War was?
Eng umschlungen mit der Freundin, vor dem Laptop im Bett, bei der heimlichen WG-Party oder allein am Meer: Valentin Goppel fotografierte Bekannte und Friends in der Corona-Pandemie. Seine Fotos zeigen den Schwebezustand, in dem viele junge Menschen über Jahre hingen
Emma
Corona hat unsere Pubertät gecrasht. Mit 14, 15, 16 steckst du eh in der Krise, weil du dich entwickelst. Wir saßen dabei ständig zu Hause, und mussten in der Schule trotzdem abliefern.
Das ist mir besonders schwergefallen, ich wusste gar nicht, wie man richtig lernt. Ich war mehrmals in Therapie. In meiner Klasse ging es vielen so, aber ich habe mir als Einzige Hilfe geholt, glaube ich. In meiner Stufe haben fünf oder sechs Leute während der Pandemie hingeschmissen. Auch ich habe mein Abi nicht gemacht.
In der Pandemie hatte ich das Gefühl, nichts zu tun, was man normalerweise tut als 17-Jährige. Mit Finn hat sich das geändert. Wir haben uns über eine App kennengelernt, dann wochenlang telefoniert. Am Valentinstag haben wir uns zum ersten Mal getroffen. Meine Eltern dachten anfangs, ich wäre zu einer Freundin. Wir waren spazieren, im Schnee. Kurz darauf waren wir zusammen.
Als wir beide 18 wurden, hat der Führerschein vieles leichter gemacht. Wir saßen einfach in Finns Auto, im Warmen, haben uns stundenlang unterhalten. Bis er gesagt hat: „Ich fahre dich nach Hause, und auf dem Weg holen wir uns ein Eis bei McDonald’s.“ Diese Nachmittage haben mir viel Sicherheit gegeben, die waren endlich wieder eine Normalität.
Im Sommer 2022 bin ich dann noch mit auf Abschlussfahrt. Am Tag der Rückfahrt habe ich mein Fachabitur in die Hand gedrückt bekommen, hinter dem Bus. Es hat geregnet an dem Tag, meine Mutter hat mit mir geweint.
Valentin
Als die Nachrichten vom ersten Lockdown sprachen, war ich bei meinen Eltern zu Besuch. Und sehr erfreut über die verlängerten Ferien. Ich legte ihnen einen Zettel auf den Küchentisch: „Unis sind zu. Vielleicht bleibe ich noch ein paar Tage.“ Lange hielt die Freude nicht: Die ersten Monate haben mir ziemlich die Füße weggezogen.
In der Silvesternacht 2020 habe ich die erste Szene für dieses Projekt fotografiert: Ein Freund hatte seine Eltern lange bearbeitet, um Silvester mit zwei Jungs aus seiner Klasse feiern zu dürfen. Sie zündeten Knallfrösche vom vergangenen Jahr und gingen noch nachts in Quarantäne.
Von da an suchte ich solche Szenen. Bei Freunden und Freundinnen, Bekannten und Bekannten von Bekannten. Zwischen Beobachtung und Inszenierung versuchte ich, die diffusen Gefühle zu verarbeiten, die es mit sich brachte, in dieser Zeit aufzuwachsen. Die Nachricht, die ich meinen Eltern zu Pandemiebeginn schrieb, hängt heute gerahmt in meinem WG-Zimmer.
Für die meisten war Corona eine Scheißerfahrung. Aber die Pandemie hat auch klarer gemacht, womit Jugendliche so zu kämpfen haben. Vor der Pandemie zeigte jeder zehnte deutsche Teenager Symptome einer Depression, am Ende des ersten Lockdowns war es einer von vier. Ich glaube, wie viel junge Menschen in der Pandemie geopfert haben, wird bis heute nicht erkannt.
Jule
Im September 2020 bin ich fürs Studium nach Hannover gezogen. Die Orientierungswoche durfte noch in Präsenz stattfinden, aber allen war klar, dass wir über den Winter in den nächsten Lockdown gehen. Ich war eh schon aufgeregt – so war der Druck noch größer, schnell neue Leute zu finden.
Am Ende hatte ich Teresa (links) und Marisa (rechts) kennengelernt. Und mir vorgenommen, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Nach der Orientierungswoche haben wir uns nur noch online gesehen und telefoniert, den ganzen Winter über.
Als es im Frühjahr 2021 wieder Lockerungen gab, fragte Teresa, ob ich mit zum Schwimmen komme. Auf dem Fahrrad habe ich „Solar Power“ von Lorde gehört. Ich erinnere mich, wie sehr ich mich gefreut habe, zu einem echten Treffen eingeladen zu sein. Richtig warm war es noch nicht, aber wir sind trotzdem geschwommen, haben uns in die Sonne gelegt, Leute beobachtet. Die Gespräche waren nicht wirklich anders als bei Zoom. Wir sind uns nur nicht mehr ständig ins Wort gefallen.
Sofia
Im Dezember 2020 hatte ich mich von meiner Freundin getrennt, kurz vor dem Auslandssemester in Glasgow. Dort habe ich so viel Zeit allein verbracht wie noch nie: Meine Kommilitoninnen waren nicht so sozial, und wir hatten fast nur Onlineseminare. Ich glaube, ich kannte mich zu keiner Zeit meines Lebens so gut wie in diesem Sommer 2021. Ich war glücklich. Vielleicht nicht damit, wie mein Leben gerade war, aber damit, wer ich gerade bin.
Das Foto ist aus dem Urlaub in diesem Sommer. Südfrankreich. Es hat den ganzen Tag gestürmt. Wenn ich es heute sehe, denke ich nicht daran, wie schwer die Pandemie war, wie viele sie einsam gemacht, wie viele Pläne sie zerstört hat. Eher daran, wie frei und lebendig ich mich an diesem Strand gefühlt habe. Es ist nicht das Foto vom Sommer trotz Corona, sondern vom Sommer mit Corona.
Valli
Meine Großeltern wohnten in derselben Straße wie wir. Am ersten Frühlingstag 2020 hat mein Papa einen zweiten Tisch auf ihre Terrasse gestellt. Wir sollten ja Abstand halten. Es war seltsam: dieselben Kaffeetassen, Frühling wie jedes Jahr, ähnliche Gespräche, und gleichzeitig Lockdown und Ausnahmezustand.
Eigentlich saßen wir einen Großteil der Pandemie so im Garten. Ohne Corona wäre ich nach dem Abitur vermutlich rumgereist. Ich bin aber froh, dass ich so mehr Zeit mit meinen Großeltern hatte. Beide sind 2022 verstorben.
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