Reclaim your dialect
Chemnitz ist dieses Jahr europäische Kulturhauptstadt und die Band „Blond“ ihr aktuell wohl angesagtester Export. Höchste Zeit, die drei in ihrer Heimat zu treffen
Chemnitz wirkt an diesem Vormittag etwas zu still und zu leer für eine Großstadt. Die Band Blond, also die Schwestern Lotta und Nina Kummer sowie Johann Bonitz, sitzen auf den Treppenstufen, die zum verwaisten Theaterplatz im Stadtzentrum führen. Sie beobachten, wie eine Frau ihr Smartphone zückt und den Platz fotografiert. „Guck mal, eine Touristin!“, sagt Nina Kummer. Sie klingt unironisch vergnügt, ein bisschen überrascht sogar. Ihren sächsischen Dialekt hört man ihr an.
Mit Tourist:innen in Chemnitz ist das so eine Sache. Lange seien sie nicht sichtbar gewesen, erzählen die drei. Und jetzt, da Chemnitz Kulturhauptstadt Europas ist, da seien Freund:innen sogar auf Englisch nach dem Weg gefragt worden. „Auf Englisch“, wiederholt Nina Kummer und zieht das Wort betont in die Länge.
Die drei müssen es wissen. Sie sind hier, in der drittgrößten Stadt Sachsens, aufgewachsen, kennen jede Ecke und nicht nur das. Sie sind mit ihrer Indieband Blond Teil einer progressiven Szene, die sich an Orten wie dem Club Atomino oder dem Hausprojekt Subbotnik tummelt und damit auch ein Gegenbild zu Klischees des rechten, abgehängten Sachsen bildet. Bands wie Kraftklub, in der die zwei Brüder von Nina und Lotta Kummer spielen, gehören auch dazu. Mit Bassist und Keyboarder Johann Bonitz kletterten die Schwestern schon als Kinder auf Kirschbäume und hörten böse Berliner Rapmusik. Chemnitz, das kann man so sagen, ist manchmal ein Dorf.
Blond sind eine dezidiert feministische Band. Dabei machen die drei keinen theoriegetränkten Diskursrock, sondern Musik aus dem Bauch heraus, die lustig ist und einen immer auch umarmt
Neben der Band betreiben Nina und Lotta Kummer den erfolgreichen Podcast „Da muss man dabei gewesen sein“, in dem sie unverstelltes Sächsisch sprechen. Eigentlich hatte der Dialekt jahrelang einen schlechten Stand. „Wir sind groß geworden mit so was wie ‚Maschendrahtzaun‘ von Stefan Raab – damals war klar, dass Sächsisch peinlich ist“, sagt Nina Kummer. „Früher haben wir uns darüber gefreut, wenn Leute gesagt haben: Man hört euch das Sächsisch gar nicht an“, ergänzt Lotta Kummer. „Heute ist das anders. Ich mag Dialekte, ich will mir unseren nicht nehmen lassen.“ Man sei, auch da sind sich die drei einig, mittlerweile selbstsicherer mit der eigenen ostdeutschen Identität.
Hört man sich die Songs ihrer drei bisher erschienenen Alben an – zuletzt „Ich träum’ doch nur von Liebe“ in diesem Jahr –, dann fällt auf, dass es hier aber noch um viel mehr als die Auseinandersetzung mit ihrer Region geht. Um Spaß, klar. Aber Blond sind auch eine dezidiert feministische Band. Dabei machen die drei keinen theoriegetränkten Diskursrock, sondern Musik aus dem Bauch heraus, die lustig ist und einen immer auch umarmt. Im besten Sinne kaputt scheppernde Gitarren werden abgelöst von Eurodance-Beats. Indierock als Community-Building oder so ähnlich. Ihre Fans nennt die Band „Blondinators“.
Feminismus, das klingt bei Blond so: „Nur bitte nicht zu mühsam, lieber leise und bequem, es darf keinen überfordern, aber gerne geil aussehen“. Zeilen aus dem Song „Girl Boss“, der sich mit einer Art von konsumgetriebenem Pseudo-Feminismus beschäftigt, mit dem Nina und Lotta wenig anfangen können. Die Zeilen sind natürlich eine ironische Brechung und beziehen sich auch auf Marken und Unternehmen, die Feminismus oder Rechte für queere Personen nur so lange unterstützen, wie es die Verkäufe anregt. „Es war mal kurz cool, aber dann hört man wieder damit auf, weil es nicht mehr im Trend ist“, beschreibt Lotta Kummer die Entwicklung.
„Komm, fick das Patriarchat“ zu den Klängen eines Philharmonieorchesters: Lotta Kummer, Nina Kummer und Johann Bonitz aka Blond beim Kosmos-Festival in Chemnitz im Juni
Foto: Hendrik Schmidt / picture alliance/dpa
Veranstaltungen zum Christopher Street Day in Deutschland bekommen weniger Gelder und werden vor allem in Sachsen gleichzeitig von rechten Gruppen bedroht, Regenbogenflaggen verschwinden und Blond, so erzählen sie, stellen sich die Frage: Wo stehen wir und machen wir genug, um unsere Werte zu verteidigen? Wenn man Blond auf ihren Einfluss in der Region anspricht, auf ein Konzert zum „Queerfeministischen Kampftag“ in Zwickau im Frühjahr zum Beispiel, dann winken die drei ab. „Wir als Band können vielleicht Inhalte vermitteln, aber unsere Musik verändert keine realen Ungerechtigkeiten“, sagt Nina Kummer. Wichtig sei, sich in diesen Zeiten zu vernetzen, findet ihre Schwester. Und Vernetzungsarbeit ist neben der Musik das große Talent von Blond. Zum Beispiel vor einigen Wochen, genau hier, auf dem Theaterplatz.
Blickt man auf die große Bühne, die hier immer noch steht, bekommt man eine Idee davon, wie es sein muss, wenn tausende Blondinators „Komm, fick das Patriarchat“ singen – und sie dazu auch noch von der renommierten Chemnitzer Robert-Schumann-Philharmonie begleitet werden. Das Konzert fand im Juni im Zuge des Festivals Kosmos Chemnitz statt, noch so eine Veranstaltung, die versucht, eine gewisse Weltoffenheit und natürlich auch Spaß zu vermitteln.
Als die drei Blondmitglieder über die Professionalität der Philharmoniker:innen sprechen, klingen sie richtig aufgeregt. Genauso besonders sei es wiederum für die Klassikkolleg:innen gewesen, dass der Applaus einfach nicht abebbte, dass die Blondinators schrien und schrien. Lotta und Nina Kummer versuchen die Geräuschkulisse mit ihren Stimmen nachzuahmen und lachen.
Ein paar zusätzliche Touristen haben sich mittlerweile auf den Theaterplatz getraut und blicken ziellos umher. Dass etwas bleibt von dem Kulturhauptstadt-Vibe, darauf hoffen die drei von Blond. Es belebe die Stadt, es motiviere die Bewohner:innen dazu rauszugehen, es passiere etwas Neues. Beim Kosmos Festival habe es zum Beispiel eine Wrestling-Veranstaltung gegeben, erzählt Lotta Kummer und zieht das Wort schon wieder so in die Länge, als sei sie immer noch erstaunt darüber. Dann stehen drei der aktuell wohl angesagtesten Chemnitzer:innnen auf, verabschieden sich und gehen zur Straßenbahn.
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Titelbild: Mia Morgan