Links: Füsse auf Pedalen eines Liegefahrrads mit NASA Sticker, rechts: Mädchen in Austronautenanzug

Cosmic Girl

Cosma Heckel, 18, will Astronautin werden. Ihr Weg führt über Leipzig und künstliche Mondlandschaften

Text: Jakob Milzner und Fotos: Marshl Ceron
Thema: Arbeit
18. Dezember 2025

Wenn Eltern das erste Mal mit Kind in den Urlaub fahren, wählen sie oft unkomplizierte Reiseziele. Holland, Ostsee, so die Richtung. Cosma Heckel ist drei Monate alt, da führt sie ihre erste Reise ins U.S. Space & Rocket Center der NASA in Huntsville, Alabama.

Mittlerweile ist Cosma 18. Sie trägt einen zum Raumanzug aufgemotzten Maleroverall und mustert eine Festplatte, die sie in der Werkstatt ihres Bruders Jesco gefunden hat. „Ich weiß noch, als wir die auseinandergebaut haben. Da war ich elf, so alt wie Jesco heute.“

Schon damals wollte Cosma Astronautin werden. Und sitzt man mit Familie Heckel am Frühstückstisch im Osten Leipzigs, fragt man auch gar nicht groß, warum. Kleine Spaceshuttles baumeln von der Decke, zwischen Kaffeespender und Eierkorb parken Mondrover-Modelle, eine ganze Wand ist mit Urkunden der NASA tapeziert. Das Zentrum, um das sich dieses Kleinstuniversum dreht, sitzt Cosma gegenüber: Ralf Heckel, 56, gelernter Mechaniker, Weltraum-Guru, Cosmas Vater.

Wenn sie erzählt, sie sei in ihren Traum vom Weltraum „hineingeboren“, ist das also eher tiefgestapelt. Nun ist Astronautin werden nicht gerade einfach. Aber Cosma hat schon einen Plan ausgetüftelt.

Portrait von Cosma
Ein grosser Saturnsticker über Schränken

Derzeit macht sie eine duale Berufsausbildung mit Abitur: Sie geht zur Schule und arbeitet in einem Betrieb, der Kunststoffteile für Medizin und Elektrotechnik spritzgießt.

Danach will sie studieren, Geologie oder Biologie. Denn:
Astronautinnen sind in erster Linie Wissenschaftlerinnen“, sagt Cosma. 
„Die ersten drei Menschen auf dem Mars stehen eigentlich schon fest“, sagt Ralf. 
„Ein Pilot, ein Geologe, ein Biologe.“ 
„Das sind die wichtigsten Disziplinen, wenn man neue Planeten besiedeln will“, sagt Cosma. 
„Du musst daneben aber auch Anforderungen erfüllen, wie sie an Piloten von Kampfjets gestellt werden“, sagt Ralf.

Denn Astronautinnen und Astronauten sind mehr als nur Forscherinnen und Forscher, die Raumschiffe navigieren. In der Schwerelosigkeit bilden sich Muskeln zurück, man ist eingesperrt mit wenigen anderen Menschen: Einsätze im All sind Extremsituationen über Wochen und Monate. Ein großer Teil der Ausbildung widmet sich daher der körperlichen Fitness, der mentalen Belastbarkeit und der Zusammenarbeit in internationalen Teams.

Wer ist Astronautin?

Der erste Deutsche im All war ein „Kosmonaut“ (Sigmund Jähn aus der DDR), China nennt seine Raumfahrenden „Taikonauten“. „Astronaut“ wurde lange für Mitglieder staatlicher Weltraummissionen genutzt. Es ist aber kein geschützter Beruf, und weil immer mehr touristische Weltraumtrips starten, gilt heute als Astronautin oder Astronaut, wer im All war. Wobei es in der Branche dann doch Hierarchien gibt. Etwa ob man eine echte Astronautinnenausbildung durchlaufen hat und auf einer Erdumlaufbahn war – oder den Weltraum auf gut 100 Kilometern Höhe nur kurz angetitscht hat wie Katy Perry.

Ins All gibt es derzeit zwei Wege. Entweder: das Bewerbungsverfahren bei einer staatlichen Weltraumorganisation. Für Cosma käme theoretisch die ESA infrage, weil sie Staatsbürgerin eines ESA-Mitgliedslandes ist. Oder: mit einem kommerziellen privaten Anbieter wie SpaceX oder Blue Origin fliegen und (in der Regel) viel Geld bezahlen. Die privaten Raumfahrtunternehmen haben die Chancen aufs All gesteigert. Der Großteil heutiger Astronautinnen kommt aber nach wie vor von staatlichen Agenturen.

Model einer Rakete im Garten in einer Häusersiedlung

Bei der ESA bewarben sich auf das letzte Programm für das Jahr 2022 mehr als 22.500 Menschen. Fünf wurden als Berufsastronautinnen und Berufsastronauten und zwölf als Reservemitglieder ausgewählt. Es war das erste Mal seit 13 Jahren, dass die ESA neue Astronautinnen und Astronauten ausgewählt hat.

In der staatlichen Raumfahrt führe der Weg nicht nur über die Wissenschaft ins All, erzählt Cosma. Sondern auch über eine Ausbildung beim Militär. Diesen Weg hält sie sich offen, aber ganz geheuer ist er ihr nicht. „Das Militär zieht dich im Ernstfall natürlich ein.“

Leicht war der Weg ins All nie. Cosmas Vater Ralf wollte Kybernetik studieren, um selbst eines Tages hochzufliegen. In der DDR sei das aber meist Mitgliedern der Sozialistischen Einheitspartei (SED) vorbehalten gewesen, sagt er. Also wurde er Industriemechaniker.

Um in die Raumfahrtszene zu kommen, so erzählt es Ralf am Frühstückstisch, schlich er sich ab Anfang der Nullerjahre auf Konferenzen ein. Er gründete den Verein „Helft MIR“, um die russische Raumstation MIR vor dem kontrollierten Absturz zu bewahren. Die ausgediente Raumstation konnte er so zwar nicht retten. Aber sein Engagement habe in Russland „mächtig Sympathien erzeugt“.

Werkzeuge und technische Teile liegen auf einem Tisch
Ein lächelnder Mann an einem Tisch

Man lud ihn ein, mit deutschen Schülerinnen und Schülern das Staatliche Luftfahrtinstitut in Moskau zu besuchen, erzählt Ralf. Er kam wieder und wieder, um mit Gruppen russische Weltraumeinrichtungen zu besuchen. Bis ein deutscher Ingenieur der NASA Wind davon bekam und ihn ebenfalls einlud.

Glaubt man Ralf, kam es in der Folge zu einer Art Wettstreit, wer den Jugendlichen die spektakuläreren Einblicke ermöglichte. Bei den Jugendlichen selbst sei aber wenig hängen geblieben. Also habe er etwas Neues gesucht, um sie für den Weltraum zu begeistern. Wettkämpfe. Ralf fand: das Great Moonbuggy Race der NASA.

Damit zurück an den Leipziger Frühstückstisch. Zur Wand voller NASA-Urkunden, die das Leipziger International Space Education Institute (ISEI) gewonnen hat. So heißt Ralf Heckels Förderzentrum. Er geht an Schulen, baut mit Jugendlichen Moonrover- und Raketenmodelle, auch wenn es mittlerweile schwieriger sei, in deutsche Schulen zu kommen als in die Räumlichkeiten der NASA, wie er sagt. Daneben vernetzt das ISEI Jugendliche mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern, die Raumfahrtingenieure geworden sind oder für Astronautinnenprogramme trainieren. Kurz: Mit dem ISEI will Ralf aus jungen Leuten, die sich fürs All interessieren, junge Leute machen, die es beruflich in die Raumfahrt zieht. Besonders beliebt ist bei allen das Moonbuggy-Rennen der NASA. 2007 sei man erstmals mit eigenen Mondrovern angetreten, erzählt Ralf. Und direkt bester Newcomer geworden. Da war Cosma drei Monate alt. 

Das Rennen: ein knapp einen Kilometer langer Parcours durchs U.S. Space & Rocket Center, vorbei an ausgestellten Raketen und durch einen künstlichen Krater, in dem ein Mondlander steht. „Man hat schon wirklich Mond-Feeling“, sagt Cosma. Und wie ähnlich sind die selbst gebauten den echten Mondrovern? Die Konstruktion sei sehr nah dran, sagt Ralf. Die Materialien eher nicht. 

Gerahmte Fotos hängen an einer weissen Wand

Zeitweise holten die Teams des ISEI bei den NASA-Rennen reihenweise Podestplätze. Dieses Jahr fuhr Cosma zum zweiten Mal als Pilotin mit. Es könnte das letzte Rennen gewesen sein: Die Trump-Administration mache es internationalen Teams zunehmend schwer, mitzufahren, erzählt Ralf. Er plane daher nun ein eigenes Rennen. 

Cosma hat derweil gerade eine Facharbeit für die Schule beendet. In der beschreibt sie die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf den weiblichen Körper. Sie hat eine Gynäkologin und eine ehemalige Schülerin des ISEI interviewt, die ihren ersten Flug ins All vorbereitet. Wie verhält sich der Hormonzyklus dort oben? Was, wenn die Menstruation einsetzt? „Solche Themen kommen noch zu kurz“, sagt Cosma. Die Riege der Raumfahrenden ist bis heute mehrheitlich männlich. Aber Cosma sieht einen Wandel. Zum Beispiel die aktuelle Astronautenklasse der NASA, der vier Männer und sechs Frauen angehören.

Am Frühstückstisch wird die Zeit knapp. Die Heckels wollen später nach Neubrandenburg fahren, wo die 40. Raumfahrttage stattfinden. Schnell noch eine Führung: durchs Space Hotel, in dem die Jugendlichen unterkommen, die an den Feriencamps des ISEI teilnehmen, und das sonst zur Finanzierung des ISEI beiträgt. In den Hinterhof, in dem ein Raketenmodell steht, das Ralf und seine Schülerinnen aus dem alten Treibstofftank eines Kampfjets gebaut haben. Bis in die Garage. Hier parken mehrere Mondrover. Sie erinnern an vierrädrige Liegefahrräder, die jemand aus einem überdimensionierten Metallbaukasten konstruiert hat. „In der Nähe gibt es einen Testkurs“, bemerkt Cosma. Das weckt natürlich Neugier. 

Der Testkurs erweist sich als öffentlicher Skatepark. Nacheinander schwingen sich Cosma und ihr Bruder Jesco in die Roversitze, Cosma vorn, die Hände an zwei Hebeln, mit denen sie lenkt. Als die Bahn frei ist, treten beide in die Pedale und rasen auf einen der Asphalthügel zu. „56 Gänge“, murmelt Ralf am Rand. Bis auf 80 Stundenkilometer hätten sie es schon gebracht. Heute bleibt es bei gemütlichen Runden, die trotzdem zeigen, was der Rover kann. Wie die bewegliche Vorderachse Unebenheiten ausgleicht, wenn Cosma und Jesco einen Hügel überfahren, ungläubig beobachtet von ein paar Kindern, die sich erkundigen, ob sie auch mal fahren dürfen. Ein anderes Mal vielleicht. 

Zurück auf dem Hof des Space Hotels, dessen saubere Fassade mit dem NASA-Logo surreal wirkt neben dem verwitterten Putz des Nachbarhauses. Bevor es losgeht, erzählt Cosma noch von der Cosmic Girls Competition, einer Initiative, die Frauen in der Raumfahrt fördern will. Gesucht werden sechs junge Frauen von sechs Kontinenten. Cosma hat sich beworben. Sie will ein Astronautinnentraining gewinnen, zu dem auch ein Parabelflug gehört. Bei dem erzeugt ein Flugzeug für einige Sekunden annähernde Schwerelosigkeit – beinahe wie im Weltraum.

Cosma weiß, wie viele Menschen vom All träumen. Wie viele es versuchen. Und wie wenige es schaffen. Ob sie trotzdem daran glaubt? „Man muss sich hohe Ziele stecken“, sagt sie. „Dann hast du selbst dann etwas geschafft, wenn du scheiterst.“

Cover Fluter Weltraum – ein Sternenhimmel, darauf in dunkelgrauer Schrift die Worte "fluter" und "Weltraum"
Dieser Artikel ist aus dem fluter „Weltraum“.
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