Bro, lass mal Demokratie aushöhlen
Lange galt das Silicon Valley als Ort des Fortschritts. Dann schlugen sich einige der Mächtigsten der Szene auf Trumps Seite. Wie verändert das die Branche – und die Politik? Das haben wir Aya Jaff gefragt, die selbst Teil der Szene war
fluter: Aya Jaff, Sie haben früher in verschiedenen Tech-Start-ups im Silicon Valley gearbeitet. Wie hat sich diese Branche seitdem verändert?
Aya Jaff: Was als Ruf nach Freiheit begann, war oft ein versteckter Angriff auf jede Form kollektiver Kontrolle. Ich habe lange geglaubt, das sei nur unternehmerische Rebellion, aber mit der Zeit wurde klar: Es war ein ideologisches Projekt. Cyberlibertäre wie Peter Thiel und andere wollen keine Freiheit für alle, sondern Freiheit von gesellschaftlicher Kontrolle und Mitbestimmung. Und das ist ein großer Unterschied. Sie benutzen Technologie nicht, um Probleme zu lösen, sondern um Politik zu umgehen.
Sie haben ein Buch zu dem Thema geschrieben. Im Untertitel heißt es, die Tech-Elite würde Fortschritt verhinden. Wie geht das zusammen?
Für mich heißt Fortschritt, dass ein lebenswertes Leben für die breite Gesellschaft möglich wird. In der Vision dieser Gründer hingegen wird Fortschritt oft nicht mehr daran gemessen, ob er das Leben vieler verbessert, sondern daran, ob er den Status einiger weniger sichert. Die Tech-Elite verwechselt oft neue technologische Möglichkeiten mit gesellschaftlichem Fortschritt. Die Vorstellung, dass Technologie per se gut sei, dient dabei als moralische Entlastung. Aber was ist das für ein Fortschritt, der neue Formen digitaler Ausbeutung hervorbringt, während er sich als universale Lösung verkauft?
Oligarchie bedeutet Herrschaft von Wenigen. 2024 bezeichnete die britische Journalistin Carole Cadwalladr das Netzwerk von Tech-Milliardären, das sich Trump annäherte, als „Broligarchie“. Als Broligarchen gelten unter anderem Elon Musk (X, SpaceX, Tesla, Mitgründer von PayPal), Peter Thiel (Mitgründer von PayPal, Gründer von Palantir), Jeff Bezos (Amazon), Mark Zuckerberg (Meta – also Facebook, WhatsApp und Instagram) und Sam Altman (OpenAI).
Wer sind die Broligarchen? Und was unterscheidet sie von Oligarchen?
Dass es oligarchische Strukturen gibt, ist nichts Neues. Es gab schon immer Menschen, die sehr reich waren und deswegen politisch viel bewirken konnten. Neu ist, dass es nun Unternehmer aus der Tech- und Gründerszene sind, die durch Internetfirmen sehr viel Macht erlangt haben. Die Broligarchen besitzen Plattformen, die den Zugang zu Information, Aufmerksamkeit und Teilhabe steuern. Was sie von klassischen Eliten unterscheidet, ist ihr Anspruch, neutral oder sogar moralisch überlegen zu handeln. Genau das ist gefährlich: Wenn jemand behauptet, nicht politisch zu handeln – und dabei ganze Machtverhältnisse verschiebt.
Musk teilte letztes Jahr einen Post auf X, in dem es hieß, eine Republik hochrangiger Männer sei besser als eine Demokratie. Wollen Tech-Bros die Demokratie abschaffen?
Auf jeden Fall haben sie keinerlei Interesse daran, die Demokratie am Leben zu halten. Das ist die natürliche Konsequenz ihres Machtausbaus. Der rechtslibertäre Tech-Unternehmer Peter Thiel sagt ganz offen, dass er Freiheit und Demokratie für unvereinbar hält. Die Tech-Bros sehen sich selbst als überlegen und leiten daraus ihren Machtanspruch ab. Was die breite Bevölkerung möchte, spielt da keine Rolle.
Tech-Bros beeinflussen die Politik mit ihrem Geld und erwarten dafür Gegenleistungen – wie Mark Zuckerberg, hier bei einer Party zum Start von Donald Trumps zweiter Amtszeit, veranstaltet von Peter Thiel
Foto: Mark Peterson/Redux/laif
Bei der Amtseinführung von Donald Trump zeigte Elon Musk den Hitlergruß. Er unterstützte weltweit rechte Parteien. Wo sind die Tech-Bros politisch zu verorten?
Elon Musk gab seine Stimme vor einigen Jahren noch an Kandidaten der Demokraten. Ich glaube, die Tech-Bros sind weder klassisch rechts noch links. Sie haben ihre eigene Ideologie, und die einzige Logik, der sie folgen, ist die des Kapitals. Politisch passen sie sich dem an, was gerade funktioniert. Gleichzeitig beeinflussen sie die Politik mit ihrem Geld und erwarten im Gegenzug weniger Regularien, die ihre Macht einschränken würden. Damit werden sie auch politisch immer mächtiger – übrigens unabhängig davon, ob Elon Musk noch in der US-Regierung ist oder nicht.
Als Elon Musk noch in der Regierung war, sammelte er intimste Daten der US-amerikanischen Bevölkerung. Wer wohnt wo? Wer wurde von der Polizei befragt? Wer hat wen gewählt? Was wollen Musk und Trump mit diesen Daten?
Sie wollen Macht in jeder Form, und Informationen sind Macht. Die gesammelten Daten werden von Palantir ausgewertet, einer Überwachungssoftware, an der Peter Thiel maßgeblich beteiligt ist. Damit verfügt die Regierung von Donald Trump über einen riesigen Datenpool der US-Bevölkerung, den sie nach Informationen durchsuchen kann. Die US-Regierung nutzt diese Daten zum Beispiel, um Migrationsbewegungen zu tracken.
Wie konnte aus einer Industrie, deren Image grenzenlose Innovation versprach, eine autoritäre Tech-Broligarchie entstehen?
Auch dank genau dieser Heilserzählung von grenzenloser Innovation. Die Macht der Tech-Bros wurde oft nicht eingeschränkt, weil niemand gegen Innovation sein möchte. Aber wenn es kaum Regularien gibt, werden kleinere Akteure verdrängt, und es entstehen Monopole. Eine so massive Machtkonzentration führt dann zu autoritären Strukturen. Diese Macht wollen sich die Tech-Bros nicht mehr nehmen lassen, also sorgen sie dafür, dass man sie nicht einschränkt.
Aya Jaff, geboren 1995, hat sich mit 15 Jahren das Programmieren beigebracht. Heute ist sie Unternehmerin und Autorin. Im Oktober erscheint ihr zweites Buch: „Broligarchie – Die Machtspiele der Tech-Elite und wie sie Fortschritt verhindern“ (Ullstein Verlag)
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