Der helle Wahnsinn
Licht aus, Sterne an. In der Atacama-Wüste in Chile ist der Himmel Labor und Legende zugleich. Hier trifft Hightech auf indigene Weltsicht. Aber das, was beide brauchen, verschwindet: die Dunkelheit
Ohne das Lama wären wir längst ertrunken, das hat Luciano Anza schon als Kind gelernt. Seit Generationen sehen die Lickan Antay, ein indigenes Volk aus der Atacama-Wüste, das Lama im Nachthimmel: Sein Maul berührt das Meer. Das Tier trinkt – gerade so viel, dass das Meer nicht überläuft und die Erde überschwemmt.
Während wir in Deutschland die leuchtenden Sterne zu Figuren wie dem Großen und Kleinen Wagen oder zu einem Löwen verbinden, beobachten viele Andenvölker die dunklen Flächen zwischen den Sternen – und finden darin Formen wie das liegende Lama, das das Gleichgewicht zwischen Himmel, Wasser und Erde reguliert.
Himmel und Erde sind in der andinen Kosmovision, die für die Lickan Antay sehr wichtig ist, keine Gegensätze; sie gehören zusammen. Einerseits spiegelt der Himmel, was es auf der Erde gibt: Lamas, Kröten oder Füchse. Andererseits gibt es Berührungspunkte zwischen Himmel und Erde. Etwa wenn das Lama am Himmel Salzwasser trinkt. Oder die Milchstraße, auf der die Seelen Verstorbener in die Welt der Ahnen reisen, um zu Sternen zu werden.
An Wochenenden hilft Luciano seinem Vater César in der Sternwarte
Luciano – 16, groß, schlank, wattierte Jacke – steht an einem übermannsgroßen Teleskop und nimmt die wasserdichte Plane ab. Dann richtet er das Beobachtungsrohr in Richtung Himmel. „Die wichtigsten Punkte habe ich vorprogrammiert“, erklärt er. „Das Teleskop wird sie später auf Knopfdruck finden.“ In der Nacht kommt eine Tourigruppe zur Sternenbeobachtung, sie soll den Mond sehen und Saturn mit seinen Ringen, sie werden sterbende Sterne beobachten und ferne Galaxien. Und Luciano will ihnen erklären, dass es neben all der Technik noch andere Perspektiven auf den Himmel gibt.
Luciano wohnt in San Pedro de Atacama, einem Wüstenort auf rund 2.400 Metern Höhe im Andenhochland Chiles. Es ist ein Plateau mit Vulkanen und leuchtend weißen Salzseen, mit klarem Himmel und überwältigend stillen Nächten. Von Montag bis Freitag geht Luciano rund 100 Kilometer entfernt zur Schule, in Calama, einer Bergbaustadt. Die Familie hat dort eine kleine Wohnung angemietet, um ihm und dem jüngeren Bruder den Besuch einer guten Schule zu ermöglichen. „Damit wir später studieren können“, sagt Luciano. Seine Lieblingsfächer sind Mathematik und Informatik.
Die Wochenenden verbringt Luciano in San Pedro. Sie gehören tagsüber der Playstation – und nachts den Sternen. Dann hilft er seinem Vater César, der im Garten hinter dem Holzhaus, das die Familie bewohnt, eine Sternwarte betreibt. Die Familie lebt vom Astrotourismus, der in San Pedro boomt. „Alarkapin“ hat Vater César sein Observatorium genannt. Auf Kunza, der Sprache der Lickan Antay, bedeutet das: leuchtender Stern. Vater und Sohn erklären Besucherinnen und Besuchern die Sternbilder und die andine Kosmovision. Danach führen sie die Gäste hinaus zu den Teleskopen, um die Theorie am Nachthimmel zu zeigen.
Die Teleskope stehen im Garten der Familie Anza. Dahinter: die Wüste
Der Himmel der Atacama-Wüste gilt als einer der klarsten der Erde, er ist an rund 300 Nächten im Jahr wolkenlos. Deshalb stehen hier einige der wichtigsten Observatorien der Welt, darunter die der Europäischen Südsternwarte (ESO), deren Hauptsitz in Garching bei München ist. Ausgesucht wurden die Standorte auch aufgrund der geringen Lichtverschmutzung: wenige große Städte, kaum Industrie. „Der dunkle Himmel ist unser Labor“, sagt Itziar de Gregorio-Monsalvo.
Die Spanierin ist Astrophysikerin und die Vertreterin der ESO in Chile. In ihrem Büro in der Hauptstadt Santiago hängt ein großformatiges Foto des Very Large Telescope (VLT) in der Atacama-Wüste. Bessere Bilder als die des VLT kriegt man momentan auf der Erde nicht, es sei gebaut worden, um alle Bereiche der Astronomie zu revolutionieren, sagt de Gregorio-Monsalvo. „Wir wollen dazu beitragen, Leben außerhalb unseres Sonnensystems zu entdecken.“
Am VLT sind die Zimmer für Besucherinnen und Besucher in den Wüstenboden eingelassen. Kein Lichtstrahl soll an die Oberfläche dringen und die sensiblen Teleskope irritieren. Nachts dürfen Autos auf dem Gelände nur mit Standlicht fahren, Taschenlampen sind verboten. Alles scheint perfekt geregelt, aber das Projekt ist bedroht. „In der Nähe soll eine Anlage für die Erzeugung von grünem Wasserstoff gebaut werden“, sagt de Gregorio-Monsalvo.
Luciano ist unsicher, ob er das Observatorium später mal übernehmen soll
Das klingt nach Zukunft, aber für das VLT ist es ein Problem. Und für ein anderes optisches ESO-Teleskop, das das größte seiner Art werden soll, könnte es das Ende sein, bevor es überhaupt fertig gebaut ist. Denn: Licht, Staub, Erschütterungen, „fatal für uns“, sagt de Gregorio-Monsalvo. Die ESO beobachte, wie Sterne und Planetensysteme entstehen. Sie untersuche Exoplaneten, also Planeten, die um ferne Sterne kreisen, und ihre Atmosphären, um Spuren von Leben oder sogar industrieller Aktivität zu finden. Solche Entdeckungen hängen von etwas scheinbar Simplem ab: der nächtlichen Dunkelheit. „Hier steht nicht nur ein Observatorium auf dem Spiel“, sagt de Gregorio-Monsalvo, „sondern unser Fenster zum Universum.“
In Chile hat sich deshalb eine ungewöhnliche Allianz formiert: der Rat der dunklen Himmel. Ein Zusammenschluss internationaler Sternwarten und Universitäten will die Dunkelheit schützen. Der Rat fordert strenge Auflagen für die Industrie und Aufklärung in den Gemeinden. In San Pedro hat der Stadtrat darauf bereits reagiert. Auf dem Fußballplatz sind die Flutlichter nach unten gerichtet, nicht mehr in den Himmel. Die Straßenlaternen im Zentrum geben ein gelblicheres Licht ab – warm für das menschliche Auge, weniger störend für Observatorien. Die Stadt erhellt den Nachthimmel noch immer, aber ein Anfang ist gemacht.
Das Observatorium Alarkapin ist im lokalen Verbund AstroLoa engagiert, der die Anliegen des Rats der dunklen Himmel unterstützt. César hat schon einmal erlebt, was zu viel Licht für seine Arbeit bedeutet. Sein erstes Observatorium stand am Rand von San Pedro. Als die Stadt wuchs, ließen die Lichter den Nachthimmel verblassen. Die Familie zog aufs Land, 15 Autominuten von San Pedro entfernt. César baute ein neues Observatorium, aber inzwischen ist auch das nicht mehr sicher vor dem Licht.
Noch ist der Himmel sternenklar. Aber die Interessen des Lithiumbergbaus sorgen für zunehmende Lichtverschmutzung
Mitten in der Nacht geht es auf einer Sandpiste auf einen Hügel. Motor aus, Licht aus. Luciano zeigt, was ihm Sorge bereitet. Im Norden wächst San Pedro. Im Nordwesten ist schon der Lichtschein von Calama zu sehen. Und im Nordosten flackern kleine Lichter, „vom Bergbau“, sagt Luciano. Die Atacama-Region liegt im sogenannten Lithium-Dreieck, der Abbau ist ein Milliardengeschäft. Noch schlimmer finden die Anzas aber ein Bauvorhaben auf dem Nachbargrundstück: Ein Luxushotel soll entstehen. Es wäre das Ende ihres Observatoriums.
Früher war der Himmel für die Lickan Antay wie ein Buch, das jede Nacht aufgeschlagen wurde. Heute wüssten die meisten Jugendlichen in San Pedro nichts mehr über den Himmel, sagt Luciano. „Ich selbst habe erst in der Pandemie angefangen, mich damit zu beschäftigen.“
Als im Lockdown die Touristen ausblieben, zeigte ihm sein Vater die Teleskope. Gemeinsam haben sie blaue Streifen auf die weiße Kuppel des Observatoriums gestrichen. Nun erinnert es an R2-D2 aus „Star Wars“. In Chile nennen sie den Roboter „Arturito“, eine charmante Fehlübersetzung des englischen „Ar-Two-Dee-Two“.
César hofft, dass Luciano seine Arbeit einmal weiterführen wird. Der zweifelt: „Das geht nur in der Dunkelheit, und die wird es nicht mehr lange geben. Ich möchte einen Beruf mit Zukunft.“ Daran arbeitet César. Er will mit dem Betreiber des neuen Hotels verhandeln: Nachts soll das Hotel die Lichter bitte abschalten. Ein vergleichsweise kleiner Handgriff, und das Lama, der Fuchs, der Weg der Seelen und das Observatorium der Anzas wären vorerst gerettet.
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