Visualisierung von Satelliten im Erdorbit mit einem zentralen hellen Objekt und umlaufenden Punkten in kreisförmiger Anordnung auf mehreren Bildschirmen

Ground Control aka Major Sebastian

Raketen, die überall hinkommen, und Satelliten, die alles sehen: Das All hat sich längst zum militärischen Konfliktfeld entwickelt. Deutschland soll daher auch fit sein, um sich im Weltraum zu verteidigen. Zu Besuch beim Weltraumkommando der Bundeswehr

Von Daniel Batel
2. Februar 2026

Es ist kurz nach 17 Uhr an diesem Nachmittag in Uedem im Kreis Kleve, als die Dämmerung einsetzt. Der aufgehende Mond ist etwa 384.400 Kilometer entfernt, man kann ihn gut sehen heute. Doch unweit davon fliegen – weniger gut sichtbar – im Erdorbit rasend schnell Abermillionen winzige Trümmerteilchen und Tausende Satelliten ihre Bahnen. Manche dieser Flugkörper könnten direkt oder indirekt bei uns Schaden anrichten, weshalb die Bundeswehr den Weltraum in Erdnähe systematisch scannt. Dafür wurde 2021 hier in Uedem, nahe der holländischen Grenze, das Weltraumkommando eingerichtet. Vom Weltraumlagezentrum aus beobachten Soldaten, was sich im Kosmos abspielt.

Hauptmann Sebastian, 27, Brille, Flecktarn, ist einer von ihnen. Seine Mission als Weltraumlageoffizier: Freundliche Satelliten schützen und mögliche Gefahren schnell entschärfen. Was Sebastian nicht weiß: Noch während seiner heutigen Schicht wird eine Rakete einen Satelliten abschießen – allerdings nur im Rahmen einer Übung unter der Leitung des US Space Command. Bei dem Manöver trägt sein Partner die Hauptverantwortung.

Derzeit umkreisen schätzungsweise mehr als 14.000 Satelliten die Erde, ganz genau lässt es sich nicht beziffern. Bis 2040 werden es noch viel mehr – laut den krassesten Prognosen bis zu 500.000. Die Kollisionsgefahr würde dadurch weiter steigen. Wegen der extremen Bedingungen im Orbit haben fliegende Objekte von einem Zentimeter bereits die Einschlagsenergie einer Handgranate. Theoretisch gibt es zwar klare Regeln, doch in der Praxis kann ein Staat nur bei erwiesener Fahrlässigkeit haftbar gemacht werden. Der internationale Weltraumvertrag von 1967 gilt noch immer als maßgebliche Grundlage des Weltraumrechts.

Starlink mischt den Orbit auf

Seit Jahren bestimmen Privatfirmen das kosmische Treiben immer stärker, vorrangig Elon Musks SpaceX oder BlueOrigin von Jeff Bezos. NASA und ESA kooperieren vielfach bereits mit ihnen. Gerade die Starlink-Satelliten von SpaceX, die in vielen Ländern kabelloses Satelliteninternet ermöglichen sollen, sind im All präsent. Etwa 10.000 sind es schon heute, und es kommen laufend neue Einheiten hinzu. Die Bundeswehr sieht darin keine Bedrohung. Doch Starlink zeigt, dass es sich lohnt, bei weltraumgestützter Kommunikation und Navigation möglichst unabhängig zu bleiben.

Gemäß der neuen Weltraumsicherheitsstrategie der Bundesregierung soll die Bundeswehr künftig mehr eigene Satelliten betreiben, um unabhängiger zu werden. Warum, konnte man nicht zuletzt im Ukrainekrieg beobachten. Zu Beginn des Kriegs wurde ein großes europäisches Satellitennetzwerk lahmgelegt. Seitdem spielen Starlink und US-Satelliten eine große Rolle für das ukrainische Militär. Doch sobald es dort zu Störungen kommt – oder aus politischen Gründen die Unterstützung eingeschränkt wird –, spürt die Ukraine das ganz unmittelbar an der Front. Satelliten sind wichtige Kriegsfaktoren geworden. Das weiß auch die Bundeswehr. Verteidigungsminister Boris Pistorius drückt es so aus: „Russland und China haben in den letzten Jahren ihre Fähigkeiten zur Kriegsführung im Weltraum rasant ausgebaut. Sie können Satelliten stören, blenden, manipulieren oder kinetisch zerstören.“

Noch sind viele dieser Bedrohungsszenarien abstrakt. In falscher Sicherheit sollte sich Deutschland aber nicht wiegen, wie Sebastian an einem Beispiel verdeutlicht: „Für sämtliche Technologie im Weltall gilt das Dual-Use-Prinzip.“ Das heißt: „Es gibt Satelliten, die entwickelt wurden, um defekte oder veraltete Flugkörper zu fangen und aus dem Verkehr zu ziehen. Aber was, wenn das plötzlich militärisch eingesetzt wird?“ Ergo: „Alles kann eine Bedrohung sein.“

Multitasking und Coden sollte man beherrschen

Ein paar Stunden vor dem Raketentreffer ist die Lage in Sebastians Büro noch ruhig. Scheinbar gleichzeitig überblickt er alle drei Monitore, auf denen die Grafik einer Erdumlaufbahn und sechs Chatfenster geöffnet sind. „Wer hier nicht multitaskingfähig ist …“, setzt er an, ohne den Satz zu beenden. Ein roter Punkt leuchtet auf. „Rot steht für einen potenziell feindlich gesinnten Satelliten. Blau für alliiert“, erklärt er prompt und tippt ein paar Codes in die Tastatur.

„Zu meinem Job gehört es auch, zu programmieren.“ Man bastle derzeit an einer eigenen KI-Software aus sicheren Datenquellen. „Aber nur das menschliche Auge“, betont der 27-Jährige, „erkennt wichtige Details und Zusammenhänge. Das wird auch künftig unverzichtbar bleiben.“ Das Coden hat sich der studierte Luft- und Raumfahrtingenieur selbst beigebracht. „Das war nicht das Problem. Wir sind hier alle ein Haufen Nerds.“ Den roten Punkt lässt er nicht aus den Augen. Doch erst mal passiert lange nichts.

Raum mit mehreren Arbeitsplätzen und Monitoren, auf denen Weltkugel, Sonne und Weltraum dargestellt sind, eine Person in Uniform mit Headset steht am rechten Rand, er arbeitet für das deutsche Weltraumkommando

Die Erde im Blick, das Drumrum aber auch: Hauptmann Sebastian im Weltraumlagezentrum

Foto: Bundeswehr/Jennifer Heyn

Die Übung bestehe aus einem realistischen Szenario. Die Öffentlichkeit soll aber lieber nichts Konkretes wissen, denn wenn man weiß, was die Bundeswehr so trainiert, könnte das auch gegen sie verwendet werden. Nur so viel: Erst kommt es zu militärischen Aktionen in der Erdumlaufbahn, um den Konflikt dann am Boden weiterzuführen. Am Bildschirm lassen sich Anomalien relativ schnell erfassen, sagt Sebastian. Vorausgesetzt, man schaut gerade nicht woandershin. Genau das passiert kurze Zeit später, als sein Nebenmann Marcel ihm zuruft: „Guck dir das mal genauer an.“

Eine versteckte Aktivität im erdferneren GEO-Orbit ist den beiden Lageoffizieren entgangen. Ein blaues Objekt hatte aufgehört zu blinken. Eine feindliche Rakete hat den Satelliten eliminiert. Marcel entfährt ein leises: „I fucked up, guys.“ Vielleicht war der Abschuss aber auch ein planmäßiger Teil der Übung. „Das erfahren wir hinterher, wenn alles noch einmal mit den Partnern analysiert wird“, erklärt Marcel, wieder mit ruhigerem Puls. „Mich beunruhigt der Vorfall nicht übermäßig“, sagt er und meint: „Weil wir dadurch etwas gelernt haben und wissen, worauf wir beim nächsten Mal achten müssen.“

Die Anforderungen an das Weltraumkommando steigen. Bis 2030 soll die Einheit um Hunderte Soldaten verstärkt werden. Der Sprecher des Weltraumkommandos deutet aus dem Fenster: „Hier wird angebaut“, sagt er. Noch in diesem Jahr.

Kein Wunder, es passiert auch wieder mehr im Weltraum. Die NASA möchte in den kommenden Jahren wieder Menschen zum Mond schicken, China will sogar eine Mondforschungsstation an dessen Südpol errichten. Zudem entstehen neue kommerzielle und wissenschaftliche Satellitenmissionen im Umfeld des Mondes. Damit erweitert sich auch das potenzielle Einsatzgebiet der Bundeswehr. Nicht selten bekommt Sebastian deshalb in seinem Umfeld Nachfragen oder Zweifel zu hören. Was in Orions Namen will die Bundeswehr da oben? Aber Sebastian lässt das kalt. Denn er weiß, wie abhängig die moderne Menschheit von weltraumgestützter Technologie ist, die er beschützen will.

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Titelbild: Dominik Asbach/laif