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Alle Jahre und nie wieder

Weihnachtsfilme beschwören eh nur angestaubte Familienkonstellationen und Klischees? Hier kommen fünf, die es anders machen

  • 8 Min.
Weihnachten, Filme

Dieses Jahr wird Weihnachten pandemiebedingt für die meisten Menschen ziemlich anders werden als gewohnt. Wäre das nicht der ideale Zeitpunkt, um auch die Weihnachtsfilmsammlung mal gründlich zu entstauben? Hier sind fünf fluter.de-Vorschläge abseits von familiären Heilsversprechen, heteronormativen Liebesgeschichten und den immer gleichen Märchenfiguren.

„Brügge sehen und sterben“ 

 

Worum geht’s?

Zwei Auftragskiller versemmeln einen Job und müssen untertauchen – ausgerechnet im „beschissenen“ vorweihnachtlichen Brügge.

Größtes Geschenk:

Niemand rettet das Fest, entpuppt sich als Santa oder predigt Nächstenliebe. „Brügge sehen …“ ist ein Film für alle Grantler*innen, die die Weihnachtszeit allenfalls wegen des Daydrinkings schätzen. Das Fest ist trotzdem handlungtreibend: Ray, der jüngere der beiden Killer, gespielt von Colin Farrell, rutscht in der kopfsteingepflasterten, kerzenerleuchteten Besinnlichkeitskulisse Brügges in eine Identitätskrise – die anschlussfähig sein dürfte für viele, die plötzlich wieder in ihrer Kleinstadt festsitzen. Ein paar festliche Motive wie Liebe, Erlösung und religiöse Moral grast der Film auch ab, letztlich wollen die Protagonisten aber vor allem eins: am Leben bleiben. Für ein Weihnachtsfest nach knapp einem Jahr Pandemie keine ganz falsche Message.

Für alle, die …

… mit einer Laufbahn als Auftragskiller*in liebäugeln. So verlockend sich die Stellenausschreibung liest: Ray und Ken (fantastisch: Brendan Gleeson) haben Stress mit dem Chef, zweifeln zunehmend an der Sinnhaftigkeit ihres Jobs, balancieren am Rand des Burn-outs und müssen auch an Weihnachten arbeiten. Es geht ihnen also kaum besser als den meisten ganz normalen Angestellten. 

„Brügge sehen und sterben“ (Großbritannien/USA 2008) gibt es unter anderem bei Itunes, Netflix und Amazon zu sehen.

„Eine schöne Bescherung“

Worum geht’s? 

Oscar und Simon sind ein Paar und haben sich gerade – zusammen mit ihrer Freundin Cissi – ein Haus außerhalb von Stockholm gekauft, in das sie ihre Familien zu Heiligabend einladen. Die Weihnachtsüberraschung: Cissi ist im neunten Monat schwanger. Von einem der beiden.

Für alle, die …

… sich gerne durch homophobe und rassistische Äußerungen quälen. Und für die, die zur Abwechslung mal einer anderen Familie dabei zuschauen wollen, wie sie sich unterm Tannenbaum verkracht. Strengen sich anfangs noch alle an, ihre Ressentiments wegzulächeln (Oscars Vater: „Gibt es dort auch keinen Weihnachtsschinken? Ist das vielleicht auch zu heterosexuell?“ Oscars Mutter: „Und wenn wir dort nur Kebab kriegen, wir werden den Mund halten“), löst sich die Hyggeligkeit bald in Luft auf. Oscars faschistisch angehauchte Mutter schaut auf Simons griechischen Vater herab. Der macht sich über deren konservativen Mann lustig. Letzterer wiederum spricht der berufstätigen Cissi ab, eine gute Mutter sein zu können, und schafft es sogar, die Bausubstanz des neuen Heims zu beleidigen. „Das ist kein Haus, das ist ein Brutkasten!“

Würde ich umtauschen:

Es ist erfrischend, wie offen die in der Küche versammelten Frauen über Inkontinenz während der Schwangerschaft reden. Wie die Großmutter keinen Hehl daraus macht, ihre Familienmitglieder nur betrunken auszuhalten, und Cissi ihrem Insta-freudigen Quasi-Neffen droht, ihn mit der Nabelschnur zu erwürgen. Irgendwann aber werden die Beleidigungen zu brutal, sodass man den fünf versöhnlichen Schlussminuten nicht abkauft, echten Weihnachtsfrieden zu stiften. Die Skandinavier*innen scheinen da weniger nachtragend: In Schweden war Helena Bergströms Film 2015 ein Kassenschlager.

„Eine schöne Bescherung“ (Schweden 2015) läuft bei Amazon Prime.

„Weihnachten zu Hause“

Worum geht’s? 

Um Johanne, 30, die beim Adventsessen wieder neben ihre einjährigen Neffen gesetzt wurde, weil sie als Einzige aus der Familie noch Single ist. Aus Wut darüber erfindet sie einen Freund und hat dann vier Wochen Zeit, um eine reale Entsprechung für Heiligabend zu finden. 

Größtes Geschenk: 

Auf den ersten Blick könnte man meinen, „Weihnachten zu Hause“ funktioniere nach dem Schema, das den allermeisten Weihnachtsfilmen zugrunde liegt: Ein einsamer Mensch sehnt sich nach Liebe und findet sie unterm Tannenbaum. Doch je länger sich Johanne durch ihre Katastrophendates quält (Fremdschamhöhepunkt: der Typ, der den Escape Room in Stücke haut), desto mehr Fragen kommen ihr: Was will sie von einem Partner? Will sie überhaupt einen? Oder könnte ihr bisheriges Leben mit guten Freund*innen und einem erfüllenden Job nicht mehr als genug sein? 

Für alle, die … 

… allweihnachtlich von der übergriffigen Großtante gelöchert werden, wie es mit Partner*innensuche und Familienplanung aussieht. Besagte Großtante sollte gleich mitgucken, sie fände einige Argumente gegen das von ihr besungene Lebensmodell: Wie sich herausstellt, haben nicht wenige der Paare, die Johanne ein schlechtes Gewissen für ihr Singledasein einreden wollen, ernst zu nehmende Beziehungsprobleme. Vielleicht hat also doch Johannes glücklich alleinstehende Patientin recht, die sagt: „Mit das Beste im Leben ist, niesen zu können ohne Hand vorm Mund.“

Die Serie „Weihnachten zu Hause“ (Norwegen 2019, sechs Folgen) läuft bei Netflix. Die zweite Staffel ist am 18. Dezember gestartet. 

„Jingle Jangle Journey: Abenteuerliche Weihnachten!“

Worum geht’s?

Der berühmte Spielzeugmacher Jeronicus Jangle verliert alles, als ihm sein Gehilfe Gustafson seine bisher größte Erfindung stiehlt. Doch Jahre später bekommt er über Weihnachten unverhofften Besuch von seiner talentierten Enkelin Journey, die wieder Schwung in sein Leben und Schaffen bringt. 

Größtes Geschenk:

„Jingle Jangle Journey“ hat für Weihnachts-Fantasyfilm-Verhältnisse einen ungewohnt diversen Cast. So fällt einem erst richtig auf, wie Weiß vergleichbare Filme wie „Der Grinch“ oder „Charlie und die Schokoladenfabrik“ eigentlich sind. Dabei sollte eine diverse Besetzung doch im Fantasygenre besonders naheliegend sein: Hier können schließlich die gesellschaftlichen Ungleichheiten der realen Welt außer Kraft gesetzt und eine neue, bessere Vision der Verhältnisse erdacht werden. 

Würde ich umtauschen:

Die Einsichten, die Jeronicus und Co. im Laufe des Films erlangen, sind leider Standardplattitüden („Du musst nur an dich glauben“), die man in solchen Filmen einfach zu oft gehört hat. 

Für alle, die … 

… Musicals lieben und eine hohe Toleranzgrenze für Kitsch haben. 

„Jingle Jangle Journey: Abenteuerliche Weihnachten!“ (USA 2020) läuft bei Netflix.

„Echo“

Worum geht’s?

79 Minuten, 56 Szenen, 0 Kamerabewegung: Der Arthouse-Film zeigt in einer Mischung aus fiktiven und dokumentarischen Mini-Episoden, wie die Isländer*innen sich auf die Weihnachtszeit vorbereiten – und ist dabei erstaunlich unterhaltsam.

Größtes Geschenk:

„Echo“ schafft es, die Weihnachtszeit gleichzeitig zu ver- und entzaubern. Da gibt es einerseits Heimeligkeitsbilder, wenn im Hyggehaus blonde Mädchen Klavier üben oder eine Oma unterm Weihnachtsbaum beglückt eine VR-Brille ausprobiert. Dazwischen aber bricht immer wieder die Realität herein: Die unbewegte Kamera blickt auf Obdachlose beim Monopoly-Spielen, ein SUV wälzt sich in Echtzeit für den Weihnachtsputz durch die Waschstraße, und ein Mann fackelt sein geerbtes Haus ab, weil ein Fertigbau aus Polen billiger ist als zu renovieren. Wenn dann die Familie diskutiert, ob es zum großen Familienessen wirklich wieder Walfleisch geben muss und man quälend lange Sekunden der Müllabfuhr beim Leeren der vom Fest gefüllten Tonnen zuschaut, ist auch dem Letzten klar: Ziemlich banal, die Weihnachtszeit. Keine schlechte Nachricht für dieses Jahr.

Für alle, die …

… sich nicht entscheiden können, ob sie Weihnachten lieben oder hassen, und die genug haben von Hochglanz-Dramaturgien à la Netflix, Amazon und HBO. Dieser Film tröstet über ein vercoronisiertes Weihnachten hinweg.

„Echo“ (Island, Frankreich, Schweiz 2019) läuft bei Mubi.

Texte: Paul Hofmann, Sara Geisler, Luise Checchin, Nikita Vaillant, Niklas Prenzel

Titelbild: Nikita Teryoshin

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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