Wie schmeckt der Klimawandel?
Lebensmittel können durch den Klimawandel in Zukunft anders schmecken. Christoph Gornott vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung erklärt, warum Äpfel süßer werden und Brötchen weniger fluffig
Herr Gornott, Sie beschäftigen sich mit den Folgen des Klimawandels für die Landwirtschaft. Warum betrifft dieses Thema alle – auch Menschen, die nicht auf dem Feld arbeiten?
Klimawandel ist tatsächlich viel mehr als nur steigende Temperaturen. Es geht auch um eine veränderte Verteilung von Regen, häufigere Extremwetterereignisse und einen höheren CO₂-Gehalt in der Atmosphäre. All das beeinflusst, wie Pflanzen wachsen, reifen und welche Inhaltsstoffe sie ausbilden.
Steigt zum Beispiel der CO₂-Gehalt, sinkt der Gehalt an Mikronährstoffen wie Eisen, Zink und Eiweiß in vielen Grundnahrungsmitteln. Das beeinflusst nicht nur, wie gesund Lebensmittel sind, sondern verändert auch ihren Geschmack und ihre Textur.
Was schmeckt künftig nicht mehr, wie bisher?
Zum Beispiel der Apfel. Durch höhere Temperaturen wird mehr Zucker eingelagert, der Säuregehalt sinkt. Das Ergebnis: Äpfel werden süßer, der typische „knackig-saure“ Apfel wird seltener. Wer heute einen Apfel mit einem aus den 1970er-Jahren vergleichen könnte, würde den Unterschied merken. Aber auch der Weizen ist betroffen, unser wichtigstes Grundnahrungsmittel. Steigende Temperaturen und veränderte Niederschläge führen dazu, dass der Proteingehalt im Weizen schwankt.
Wie schmecken dann die Brötchen unserer Zukunft?
Das wirkt sich auf die Backfähigkeit aus - Brot und Brötchen werden weniger fluffig. Oft muss Weizen aus verschiedenen Regionen gemischt werden, um die gewünschte Qualität zu erreichen. Aber nicht nur Brot, sondern auch andere Lebensmittel, die aus Getreide bestehen, werden sich deshalb verändern. Braugerste, die man für Bier benötigt, braucht größere Körner und einen niedrigeren Eiweißgehalt. Hitze und Trockenheit führen jedoch zu kleineren Körnern und zu hohen Eiweißgehalten, was die Brauqualität für das Bier beeinträchtigt. Durch erhöhte CO2-Gehalte in der Luft, kann es aber auch zu sinkenden Eiweißgehalten kommen. Es kann sich also in beide Extreme entwickeln. Besonders sensibel ist auch der Hopfen, der nur in bestimmten Regionen wächst und auf klimatische Veränderungen stark reagiert. Insgesamt werden dadurch die Bedingungen hochwertige und aromatische Biere zu brauen erschwert.
„Produkte wie Kakao, Wein oder bestimmte Obstsorten, wie zum Beispiel Kirschen im letzten Jahr, könnten knapper und damit teurer werden“
Werden bestimmte Lebensmittel in Zukunft ganz verschwinden?
Es gibt Produkte, die besonders gefährdet sind. Kaffee ist hier ein Paradebeispiel. Er wächst am besten in bestimmten Höhenlagen mit speziellen klimatischen Bedingungen. Studien gehen davon aus, dass bis zu 50 Prozent der bisherigen Anbauflächen für Kaffee in den nächsten Jahrzehnten verloren gehen könnten. Zwar könnten neue Regionen erschlossen werden, aber das ist nicht so einfach. Die Menschen, die seit Generationen Kaffee anbauen, verfügen über spezielles Know-how, woanders fehlt es oft an Infrastruktur und lokalem Wissen. Auch andere Produkte wie Kakao, Wein oder bestimmte Obstsorten, zum Beispiel Kirschen im letzten Jahr, könnten knapper und damit teurer werden.
Das bedeutet weniger Auswahl im Supermarkt.
Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass bestimmte Produkte vorübergehend knapp sind. Die Vielfalt im Supermarkt könnte abnehmen, Regale könnten leer bleiben und Produkte vor allem teurer werden. Die globalen Lieferketten sind sehr anfällig für Störungen. Wenn klimatische Veränderungen dazu führen, dass in einer Region ein Produkt nicht mehr angebaut werden kann, ist es nicht einfach, das anderswo zu kompensieren. Dort fehlt es an Wissen, Infrastruktur und manchmal auch an politischen oder wirtschaftlichen Voraussetzungen. Das betrifft nicht nur exotische Produkte wie Kaffee oder Kakao, sondern auch Grundnahrungsmittel und regionale Spezialitäten. Gleichzeitig kann das aber auch eine Chance sein, neue Geschmacksrichtungen zu entdecken, etwa wenn ein Apfel durch andere klimatische Bedingungen süßer ausfällt und sich genau das vermarkten lässt. Ähnlich zeigt sich das beim Wein: Deutschland kann mittlerweile viel „schwerere“ Weine herstellen, die vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wären. Das erhöht auch die Vielfalt der heimischen Produkte.
Gibt es auch Anpassungsstrategien in der Landwirtschaft?
Es werden neue, klimaresiliente Sorten gezüchtet, die besser mit Hitze, Trockenheit oder Starkregen zurechtkommen. Auch der ökologische Landbau kann helfen, die Widerstandsfähigkeit der Agrarsysteme zu stärken. Hinzu kommen zahlreiche weitere Strategien, zum Beispiel Agroforstsytseme. Diese schaffen ein kühleres Mikroklima. Veränderte Saatzeitpunkte können Trockenperioden umgehen und vielfältigere Fruchtfolgen und mehr Diversität reduzieren das Risiko von Ernteausfällen. Außerdem lässt sich durch gezielte Düngung die Qualität von Getreide, etwa die Korngröße oder der Eiweißgehalt, in eine bestimmte Richtung steuern.
Prof. Dr. Christoph Gornott
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Titelbild: David Avazzadeh / Connected Archives