So, wie ich bin
Im Kinofilm „Die jüngste Tochter“ wagt eine junge Muslima ihr lesbisches Coming-out – zumindest innerhalb der queeren Szene in Paris
Worum geht’s?
Die 17-jährige Fatima (Nadia Melliti) wächst als jüngste Tochter einer Familie mit algerischen Wurzeln in einem Pariser Vorort auf. Die Rollenverteilung ist klar: Ihre Mutter Kamar (Amina Ben Mohamed) steht die meiste Zeit in der Küche, wo sie singend Fatima und ihre älteren Schwestern Dounia (Rita Benmannana) und Nour (Mélissa Guers) bekocht. Ihr Vater Ahmed (Razzak Ridha) fläzt vor dem Fernseher und lässt sich bedienen.
Fatima ist gläubige Muslima. In der ersten Szene sieht man, wie sie vor dem Gebet im Hidschab eine rituelle Waschung durchführt. Draußen läuft sie mit Basecap und Bomberjacke herum. Sie weiß schon seit einer Weile, dass sie auf Frauen steht. Aber die Wertvorstellungen ihrer Familie und ihres Imams, die Homosexualität als Sünde begreifen, haben sie geprägt: Sie fühlt sich unwohl mit ihrem Begehren und verbirgt es vor ihrem Umfeld. Gleichzeitig träumt sie davon, ihre Homosexualität auszuleben. Als sie nach ihrem Schulabschluss fernab ihres Vororts ein Philosophiestudium im Zentrum der Stadt beginnt, taucht sie ein ins queere Paris: Sie trifft Frauen, die sie über Dating-Apps und auf Partys kennenlernt – und in eine verliebt sie sich sogar.
Worum geht’s noch?
Um den Versuch, man selbst zu sein und das auch zu zeigen, nach innen und außen. Und um den Umgang mit Erwartungen, die das Umfeld und die Gesellschaft an Frauen haben: Fatima sieht nicht ein, sie zu erfüllen, kleidet sich zum Beispiel sportlich und spielt Fußball. Ihre Schwestern lästern deswegen: Wer soll sie denn heiraten, wenn sie so herumläuft? Der Imam, den sie – vorgeblich für eine Freundin – um Rat in Sachen Sexualität bittet, empfiehlt ebenfalls, dass sie sich weiblicher geben soll, damit sich Männer zu ihr hingezogen fühlen.
Vor ihrer Familie verbirgt Fatima Teile ihrer Identität
Wer erzählt hier was?
Die französische Schauspielerin, Filmregisseurin und Drehbuchautorin Hafsia Herzi hat mit „Die jüngste Tochter“ den gleichnamigen Debütroman von Fatima Daas verfilmt. In Frankreich bekam das Buch nach seinem Erscheinen 2020 eine große Aufmerksamkeit und war wochenlang in der Bestsellerliste. Zwischen der Autorin und der Hauptfigur gibt es viele Parallelen: Fatima Daas, Jahrgang 1995, ist selbst als jüngstes Kind algerischer Eltern in Frankreich geboren, gläubige Muslimin und homosexuell. Muslimisches Leben, noch dazu in Form einer queeren Coming-of-Age-Geschichte, ist selten im französischen wie im internationalen Kino. Der Filmemacherin Hafsia Herzi zufolge sind wegen des Themas Finanzierung und Casting schwierig gewesen.
Wie wird’s erzählt?
Herzi erzählt im Film leise und mit langen Einstellungen, außerdem sensibel, sowohl was Religion als auch Sexualität betrifft. Die Sprachlosigkeit von Fatima, die sich ihrer Familie gegenüber nicht öffnen kann, ist beklemmend. Vieles wird nur angedeutet mit Fatimas traurigen Blicken ins Leere. Die Musik wird zurückhaltend eingesetzt. Die Kamera bleibt nah bei Fatima, die trotzdem die meiste Zeit verschlossen wirkt. Erst beim Tanzen in den Pariser Clubs kommt sie aus sich heraus.
Wie nah ist das an der Romanvorlage?
Beim Plot und den Figuren bleibt der Film nah an der Vorlage. Im Buch beginnen fast alle der 71 Kapitel mit dem Satz: „Ich heiße Fatima.“ Die kurzen Kapitel sind in der Literaturkritik mit Suren des Korans verglichen worden, weil das Wiederholende an das Rezitieren daraus erinnere. Der Film wiederum ist unterteilt in Jahreszeiten, die ihn wie Kapitel gliedern. Von Frühling bis Frühling begleitet er Fatima ein gutes Jahr lang zwischen Schulabschluss und Studienbeginn. Anders als im Buch wird Fatimas Kindheit im Film nicht thematisiert.
Im Zentrum von Paris kann Fatima ihre Sexualität ausleben
Gut zu wissen:
„Ich bin besessen davon, dass alles realistisch wirkt – bis hin zu den kleinsten Details“, sagt die Regisseurin und Autorin Hafsia Herzi in der Pressemitteilung zum Film. Sie befragte zum Beispiel den Lungenspezialisten Pascal Chanez über Asthma, an dem Fatima erkrankt ist, und überredete ihn, den Arzt im Film zu spielen. Und in den Szenen, die Fatimas Mutter Kamar in ihrer Küche zeigen, kocht diese tatsächlich.
Lohnt es sich?
Unbedingt! Nadia Melliti als Fatima trägt den Film, ihr Spiel fesselt insbesondere in den ruhigen Szenen. Hafsia Herzi lässt die Zuschauer:innen in Fatimas Welt eintauchen und nimmt ihre Konflikte auseinander, ohne dass es didaktisch oder bemüht wirkt.
„Die jüngste Tochter“ läuft ab 25. Dezember im Kino.
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Fotos: KatuhStudio / ArteFrance / mk2Films / AlamodeFilm