Shirin David

Sag mal, weinst du?

Die Netflix-Dokumentation „Barbara – Becoming Shirin David“ wird Fans wohl wenig Neues über Shirin David erzählen. Eines macht sie aber deutlich: Wie sehr die Rapperin von Selbstzweifeln geplagt ist

Von Ann-Kristin Schöne
Thema: Kultur
17. März 2026

Worum geht’s?

Um eine der erfolgreichsten Rap- und Popkünstlerinnen Deutschlands: Barbara Shirin Davidavičius. Die Doku begleitet Shirin David bei den Vorbereitungen auf ihre große „Schlau aber Blond“-Arenatour, die vergangenes Jahr stattfand. Und wie der Titel „Barbara – Becoming Shirin David“ schon verrät, handelt sie auch davon, wie aus der Tochter einer alleinerziehenden Mutter aus Litauen dieser Superstar werden konnte.

Worum geht’s eigentlich?

Darum, was die eigenen Ansprüche und der mediale Druck mit einem machen können. Ob es bei den Proben mit ihren Tänzerinnen ist, vor oder nach einem Auftritt: Shirin David scheint sich nie selbst zu genügen. Immer ist da etwas, was aus ihrer Sicht nicht perfekt ist: eine Bewegung, die sie falsch macht, ein Ton, den sie nicht trifft. Immer ist da ihre Angst „zu verkacken“, und die führt dazu, „dass sie den Spaß an der ganzen Sache verloren hat“, wie es ihr Manager in der Doku sagt.

Frau im Abendkleid hält goldene Trophäe und wird von mehreren Mikrofonen und Kameras umgeben

Ich darf das: Shirin David 2024 mit ihrem Bambi in der Kategorie „Musik National“

Wie wird es erzählt?

Konsequent aus der Perspektive von Shirin David. Da ist zum Beispiel die Szene, in der sie sich nach ihrem Auftritt beim Bambi hektisch pudert und versucht, ihre Tränen zu unterdrücken. Dass ihr Manager sagt: „Das Internet dreht durch. Die Leute lieben deinen Auftritt“, scheint nicht bei ihr anzukommen. Da ist einfach nur eine Mischung aus Panik und Verzweiflung. In solchen Momenten wirkt die Doku alles andere als fake.

Denn das ist ja die große Frage: Ist das überhaupt authentisch?

Manche werfen der Rapperin vor, dass die Doku nicht glaubwürdig sei. Alles nur Teil ihrer Erzählung, eine perfektionistische Künstlerin zu sein, die immer hart an sich arbeitet und über Belastungsgrenzen hinausgeht. Und natürlich stellt sich die Frage: Inwiefern können Dokus über Künstler*innen, bei denen die Stars selbst Einfluss auf die Produktion nehmen, wirklich kritisch sein? Zumal Shirin David in einem Livestream auf TikTok transparent gemacht hat, dass sie während der Dreharbeiten einmal das gesamte Produktionsteam ausgewechselt hat, weil sie mit der Arbeit unzufrieden gewesen sei. Aber sind solche Dokus nicht auch einfach dazu da, einen Einblick in das Leben eines Promis zu bekommen?

Und wer sich die Kommentarspalten im Netz anschaut, nimmt Shirin David auch sofort ab, dass all die Hasskommentare in den vergangenen Jahren sie fertiggemacht haben. Ihr selbst gemachter Druck, makellos zu sein, scheint sich dadurch nur noch verstärkt zu haben. „Ich habe sehr viel Aufmerksamkeit bekommen durch meine Optik, ich habe sehr viel davon profitiert. Für jedes Mal, dass ich dafür bezahlt habe auf irgendeinem OP-Tisch, habe ich davon profitiert. Ich bin ein Teil dieses ganzen Rades, nennt man Kapitalismus, ich verdiene daran Geld. Aber ich leide auch darunter.“ Man fragt sich, was sie darüber hinaus eigentlich noch sagen soll.

Einige beklagen, dass man in der Doku gar nichts über ihren Vater erfährt und was es für sie bedeutet, dass er die Familie früh verlassen hat. Warum? Sie hat einen ganzen Song darüber gemacht („Fliegst du mit?“), den alle hören können, die sich wirklich dafür interessieren. Und soll der Anspruch seit der Doku über Haftbefehl jetzt tatsächlich sein, dass es nur raw und wirklich echt ist, wenn wir dabei zusehen können, wie ein Mensch regelrecht zugrunde geht?

Mehrere Personen stylen das Haar einer Frau im Scheinwerferlicht

Bauch, Beine, Po, Gesicht: Optik gehört zu Shirin Davids Karriere dazu – und auch der Druck, makellos zu sein

Beste Szene

Es ist vielleicht nicht die beste Szene, aber sicherlich eine der bemerkenswertesten. Während Shirin David im Bademantel isst, kommt ihr Manager und sagt ihr, dass er unbedingt Videos von ihr braucht, um auf Social Media Promo für ihre Arena-Tour und das kommende Album zu machen. Aber David will nicht: „Ich muss erst mal eine Therapie machen.“ Daraufhin ihr Manager: „Absolut. Nur was machen wir jetzt mit der Tour, mit dem Album?“ Die psychische Gesundheit verkommt hier zur Randnotiz, wichtiger ist erst mal das Business.

Lohnt sich das?

Geht so. Diejenigen, die Shirin Davids Karriere schon länger verfolgen, werden kaum etwas Neues erfahren. Und alle anderen sollten lieber ihre Musik hören, denn da zeigt sich nicht nur, wie sehr sie als Künstlerin schon seit Jahren liefert. In ihren Songs hat sie auch all ihre Struggles längst erzählt. Zum Beispiel in „Depressionen im Paradies“: „Ich hoffe einfach nur, dass dieser Punkt kommt. Dass ich denke: ‚Okay, das ist gut genug.‘“ Das kann man nur mit ihr hoffen. Denn ohne sie wäre Deutschrap heute sehr viel langweiliger.

 

„Barbara – Becoming Shirin David“ ist auf Netflix zu sehen.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

Fotos: Netflix