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Drei Tage und 14 Stunden im All mit Rabea Rogge, der ersten deutschen Astronautin
Rabea Rogge, 29, ist Elektroingenieurin, hat in Berlin und Zürich studiert und forscht an Robotik für die Arktis. Bei einer Expedition lernte sie den Bitcoinmilliardär Chun Wang kennen. Er lud Rogge auf seine private Weltraummission „Fram2“ ein, die von SpaceX durchgeführt wurde. Neben Wang und Rogge waren die Filmemacherin Jannicke Mikkelsen und der Polarabenteurer Eric Philips dabei: Fram2 war die erste astronautische Mission mit einer Flugbahn über Nord- und Südpol. Die Crew umrundete 55-mal die Erde.
Montag, 31. März 2025
Countdown
In den Tagen vor dem Start war ich echt aufgeregt: Ich hatte Angst vor der Angst, die beim Start eintreten könnte. Als es dann ernst wurde, war ich aber entspannt. Ich saß in unserer Crew-Dragon-Kapsel, vor mir der Livestream unseres Starts. Die Rakete wurde gerade betankt, ich sah die Blitze im Hintergrund, ein Gewitter. Heute starten wir eh nicht. Dachte ich. Dann zog das Gewitter vorbei. 21.46 Uhr Ortszeit auf der Raketenbasis in Florida, der Countdown zählt runter, ich spüre das Grollen der Triebwerke und denke: Passiert das gerade wirklich?
Flug ins All
Die ersten Kilometer sind recht sanft. Nach ein paar Minuten hat es mich aber heftig in den Sitz gedrückt – und dann nach vorne geschleudert. Das passiert, wenn die Triebwerke der ersten Stufe ausgehen. Die zweite Stufe zündete, und wir wurden wieder nach hinten gepresst. Als die Triebwerke ausgingen, sind wir wieder nach vorne gefallen – diesmal aber nicht mehr zurück. Wir waren auf der Erdumlaufbahn, schwerelos. Crazy.
Foto: Videostill Fram2 PressBrollPackage/ © SpaceX
Wir sind da!
Es dauerte nur zehn Minuten – und wir waren auf der Umlaufbahn. Da oben ist es wie auf einem Boot: Der Körper muss sich erst an die Umgebung gewöhnen. Mir wurde sofort übel, als etwas vorbeischwebte. Meine Crewmitglieder spielten schon mit der Schwerelosigkeit, haben sich kopfüber gedreht. Ich wollte auch, habe aber erst mal in eine Tüte gekotzt. Das hatten wir vorher zum Glück geübt.
Schwerelos
Nach zwei, drei Stunden hatte ich mich ans All gewöhnt. Die Schwerelosigkeit fand ich mit das Schönste dort oben. Es fühlt sich an wie unter Wasser, nur ohne Wasser. Da bist du plötzlich wieder ein Kind, hast Hunderte Ideen, die du ausprobieren möchtest. Ich habe mit einer Wasserflasche herumexperimentiert und geschaut, was passiert, wenn ich sie auf den Kopf stelle. Das verbraucht sich aber auch. Nach einem Tag bist du frustriert, dass du dich immer festhalten musst, weil du sonst wegschwebst.
Blick auf die Erde
Oben zogen wir zuerst die großen Raumanzüge aus, die einen schützen, falls während Start und Landung etwas schiefgeht und die Kabine Sauerstoff verliert. Dann fiel mein Blick auf die Erde. Ich dachte, ich weiß, was ich sehe, der blaue Planet, die Erdkrümmung und so weiter. Aber die Erde in ihrer Gesamtheit zu sehen hat mich tief beeindruckt. Absurd, dass ein Planet, der eine so riesige Masse hat, einfach mitten im All hängt.
Schlafenszeit
Nach dem ersten Tag im All war ich so kaputt, dass ich nur noch meinen Schlafsack eingehakt habe und eingeschlafen bin. Da hilft natürlich, dass ich auf Arktisexpedition war und in Zelten im Schneesturm geschlafen habe. Es ist aber schon ein komisches Gefühl, nicht auf etwas zu liegen und kein Kissen unter dem Kopf zu haben. Die Fenster haben wir abgedunkelt, sonst weckt dich alle 45 Minuten ein Sonnenaufgang. Mit Schlafmaske und Ohrstöpseln hatte ich das Gefühl, gut zu schlafen. Geschnarcht hat glücklicherweise niemand.
Tag 2
Aufstehen!
Morgens war meist einer von uns schon wach. Oder wir bekamen einen Wake-up-Call. Einmal habe ich nach dem Aufwachen nicht gleich gecheckt, wo ich bin. Ich habe mich in der Kapsel umgesehen und gedacht: Ach, stimmt, ich bin ja im Weltraum.
Hier ist das Frühstück
Das Essen da oben ist ganz gut, kein Astronautenfutter aus Tuben. Wir konnten das Essen aber leider nicht aufwärmen. Es gab Kaffee, in flüssiger Form. Oder kaubar: wie Kaubonbons, nur mit Kaffeegeschmack. Zum Frühstück haben wir Tortillas mit Erdnussbutter und Marmelade oder eine Art Apfelkuchen gegessen. Der war eingeschweißt, damit er nicht krümelt. Die Krümel würden sich sonst überall verteilen. Am witzigsten waren die M & Ms, die konnten wir uns gegenseitig zuspielen. Das Essen schmeckt im All nicht so intensiv, weil sich die Flüssigkeiten im Körper weniger verteilen. Deshalb stehen viele Astronautinnen und Astronauten auf sehr würzige Mahlzeiten.
Experimente
Für SpaceX ging es darum, zu testen, was mit der Dragon-Kapsel möglich ist. Unsere Kapsel ist vollautomatisch geflogen, wir mussten da gar nichts machen. Die Tage waren trotzdem durchgetaktet. Wir hatten mehr als 20 Experimente an Bord, auf die sich Universitäten vorher bewerben konnten. Die mussten wir oben durchführen und protokollieren, damit die Forschenden auf der Erde mit den Daten weiterarbeiten können. Wir haben zum Beispiel das erste Röntgenbild im All aufgenommen. Und Sportübungen gemacht: Menschen verlieren im All schneller Muskelmasse. Es wird untersucht, wie sie effizienter trainieren können. Wir haben dafür eine Art Space Squats gemacht. Nicht so leicht, wenn alle Arbeitsgeräte um dich herumschweben.
Rundflug
Am zweiten Tag hatten wir die Zeit, eine komplette Umrundung der Erde zu beobachten. Die dauert 90 Minuten, du fliegst mit knapp 27.000 Kilometern pro Stunde. Wir haben beide Erdseiten gesehen, Tag und Nacht. Bei Tag siehst du die Natur besser, bei Nacht die Menschheit. Die Städte sind hell erleuchtet. Das hat mich sehr berührt.
Foto: © SpaceX
Tag 3
Ich muss mal!
Im All wäscht man sich mit Feuchttüchern. Das Zähneputzen habe ich mir leicht gemacht und die Spucke einfach runtergeschluckt. Es gibt auch eine Weltraumtoilette: Du setzt dich, und alles, was rauskommt, wird abgesaugt. In der Kapsel riecht es ganz normal.
Houston, wir haben gutes Internet
Wir hatten ziemlich gutes Netz da oben. Ich habe einmal mit meinen Eltern über FaceTime telefoniert. Das war völlig bizarr, 400 Kilometer über ihnen: „Guck mal, Mama, hier ist die Erde.“
Experiment zum Hormonhaushalt
Am dritten Tag habe ich Urinproben genommen. Nicht so einfach. Letztlich musste ich eine Windel anziehen. Anhand der Probe wird erforscht, wie die extremen Bedingungen im All den weiblichen Hormonhaushalt beeinflussen. Das soll der Medizin helfen, künftige Astronautinnen besser zu versorgen.
Stimmung an Bord
Auf so wenig Raum rempelt dich in der Schwerelosigkeit gefühlt ständig jemand an, aber die Stimmung war richtig gut, wir haben viel gelacht. Wir wurden mit vielen Kommunikationstrainings vorbereitet und haben viel Zeit miteinander verbracht, um oben mit der Enge klarzukommen. Die Kapsel hat einen Raum, nur die Glaskuppel kann man mit einer Schiebetür abtrennen. Eigentlich wie ein Campervan.
Tag 4
Packen für den Rückflug
Am letzten Tag haben wir uns ready gemacht. Du musst da oben sehr viel packen. Und vor allem genau: Alle Sachen müssen an den richtigen Ort zurück, sonst kann sich das Gewicht der Kapsel verlagern. Das kann beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zu Problemen führen. Dann sind wir wieder in die Raumanzüge geschlüpft. Start und Landung sind die hektischen Phasen einer Raumfahrt. Wie soll es auch anders sein, wenn du von 30.000 Kilometern pro Stunde auf null abbremst?
Foto: © SpaceX
Aufbruch
Wir schnallten uns in unseren Sitzen fest und starteten den Wiedereintritt in die Atmosphäre. Ich habe noch mal aus dem Fenster geschaut: auf den Planeten, auf dem wir in den nächsten Minuten landen würden. Dann fällt die Kapsel durch die Atmosphäre. Die Reibungskräfte entwickeln eine extreme Hitze, von außen sieht die Kapsel aus wie ein Feuerball. Durch die Fenster habe ich Flammen gesehen, das war schon supercool.
Wiedereintritt in die Atmosphäre
Der Wiedereintritt war sehr viel härter als der Start, weil sich der Körper an die Schwerelosigkeit im All gewöhnt hatte. Ich habe krass gemerkt, wie das Gewicht meines Körpers zurückkam und wie schwierig es war zu atmen. Am meisten habe ich die Fallschirme gespürt: Als die geöffnet wurden, gab es einen extremen Ruck, und die Kapsel taumelte weiter. Es war wie in einer Achterbahn. Wir wussten aber auch: Jetzt haben wir es sicher zur Erde zurückgeschafft.
Welcome home!
Am Ende siehst du fast gar nichts mehr, weil die Fenster voller Ruß sind. Wir sind vor der Westküste der USA runtergekommen. Das Meer konnte ich nur schemenhaft erkennen. Ich musste mich erst mal wieder übergeben. Und dann kamen schon die Leute auf die Kapsel, um sie für die Bergung auf ein Schiff vorzubereiten. Als die Kapsel oben war, haben sie die Luke aufgemacht. Plötzlich habe ich wieder sehr intensiv gerochen. Da war zuerst die frische Meeresluft. Das war unglaublich.
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Titelbild: © SpaceX