Wenn jeder weiß, was richtig und falsch ist
Ihre gegensätzlichen Ansichten zum Nahostkonflikt werden für zwei Verliebte zum Beziehungssprengstoff: Die Autorin Nora Haddada hat mit „Blaue Romanze“ einen leichten Roman über ein schweres Thema geschrieben
Worum geht’s?
Die urbanen Mittzwanziger Julian und Myriam – er aus Berlin, sie aus Paris – verlieben sich während einer Karaoke-Nacht in Marseille. Leider verlieren sie sich prompt auch wieder aus den Augen. Dass sich ihre Wege später in Berlin wieder kreuzen: Schicksal! Doch dann kommt der 7. Oktober 2023, an dem die terroristische Hamas Israel angreift. Vieles verbindet Julian und Myriam – sie sind kosmopolitisch, gebildet, weltoffen. Die Debatten um den Nahostkonflikt trennen sie jedoch und machen schmerzlich sichtbar, dass auch ihre Bubbles politisch entgegengesetzt ticken.
Worum geht’s eigentlich?
Nora Haddada untersucht in „Blaue Romanze“, was passiert, wenn globale Konflikte das Private sprengen. Es geht um Begehren, die Brutalität der Israel-Palästina-Gegenwart – die die Autorin akkurat nachzeichnet, was dementsprechend schwer auszuhalten ist – und um politische Positionen, die unverrückbar scheinen. Myriam ist eine deutsch-französische Promotionsstudentin mit algerischen Wurzeln, geprägt von der Lektüre politischer Theorie an hochkarätigen Unis. Julian ist ein aufstrebender Journalist, dessen linke Jugendzentrumserfahrungen – proisraelisch und antifaschistisch grundiert – sein Weltbild prägen. Myriam interpretiert Julians proisraelische Haltung als koloniale Blindheit, er ihre Israelkritik als Antisemitismus. Diese Differenzen stellen ihre Gefühle auf die Probe und werden zum Hindernis dieser Liebesgeschichte.
Wie wird es erzählt?
Nora Haddada, Jahrgang 1998, erzählt eine unterhaltsame Geschichte über die Liebe, obwohl das vordergründige politische Thema natürlich schwer wiegt. Damit gelingt ihr etwas Herausforderndes, nahezu Paradoxes. Die Sprache des Romans ist alltagsnah, authentisch, politisiert – aber auch witzig. Wir folgen einer Gen Z, die sich zwar in Politdiskursen aneinander reibt, aber auch leichtfüßige Alltagsdialoge bedienen kann, die vor Film- und Popreferenzen (von „Casablanca“ bis „High School Musical“) nur so strotzen. Es werden philosophische und politikwissenschaftliche Werke gewälzt, gestritten wird mit Theorien von Theodor W. Adorno bis Edward Said. Der Berliner Alltag spielt zwischen der Staatsbibliothek am Potsdamer Platz, dem Berghain und Neuköllner Kiezkneipen. Die Figuren sind smart, selbstreflexiv, therapieerfahren (der eine zuweilen depressiv) – beide bezeichnen sich als links. Doch was heißt „links sein“ in diesen Zeiten überhaupt noch? Politisches Schubladendenken wird zerlegt und mit ihm das intellektuelle akademische Milieu: „Fast ausnahmslos jeder, den sie in Berlin getroffen hatte, schien genau zu wissen, was richtig und was falsch war“, stellt Myriam pointiert an einer Stelle fest. Haddada ergreift keine Partei für eine der Figuren, sondern zeichnet stattdessen ihre unterschiedlichen politischen Sozialisierungen feinfühlig nach. Welche Haltung die richtige ist? Das dürfen die Leser*innen selbst entscheiden.
Das Genre:
Könnte man wohl als politische Amour fou, Berlin Edition, bezeichnen. Nach Haddadas Romandebüt „Nichts in den Pflanzen“ aus dem Jahr 2023 kommt mit „Blaue Romanze“ nun ein Roman, der als politisierte Version von Sally Rooneys „Normale Menschen“ gelesen werden kann. Nur dass hier nicht Klassenschranken, sondern Haltungen zum Nahostkonflikt die Liebenden trennen.
Beste Szene:
Als Myriam wegen der Differenzen mit Julian Rat bei ihrer Familie sucht, ergreift ihre Mutter Partei für die Liebe. Sie sagt, „dass ja genau das eine Demokratie sei – man könne nicht erwarten, dass alle die gleiche Meinung hätten, und sowieso stünde die Liebe (die Liebe!) über weltlichen Kinkerlitzchen wie Politik“. Obgleich diese Kinkerlitzchen zum massiven Störsignal werden, wirkt die Liebe in diesem Roman als potenzielles Verständigungsmedium. Sie zwingt Julian und Myriam dazu, ihre Positionen kritisch zu hinterfragen und Gewissheiten abzutasten – anstatt ihre Überzeugungen ausschließlich in den Echokammern personalisierter Instagram-Feeds zu spiegeln oder in Freundeskreisen mit Einheitsmeinungen.
Lohnt sich das?
Auf jeden Fall. Schließlich möchte man unbedingt am Ende wissen, wie es für die Liebenden ausgeht. Das Buch ist ein Pageturner, der die politischen Debatten der vergangenen zwei Jahre verarbeitet. Mit „Blaue Romanze“ liegt endlich ein Roman vor, der zeigt, warum Reden (oder Schweigen) über Gaza heute härter sein kann als Schlussmachen.
„Blaue Romanze“ erscheint am 10. September im Fischer Verlag.
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Titelbild: Lucy Deverall / Philotheus Nisch - Connected Archives