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„Die Steigerung einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung“

So beschreibt die Medienexpertin Maya Götz die Plattform, die gerade Zehnjähriges feiert: Instagram. Sind wir noch zu retten?

  • eine Bildbearbeitung
Instagram

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Nacktheit und ironische Bildtexte sind längst keine universellen Erfolgsrezepte mehr. Das hat auch Nutzerin @kinkybabybln lernen müssen. Mittlerweile hat sie ihren Namen geändert und ihr Konto in den privaten Modus gesetzt, weil sich ihr Sinn und Zweck der Selbstdarstellung immer weniger erschließen

fluter.de: Zehn Jahre Instagram – ein Grund zum Feiern?

Dr. Maya Götz: Das kommt auf die Perspektive an. Meine Fotoalben von früher sind voll von Bildern, die mir unangenehm sind. Instagram-Nutzer*innen machen bis zu 50 Fotos, ehe sie sich für eines entscheiden. Und das können sie dann noch nach ihren Vorstellungen verändern. Sie haben die volle Kontrolle darüber, wie sie sich inszenieren wollen. Das geht einher mit einer großen Medienkompetenz – zum Beispiel die Nutzung von Filtern, Bildbearbeitungen, der richtigen Perspektive. All das macht sie bei der Präsentation des eigenen Ichs so handlungsmächtig wie keine Generation vor ihnen.

Ist das tatsächlich ein Vorteil?

Zumindest gibt es ihnen die Chance, stolz auf die Bilder und Videos zu sein, die sie mit ihrer Außenwelt teilen. Anders als bei TikTok ist der Adressatenkreis bei Instagram deutlich übersichtlicher, die meisten kommunizieren mit ihrem Freundes- und Bekanntenkreis. Der Umgang miteinander ist tendenziell wertschätzender als zum Beispiel bei Facebook. Und jedes Like und jeder positive Kommentar sind ein Kick fürs eigene Selbstbewusstsein. 

„Sie werden nur wenige Fotos finden, auf denen Frauen fest mit beiden Beinen auf dem Boden stehen“

Welche Nachteile entstehen durch diese vorrangig visuelle Selbstinszenierung?

Die Handlungsmacht beschränkt sich rein auf die äußere Erscheinung, denn nur die kann man mit entsprechendem Aufwand verändern. Instagram ist die Plattform für den perfekten Schein, und in dieser Welt funktioniert alles über die idealisierte körperliche Darstellung – was viele Inhalte schon von vornherein ausschließt. Bei jungen Frauen erkennen wir eine postfeministische Maskerade als neue kulturelle Dominante: Frauen müssen schlank sein, mit langen Extremitäten, langen Haaren und perfekter Haut. Sie präsentieren sich als schön und perfekt, sie kochen, sie schminken sich. Ihre Körperhaltungen symbolisieren Verletzlichkeit. Sie werden zum Beispiel nur ganz wenige Fotos bei Instagram finden, auf denen Frauen fest mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. 

Aber müssen junge Männer auf Instagram nicht genauso bestimmte Geschlechternormen erfüllen?

Für alle Geschlechter gilt: Die idealisierten Geschlechterstereotype sind so künstlich, dass selbst die vermeintlich attraktivsten Nutzer*innen immer noch nachfiltern. Die Männer müssen sich stark, cool und unnahbar zeigen, machen Sport und mögen Autos. Ein durchtrainierter Körper und eine vermeintlich gesunde Ernährung gehören zum optischen Idealbild. Das kann zu echten Problemen führen. Viele Muskeln und viel Eiweiß sind schließlich nicht für jeden Körper gesund. Wer da den virtuellen Vorbildern bei Instagram in der analogen Welt nacheifert – ohne Trainingsmethoden und Ernährung zu hinterfragen –, bringt sich selbst in Gefahr.

Ihre Kollegin Martina Schuegraf hat von der „Ästhetik des Überhübschen“ gesprochen.

Mit dieser Steigerung in die vermeintliche Perfektion entfernen wir uns immer mehr von der Diversität, die wir Menschen brauchen. Nur eine von 40.000 Frauen verfügt überhaupt über so einen Ausnahmekörper, wie er beispielsweise bei „Germany’s Next Topmodel“ vorgeführt wird. Der Wunsch, diesem Ideal zu entsprechen, führt zu einer extremen Selbstinszenierung und damit Verzerrung der eigenen Optik. Diejenigen, die sich an dieser Inszenierung beteiligen, setzt das enorm unter Druck. Im schlimmsten Fall führt dieser Drang zur Selbstoptimierung zu Essstörungen oder Trainingssucht.

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„Ich wollte immer irgendwie besonders sein“, sagt die Nutzerin @dichtkopf über sich selbst. Ihr Instagramleben – knapp 20.000 Follower – widmet sie dem Konsum von Cannabis. Beruflich kümmerte sich @dichtkopf „als Arme und Beine“ um einen querschnittsgelähmten Studenten

Gleichzeitig haben Sie in Ihrer Studie herausgearbeitet, dass es 88 Prozent der Nutzer*innen wichtig ist, natürlich und authentisch rüberzukommen. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Für die Generation Instagram ist das kein Widerspruch. Der schöne Schein ist natürlich geworden, Selbstinszenierung selbstverständlich. In einer australischen Studie wurden Mädchen Fotos von schlanken und schönen Frauen vorgelegt. Manche waren mit Filtern nachbearbeitet worden, andere nicht. Der Großteil der Studienteilnehmerinnen fand die gefilterten Bilder attraktiver und natürlicher – obwohl sie von der Nachbearbeitung wussten.

„Männlichen Influencern wird eher zugestanden, zu politischen oder gesellschaftlichen Themen Stellung zu nehmen“ 

Sie haben in Ihrer Arbeit den Einfluss der Influencer*innen untersucht. Die finanzieren sich zum Großteil über Sponsoren. Welchen Einfluss hat die Industrie auf diese Schönheitsvorstellungen?

Einen ganz entscheidenden. Letztlich ist die so wenig vielfältige Geschlechterdarstellung bei Instagram ja nur die Fortsetzung der gesellschaftlichen Stereotype: Mädchen rosa, Jungs blau. Die Kulturtheoretikerin Angela McRobbie hat es auf den Punkt gebracht: „Das, was früher das Patriarchat geleistet hat, macht heute die Mode- und Kosmetikindustrie.“ Und solange die Marketingabteilungen an diesen Stereotypen festhalten, wird sich daran auch nicht viel ändern. Wie sehr diese Geschlechterklischees bei Instagram befeuert werden, zeigt sich übrigens auch daran, dass männlichen Influencern eher zugestanden wird, zu politischen oder gesellschaftlichen Themen Stellung zu nehmen. Weiblichen Influencerinnen werden nachweislich die Sponsorenverträge gekündigt. Das ist die Eigenlogik des Marktes.

Mehr als eine Milliarde Menschen nutzen Instagram weltweit, über 21 Millionen davon allein in Deutschland. Hat die Plattform eine mediale Revolution ausgelöst?

Nein, weil eine Revolution ja immer etwas grundlegend umstürzt und ändert, Instagram aber einfach nur die extreme Steigerung einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung ist: Man darf Menschen nicht auf ihr äußeres Erscheinungsbild beschränken. So kommt unsere Gesellschaft nicht weiter. Wir müssen gerade junge Menschen von dieser industriell beförderten Selbstinszenierung entlasten. Wir brauchen mehr Inhalte, wir brauchen diversere Körperideale. Die Verantwortung dafür liegt nicht bei Instagram, sondern der Gesellschaft.

Klingt gut. Ein paar Tipps, wie wir das erreichen können?

Wir müssen das Übel bei der Wurzel packen. Warum zum Beispiel ist es noch immer ganz normal, kleine Mädchen für ihr hübsches Kleid zu loben, statt dafür, was sie tun und sagen? Auf Instagram selbst ist ein positiver Trend erkennbar, der die Inhalte und nicht den schönen Schein in den Vordergrund stellt. Das Content-Netzwerk „Funk“ finanziert seit einiger Zeit Influencer*innen, die sich im Gegenzug verpflichten, keine Sponsorenverträge mehr anzunehmen und stattdessen spannende Inhalte zu produzieren. Mehr Sein als Schein – vielleicht kann das dann tatsächlich eine echte Revolution auslösen.

 

 

Die Medienwissenschaftlerin Dr. Maya Götz ist Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen IZI und Geschäftsführerin des Fernseh-Wettbewerbes „Prix Jeunesse International“. Zuletzt forschte sie zum Thema „Selbstinszenierung von Influencerinnen auf Instagram und ihre Bedeutung für Mädchen“. Sie selbst besitzt kein Instagram-Profil. Dafür eines bei Facebook. Stand heute: 1.009 Freunde.

 

Für seine Arbeit „Hashtags Unplugged“ hat Florian Müller Instagrammer*innen in ihrem Alltag fotografiert, ohne Filter oder Special Effekts, fern der Darstellung in den sozialen Medien.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Gast
  ·  
09.10.2020-11:10

Das Zitat von Angela McRobbie- ja, genau das! Das Patriarchat hat an Einfluss verloren, aber die Werbeindustrie hat übernommen.
Junge Frauen, zeigt den Inhalt eurer Köpfe, nicht den eurer Kleidung...