„Homophob zu sein, ist einfach nicht mehr im Trend“
Baran Kok ist offen schwul, rappt und hat damit Erfolg. Seine Texte handeln von Sex, Einsamkeit und Crushs, die AMG fahren, zur Thug-Life-Jacke trägt er Lederstiefel. Wie passt das zusammen?
fluter: Baran Kok, du hast dieses Jahr nicht nur auf dem größten deutschen Hip-Hop-Festival Splash gespielt, sondern auch auf einer Abiparty in Brandenburg. Wie kam es denn dazu?
Baran Kok: Als ich bei TikTok bekannter wurde, haben mir immer mehr Leute geschrieben: „Bitte komm zu meinem Abiball.“ Ich hielt das erst für einen Joke, aber irgendwann kamen Anfragen per E-Mail, und ich dachte: Okay, das ist ernst gemeint, lass was daraus machen. Ich habe dann im Immanuel-Kant-Gymnasium in Teltow gespielt und war noch nie so nervös wie bei diesem Auftritt. Es standen so viele Kinder vor mir, da waren Zwölfjährige dabei! Die konnten alle meine Texte mitrappen.
Ein offen schwuler Rapper spielt in deiner Schule – wie hättest du damals als Schüler darauf reagiert?
Nach außen hätte ich wahrscheinlich so getan, als ob es mich nicht interessieren würde, weil ich damals noch nicht so sicher mit mir selbst war. Aber innerlich hätte ich es gefeiert und mich bis heute daran erinnert.
„Schwul zu sein und Kanake? Viele denken, das geht nicht. Ich habe durch Rap den besten Weg gefunden, beides sein zu können und nach außen zu tragen“
Hast du dich damals schon für Rap interessiert?
Ich habe früh angefangen, Deutschrap zu hören, MoTrip, Celo & Abdi, so was. Irgendwann als Jugendlicher wurde mir klar, wie homophob deutscher Rap ist, dass ich in dieser Musik nicht erwünscht bin. Es gab einen Bruch. Erst nach ein paar Jahren Pause habe ich gecheckt, dass diese Musik keinem gehört – dass ich Deutschrap halt mag und ihn hören will.
Straßenrap, von Bushido über Haftbefehl bis 187 Strassenbande, wurde über die Jahre zwar thematisch diverser, aber eines hält sich: Man muss der Stärkste sein, so hetero wie möglich, ein „echter Mann“. Was hat das mit dir gemacht?
Ich war ja früher selber so wie viele bekannte Rapper. Ich habe Alpha-Jacke getragen, homophobe Witze gemacht und bin mit dem 3er-BMW zum Chillen in die Shishabar gefahren. Ich wusste zwar innerlich, dass ich anders fühle, aber habe das komplett ignoriert. Sich damit zu beschäftigen, hätte bedeutet, sich mit sich selbst zu beschäftigen, und dafür hatte ich nicht die Kapazität. Irgendwann habe ich gecheckt: Das ist es nicht.
In deinem Song „AMG Kanake“ geht es jetzt darum, dass du Sex mit genau so einem Mann haben willst.
Ich arbeite oft thematisch. „Herr Officer“ behandelt einen Flirt mit einem Polizisten, „Traurige Hure“ Sex und Einsamkeit. Für „AMG Kanake“ wollte ich das Klischee von einem Typen aufschreiben, den ich bumsen will.
Darin rappst du unter anderem „Ja, er nennt mich sein AMG, weil ich viel schluck“ und „Dein Macker ist schwul und postet Outfitchecks / Ich will ein’n Mann und keine Frau, du Kek“. Wie passen für dich teils harte Texte, also der Kern von Straßenrap, mit sexpositiven und schwulen Inhalten zusammen?
Ich bin zuerst Kanake und danach schwul. Ich bin nicht deutsch aufgewachsen, habe zu Hause nur Kurdisch gesprochen. Das ist meine Prägung, und ich musste einen Weg finden, wie ich die mit meiner Sexualität kombinieren kann. Schwul zu sein und Kanake? Viele denken, das geht nicht. Ich habe durch Rap den besten Weg gefunden, beides sein zu können und nach außen zu tragen.
Der kurdischstämmige Rapper Baran Kok wuchs in Freiburg im Breisgau auf. Seit einigen Jahren lebt er in Berlin, wo er damit begonnen hat, eigene Musik zu machen. Baran Kok war Live-DJ für Domiziana. Im April 2026 spielt er als Solokünstler in mehreren deutschen Städten.
Foto: Laurent Noichl
Nach deiner Schulzeit und deiner Zeit im 3er-BMW bist du in die USA gegangen und hattest Raum, dich selbst zu finden. Selber zu rappen, lag damals noch in weiter Ferne.
Ich saß im Flieger in die USA, und mir war klar: Ich kann jetzt machen, was ich will, und so sein, wie ich will. Niemand wird es mitbekommen. Das war das Beste, was ich jemals gemacht hab. Ich war 18 und bin alleine feiern gegangen. Ich hatte dort dann schnell eine große Freundesgruppe. In Deutschland musste ich hart sein, um ein Bild aufrechtzuerhalten, in den USA war ich richtig schwul.
Was hast du dort für Musik gehört?
Ich habe viel Female Rap gehört. Nicki Minaj und so weiter. Viele aus meinem schwulen Freundeskreis haben aber die größten Hetero-Rapper gehört, da liefen Chief Keef und Tyga. In Deutschland hatte ich das Gefühl, ich bin nicht männlich genug, um Rap hören zu dürfen. In den USA habe ich gelernt: Wenn du Rap hören willst, dann hör ihn. Wenn du selber rappen willst, dann rappe. Egal, was andere sagen.
Du kombinierst Marken wie Thug Life mit Lederstiefeln. Auch das ist ein Bruch mit modischen Codes im Rap. Haben sich damals in den USA deine Outfits erstmals verändert?
Ich habe dort angefangen, mit Kleidung zu experimentieren, habe das erste Mal ein Crop Top getragen. Niemand hat mich komisch angeschaut. Ich musste keine Angst haben, dass ein Cousin mich sieht, wenn ich aus dem Gay-Club komme. Ich konnte machen, was ich will.
„Beim Splash standen Gays, Girls und Heteromänner wie selbstverständlich nebeneinander, und alle hatten Spaß. Am geilsten ist es, wenn jeder da ist.“
Als du nach einem Jahr zurück nach Deutschland gekommen bist, hast du das beibehalten?
Die meisten kannten nur das Bild von mir vor den USA. Ich habe zwar auch Bilder im Crop Top gepostet, aber trotzdem war die Erkenntnis: Du hast jetzt ein Jahr lang gelebt, wie du willst, und musst dich jetzt wieder verstecken. Um dem zu entgehen, bin ich aus Freiburg weggezogen. Einige Jahre später bin ich dann in Berlin gelandet, das war 2022. Erst dort habe ich dann überhaupt angefangen, eigene Musik zu machen.
Hattest du in all den Jahren das Gefühl, dass Deutschrap Homophobie verstärkt hat?
Viele Leute waren schon immer homophob und werden es wahrscheinlich auch bleiben. Das Problem wird sich nicht so schnell lösen. Ich glaube, junge Menschen beeinflussen solche Songs schon, weil sie so sein wollen wie ihr Idol. Aber die meisten sind schlau genug, sich eine eigene Meinung zu bilden.
Bei der Abiparty in Teltow haben alle deine Texte mitgerappt – und auch beim Splash. Es scheint sich schon etwas zu verändern, oder?
Das ist die neue Generation. Die ticken anders, durch Social Media. Homophob zu sein, ist einfach nicht mehr im Trend. Beim Splash standen Gays, Girls und Heteromänner wie selbstverständlich nebeneinander, und alle hatten Spaß. Als ich auf der Splash-Bühne stand, ist mir erst so richtig bewusst geworden, dass es einen Sinn hat, dass ich rappe. Solange alle Spaß haben, ist es mir egal, ob alle queer sind. Am geilsten ist es, wenn jeder da ist.
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Titelbild: Eddie Shafo