir, den Weg zur Erstaufnahmestelle Traiskirchen zu finden, und bezahlten meinen Fahrschein. Sechs Monate später bekam ich meinen positiven Asylbescheid. Die erste Zeit war sehr schwer. Besonders zu Weihnachten hatte ich starkes Heimweh. Aber wenn ich durch Wien spazierte, war ich auch voller Freude: Überall wurden Lichter befestigt – Sterne, Monde, Schneeflocken – und Christbäume aufgestellt. Alle Straßen leuchteten.

„Die Stimmung in Österreich hat sich verändert. Es wird immer schwerer, sich zu integrieren“

Mein erstes legales Weihnachten, Weihnachten 2011, feierte ich in der Baptistengemeinde in Salzburg. Viele Flüchtlinge aus dem Iran und Afghanistan waren dort. Am 23. gingen wir Eislaufen, was lustig und schmerzhaft war: Die meisten von uns fuhren zum ersten Mal Schlittschuh. Am 24. trafen wir uns schon am Vormittag in der Kirche. Wir spielten Gitarre, sangen Weihnachtslieder auf Persisch und tanzten. Den ganzen Tag lang. 

Die Stimmung in Österreich hat sich seitdem verändert. Im Dezember 2015 begann ich als Sozialbetreuer und -berater zu arbeiten, parallel machte ich eine Ausbildung in der Flüchtlingsarbeit. Ich helfe bei Wohnungsfragen, gehe mit ins Krankenhaus oder zu Behörden. Wenn ich vergleiche, welche Einschränkungen heute für Flüchtlinge gelten und welche damals bei mir, verstehe ich, dass viele hoffnungslos sind. Asylwerber dürfen zum Beispiel während ihres Asylverfahrens nicht in ein anderes Bundesland ziehen. Vor einem Jahr war das noch anders. Es wird immer schwerer, sich zu integrieren. 

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 Kourosh Zaris erster Weihnachtsbaum in Shiraz

Üppig geschmückt und mit Geschenken bestückt: Kourosh Zaris erster Weihnachtsbaum im iranischen Shiraz. Nur Personen durften nicht mit aufs Bild

Ich will Österreicher werden und habe vor Kurzem die Staatsbürgerschaft beantragt. Ich lebe jetzt seit mehr als sieben Jahren in Österreich, seit fünf Jahren arbeite ich in Vollzeit: erst in einem Restaurant, dann in einer Druckerei, jetzt bei der Diakonie. Nach einem Jahr Sprachkurs – früher durften auch NGOs und Vereine welche geben – hatte ich das Deutschniveau B2 erreicht. Um die österreichische Staatsbürgerschaft bekommen zu können, braucht man nur B1. Ich habe mir also gute Chancen ausgerechnet. 

Die Behörden aber haben mir gesagt, ich sei nicht gut genug integriert. Mein B2-Zertifikat des „Österreichischen Sprachdiplom Deutsch“ sei nichts mehr wert, weil letztes Jahr die Regularien geändert wurden: Jetzt muss jede und jeder eine Sprach- und Werteprüfung beim Österreichischen Integrationsfonds ablegen. Damit könne ich dann beweisen, dass ich gut integriert bin. Die Prüfung kostet 150 Euro. Darauf muss ich jetzt erstmal sparen.

Die Autorin sprach das erste Mal vor sechs Jahren für das Zeit-Magazin mit Kourosh Zari. In der Zwischenzeit hat sich im Leben des 32-Jährigen, der im iranischen Schiras aufgewachsen ist und eigentlich anders heißt, nicht nur beruflich viel getan: Zari hat geheiratet und lebt heute mit seiner Frau und einer kleinen gemeinsamen Tochter in der Nähe von Wien.

Bilder: Kourosh Zari

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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