Bafög? Nee, lass mal …
Junge Leute finanziell bei der Schule oder Uni unterstützen: Das will das Bundesausbildungsförderungsgesetz, kurz Bafög. Die Zahl der Bafög-Empfänger ist aber auf dem tiefsten Stand seit 2000. Woran das liegt – und was helfen könnte
Tjark-Hagen Kandulski ist wohl der ideale Bafög-Empfänger. Als Erster in seiner Familie will er studieren. Seine Eltern, die mit 1.500 Euro im Monat für sich und vier Kinder auskommen müssen, können ihn finanziell aber nicht unterstützen. Als sich Kandulski in Hamburg für einen Philosophie-Bachelor einschreibt und sein Bafög-Antrag durchgeht, sieht alles nach einer Aufstiegsgeschichte aus. Dank der staatlichen Förderung geht Kandulski zur Uni, macht Erasmus, nimmt später noch ein Masterstudium in Frankfurt auf. Heute jedoch sagt er: „Das Bafög-Amt ist schuld, dass ich mich immer wieder verschulde und mein Studium nicht abschließen kann.“
Bei dem 31-Jährigen hat sich viel Frust angestaut. Mehrmals wartete er bis zu einem Jahr auf seinen Bafög-Bescheid. Statt in Seminaren verbrachte Kandulski die Wartezeit mit Geldverdienen. In Frankfurt, wo ein WG-Zimmer heute im Schnitt 675 Euro kostet, ging ein Großteil seiner Einkünfte für die Miete drauf. Die Folge: Kandulski häufte regelmäßig mehrere Tausend Euro Schulden an, die er erst mit der Bafög-Nachzahlung begleichen konnte. Vor wenigen Wochen dann flatterte die Hiobsbotschaft ins Haus. Sein jüngster Bafög-Antrag wurde abgelehnt – weil er nicht wie geplant alle Module abschließen konnte. Aus Kandulskis Sicht ein schlechter Witz: „Wie soll ich die Leistungen erbringen, wenn ich wegen ausbleibender Bafög-Gelder zwei Semester mit Jobben beschäftigt bin?“
Fünf Monate Wartezeit auf den Bafög-Bescheid
Mit seinen Erfahrungen ist Kandulski nicht allein. Viele Kommilitonen klagen über mühsame Anträge und lange Wartezeiten. 2022 zeigte eine Befragung der „Tagesschau“ unter 2.698 Studierenden: Wartezeiten von bis zu fünf Monaten auf den Bafög-Bescheid sind keine Seltenheit. Auch weil neun von zehn der Befragten es nicht schaffen, alle geforderten Unterlagen einzureichen.
Vor allem für Studierende, die ein schlechtes Verhältnis zu den Eltern haben, kann dies zum Problem werden. Zum Beispiel, da die Bafög-Ämter die Einkommenssteuerbescheide der Eltern verlangen, obwohl diese Daten doch bei den Finanzämtern liegen. Wenn ein Elternteil gut verdient, aber keinen Unterhalt zahlt, kann das Bafög-Amt zunächst Geld vorschießen. Nach einer Prüfung fordert es den Betrag von der unterhaltspflichtigen Person zurück, notfalls auch vor Gericht. In einigen Fällen ist auch eine elternunabhängige Förderung möglich.
Experten sehen in den bürokratischen Anträgen einen der Gründe, warum immer weniger Schüler und Studierende Bafög beziehen. Aktuell sind es nur mehr 612.800 Personen. Das ist der niedrigste Stand in 25 Jahren. „Offensichtlich steht der Aufwand für viele nicht im Verhältnis zum Ertrag“, vermutet Matthias Anbuhl. Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Studierendenwerks kritisiert schon länger, dass die Bafög-Sätze und die Wohnpauschale trotz der jüngsten Erhöhungen noch viel zu niedrig seien – und die Anträge unnötig kompliziert. Er fordert, dass Bafög-Stellen mit anderen Ämtern Daten austauschen, anstatt Studierenden die Nachweispflicht aufzubrummen.
„Nach unserer Hochrechnung beantragen bis zu 70 Prozent der Studierenden kein Bafög, obwohl sie darauf Anspruch hätten“Sebastian Riedmiller, Max-Planck-Institut
Aus Anbuhls Sicht wäre es auch eine große Erleichterung, wenn der Bafög-Antrag nur einmal für den gesamten Bachelor oder Master gestellt werden müsste. Aktuell kommen die Bafög-Ämter, die laut Anbuhl stark unter Personalmangel leiden, mit den Anträgen kaum hinterher – auch weil digital gestellte Anträge immer noch ausgedruckt werden müssen. Bei einem einmaligen Bafög-Antrag pro Studium hätten Studierende auch mehr Planungssicherheit, so Anbuhl. Im besten Fall motiviert das wieder mehr Studierende, Bafög zu beantragen.
Wie viel Luft hier nach oben ist, weiß Sebastian Riedmiller. Die Zahlen, die der Verhaltensforscher am Bonner Max-Planck-Institut und sein Kollege Sascha Strobl vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik erhoben haben, sprechen Bände: „Nach unserer Hochrechnung beantragen bis zu 70 Prozent der Studierenden kein Bafög, obwohl sie darauf Anspruch hätten“, so Riedmiller. Im Schnitt lässt sich diese Gruppe fast 500 Euro im Monat entgehen. Eine Tatsache, die den 29-jährigen Wissenschaftler auch persönlich umtreibt: „Ich habe selbst Bafög erhalten. Dass heute so viele auf die Unterstützung verzichten, fällt mir schwer zu verstehen.“
Zu den Gründen, das zeigt Riedmillers Forschung, zählt vor allem fehlendes Wissen. So glauben vier von fünf Studierenden fälschlicherweise, dass ihnen keine Förderung zusteht. Und die, die wissen, dass sie Bafög-berechtigt sind, unterschätzen oft, wie viel Geld sie eigentlich bekommen würden. Sie stellen dann teils keine Anträge, weil sie denken, der Aufwand lohne sich nicht. Dass die Bafög-Ämter derzeit so lange für die Bearbeitung der Anträge bräuchten, mache es nicht besser, so Riedmiller. Besonders tragisch aus seiner Sicht: Ein Teil der Studis verzichtet auf Bafög aus Angst, sich zu verschulden, geht dabei aber von ganz falschen Annahmen aus. „Viele wissen nicht, dass sie nur die Hälfte des Bafögs zurückzahlen müssen und dass es dabei die Obergrenze von 10.010 Euro gibt“, sagt Riedmiller.
Kann KI helfen?
Was helfen könnte: mehr Wissen rund ums Bafög und seine Rückzahlung. Dafür hat das Fraunhofer-Institut einen KI-basierten Chatbot entwickelt, der laut Riedmiller auch einfacher funktioniert als bestehende Online-Bafög-Rechner. Dort nämlich müsse man unter anderem die Steuerlast der Eltern eingeben, so Riedmiller: „Wenn man die nicht parat hat, kommt man nicht weiter.“ Beim Fraunhofer-Chatbot hingegen reiche es aus, das ungefähre Einkommen der Eltern einzugeben, um sofort einen geschätzten Bafög-Satz ausgespuckt zu bekommen. Bevor das Tool aber nutzbar ist und dauerhaft online geht, soll es den Praxistext bestehen. In dem geplanten Forschungsprojekt wollen Riedmiller und Strobl überprüfen, wie stark der Chatbot die Antragsquoten beim Bafög in die Höhe treiben kann.
Bei Dorothee Bär kommt die Chatbot-Idee gut an. Die Bundesforschungsministerin hält das Bafög-Image für verstaubt, da können zeitgemäße Tools nicht schaden. Masterstudent Tjark-Hagen Kandulski hingegen ist zurückhaltender. Das könne nicht schaden, aber sinnvoll wäre für ihn eher der Einsatz von KI in den Bafög-Ämtern: bei der Bearbeitung der sich stapelnden Anträge.
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Titelbild: Gijs van den Berg / Connected Archives