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Eine Etage tiefer

In der Serie „Katakomben“ suchen Münchner Rich Kids im Untergrund erst Abwechslung und Abenteuer – und dann ihre vermissten Freunde

Katakomben

Worum geht’s?

Um einen illegalen Rave in den sogenannten „Katakomben“– den unterirdischen Tunneln des Münchner Hauptbahnhofs. Bei einer Party der jungen Münchner Schickeria-Generation bricht ein Feuer aus, Rauch verbreitet sich in den verwinkelten Gängen und U-Bahn-Schächten. Panisch laufen die beteiligten Jugendlichen davon. Max (Nick Romeo Reimann), seine Freundin und ein Kumpel bleiben vermisst. Die Serie „Katakomben“ begleitet Max’ Schwester Nellie (Lilly Charlotte Dreesen) und ihren besten Freund Janosch (Yasin Boynuince) auf der Suche nach den verschwundenen Jugendlichen – und zu sich selbst. In den verwinkelten unterirdischen Gängen begegnen sie Tyler (Mercedes Müller), die im Untergrund lebt und mit Drogen und Medikamenten dealt. Außerdem mischen mit: Nellies Mutter, eine korrupte Stadtbaurätin, die ihre Absprachen nicht einhalten kann. Eine idealistische Bauunternehmerin, die Sozialwohnungen am Hauptbahnhof schaffen will. Und eine Bundespolizistin, die auch jemanden in den „Katakomben“ verloren hat.

Worum geht’s wirklich?

Die Kluft zwischen Arm und Reich und das Nebeneinander von Lebenswelten, in denen die einen obdachlose Kältetote nur aus den Nachrichten kennen und die anderen jeden Tag ums Überleben kämpfen. Für die Rich Kids, die sich in den edlen Münchner Clubs langweilen, sind die abgeranzten unterirdischen Gänge der „Katakomben“ eine willkommene Abwechslung (Max: „Die Location da ist so fett“). Für Tyler und ihre FreundInnen sind sie der einzige Ort, an dem sie in der auf den ersten Blick so schönen und wohlhabenden Stadt München geduldet werden. Unterschiede gibt es auch da, wo eigentlich keine sein dürfen: Der Staatsanwalt verlangt von der Gerichtsmedizinerin, dass sie sich zuerst um das tote wohlhabende Mädchen kümmert, danach erst um das zweite Opfer aus der Partynacht, eine Drogensüchtige, die niemand vermisst gemeldet hat. Und auch die Jugendlichen, denen es auf den ersten Blick gut zu gehen scheint, haben so ihre Probleme: Influencer Janosch arbeitet in einer Luxusboutique und verschweigt Nellie, dass er in einfachen Verhältnissen lebt, während Nellie zwar in einer Villa mit Sauna wohnt, aber von ihrer Familie vernachlässigt wird.

 

Wie nah ist das an der Realität?

Wer in München lebt, kennt die Geschichten über die „Katakomben“ genannten Versorgungstunnel unter dem Hauptbahnhof, in die sich drogenabhängige Menschen zurückziehen. Zugänge gibt es über U-Bahn-Schächte und Tiefgaragen. Anders als in anderen deutschen Städten wie Frankfurt, Berlin oder Hamburg gibt es in München keine Konsumräume, in denen Süchtige unter Aufsicht Drogen nehmen können. Das ist seit Jahren ein Streitthema in der Stadt: KritikerInnen bemängeln, dass so die Abhängigen gezielt in die Unsichtbarkeit verdrängt würden – als würde das Problem verschwinden, wenn man es nur gut versteckt.


Wie wird’s erzählt?

Am Anfang jeder der sechs Folgen wird die Nacht des Raves aus einer anderen Perspektive gezeigt. Eine Erzählweise, die derzeit in Film und Fernsehen etwas überstrapaziert wird (zuletzt sah man sie zum Beispiel in der ZDF-Serie „Tod von Freunden“), die aber trotzdem ihren Charme behält. Jedes Mal ergänzen neue Details das Gesamtbild, dadurch entwickelt „Katakomben“ schnell einen starken Sog (Regie: Jakob M. Erwa, Head-Autoren: Jakob M. Erwa und Florian Kamhuber). Die ProtagonistInnen sind außerdem ambivalent und bleiben unvorhersehbar: Für ihre – teils – hehren Ziele überschreiten sie so einige moralische Grenzen. Da sieht man über so manches überstrapazierte Klischee (die verwöhnten Rich Kids mit Louis-Vuitton- und Prada-Tüten im Zimmer) und Binsenweisheiten („Was bringt ein voller Kühlschrank, wenn man nie zusammen isst?“) hinweg.

Good Job!

Diversität ist in der Serie ganz selbstverständlich – egal ob es um Hautfarbe oder Sexualität geht und ohne dass das thematisiert oder problematisiert wird. Formal ist „Katakomben“ schön komplex: Zwischendrin gibt es Aussparungen und Sprünge und auch am Ende einige offene Fragen, die gern Anlass für eine Fortsetzung sein dürfen.

„Katakomben“ läuft ab dem 11. März auf Joyn Plus (die erste Folge kann man auch ohne Abo gucken)

Titelbild: Joyn/Neuesuper/Arvid Uhli

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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