Luftaufnahme eine Kobaltmine im Kongo

Wie funktioniert der digitale Kolonialismus?

Kolonialismus ist Geschichte? Stimmt nicht, sagt Sven Hilbig, es gibt längst neue Ausbeutungsverhältnisse. Im Interview erklärt er, wie Google, Apple oder Huawei den digitalen Raum erobern und was das mit alten Machtstrukturen zu tun hat

Interview: Paulina Albert
Thema: Internet
8. Dezember 2025

fluter: In dem Buch „Digitaler Kolonialismus – Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen“ schreiben Sie und der Journalist Ingo Dachwitz, dass die neuen Kolonialherren nicht mehr Gebiete erobern, sondern den digitalen Raum. Wie machen sie das?

Sven Hilbig: Wir sehen eine Fortsetzung alter Ausbeutungsverhältnisse in den Bereichen Arbeitskraft und Rohstoffe, eine Kontrolle der Infrastruktur und neue Formen der Ausbeutung von Daten. All das führt in eine strukturelle Abhängigkeit. 75 Prozent der Programme, die einen Computer funktionsfähig machen und in Büros und Verwaltungen verwendet werden, kommen von Google oder Microsoft. 99 Prozent der Smartphone-Betriebssysteme von Apple oder Google. Wer digitale Dienste nutzen will, kommt an ihnen kaum vorbei. 

Inwiefern wird in diesem Zusammenhang Arbeitskraft ausgebeutet?

Nach Schätzungen der Weltbank arbeiten 154 bis 435 Millionen Menschen weltweit als Datenarbeiter*innen. Sie klassifizieren Daten für KI oder moderieren Social Media. Viele von ihnen müssen 600 bis 700 Klassifizierungen pro Tag vornehmen. Sie sortieren gewaltvolle und pornografische Inhalte, oft für unter zwei Dollar die Stunde, ohne angemessene psychologische Betreuung. Knebelverträge und Verschwiegenheitsklauseln erlauben ihnen nicht, über ihre traumatischen Erlebnisse mit jemandem zu sprechen.

Und die Rohstoffe?

Für Smartphones, Laptops oder Elektroautos werden Metalle wie Kobalt, Kupfer oder Lithium gebraucht, die vor allem in Afrika und Lateinamerika abgebaut werden. Die Bedingungen sind katastrophal: Kinderarbeit, Todesfälle, Vertreibungen sind insbesondere in Kongo an der Tagesordnung. Manchmal wird den Betroffenen erst am Tag der Räumung gesagt, dass sie ihr Dorf verlassen müssen. Die Rohstoffe werden exportiert, im Globalen Norden weiterverarbeitet und teuer verkauft. Im Globalen Süden bleibt Armut. In der Demokratischen Republik Kongo leben drei Viertel der Menschen unterhalb der Armutsgrenze.

„Anstrengungen des Globalen Südens, Daten in heimischen Rechenzentren zu speichern, werden von Konzernen und der US-Regierung behindert“

Warum lassen sich die Länder darauf ein?

Weil sie seit Jahrhunderten in dieser Abhängigkeit stecken. Viele brauchen ausländische Währungen wie US-Dollar oder Euro für internationale Geschäfte und Handel und verkaufen deshalb ihre Rohstoffe unverarbeitet. Das bedeutet, dass sie zwar kurzfristig Geld verdienen, aber die Weiterverarbeitung und damit die Wertschöpfung findet im Ausland statt. Handelsabkommen wie das Mercosur-Abkommen zwischen Europa und einigen Staaten Südamerikas verstärken das. Europa sichert sich damit den Zugang zu Rohstoffen und findet dort gleichzeitig einen Absatzmarkt für seine fertigen Industrieprodukte.

Nicht nur Europa, auch China spielt eine wichtige Rolle in diesem digitalen Kolonialismus.

China investiert seit den 1990er-Jahren in Afrikas digitale Infrastruktur: Glasfasernetze, Rechenzentren, Telefonmasten. Das geht, weil damals in vielen afrikanischen Staaten der Telekommunikationssektor privatisiert und für ausländische Investoren geöffnet wurde. Seit 2013 verfolgt die chinesische Regierung das Projekt einer digitalen Seidenstraße. Etwa 40 Staaten sind weltweit beteiligt. Das hat auch zur Folge, dass sich afrikanische Staaten bei der chinesischen Regierung verschulden. Gleichzeitig versucht China, Allianzen im Globalen Süden zu schmieden. Es will eine neue digitale Weltordnung schaffen, in der nicht mehr die USA die Regeln bestimmen.

Arbeiter in einer Kobaltmine

Ohne Kobalt und Kupfer gäbe es keine Laptops und Smartphones. Die Shabara-Mine im Süden der Demokratischen Republik Kongo gilt als eine der größten nicht-industriellen Kupfer- und Kobaltminen der Region; rund 20.000 Menschen arbeiten dort unter extrem harten und gefährlichen Umständen, oft barfuß und in weit tieferen Tunneln als offiziell angegeben. Kinderarbeit soll zwar verboten sein, doch die Sicherheit ist minimal. Die meisten Arbeiter verdienen nur wenige Dollar am Tag

Inwieweit haben die USA einen Vorsprung?

US-amerikanische Tech-Unternehmen haben bereits so viele Daten, Rechenzentren und modernste KI, dass sie einen technologischen und ökonomischen Vorsprung haben, der von anderen Staaten kaum einholbar ist. Anstrengungen von Ländern des Globalen Südens, Daten in heimischen Rechenzentren zu speichern, werden seit langem von Konzernen und der US-Regierung behindert. Mit anderen Worten: Die Daten werden zwar in den Ländern gesammelt, sind aber nur für die Tech-Unternehmen im Norden nutzbar.

Große Konzerne aus den USA und China verlegen extra Unterseekabel, um Internetzugänge zu schaffen. Klingt erst mal positiv?

Nur vordergründig. 99 Prozent des globalen Datenverkehrs laufen durch solche Kabel, die fast vollständig in privater Hand sind. Das schafft neue Abhängigkeiten, und in Zukunft wird es sehr schwer für Länder des Globalen Südens sein, aus diesen herauszukommen. Das gilt für Unterseekabel von Google und Huawei genauso wie für Elon Musks Satelliten.

Welche Strategie verfolgt Europa?

Europa versucht einen dritten Weg zwischen dem libertären US-Modell und dem autoritären chinesischen. In der Praxis verfolgt es aber eigene Interessen, vor allem im Rohstoffbereich. Die EU will über ihr Global-Gateway-Programm Infrastrukturprojekte im Globalen Süden aufbauen. Aber diese Projekte zielen auch auf den Zugang zu Metallen im Kongo oder Lithium in Lateinamerika ab. Das ist keine Abkehr von kolonialen Mustern, sondern eine Fortsetzung.

Was muss sich ändern, damit Digitalisierung nicht länger Ausbeutung bedeutet?

Die gute Nachricht ist: Der digitale Kolonialismus wird im Globalen Süden nicht mehr überall widerspruchslos hingenommen. Kenianische Datenarbeiter*innen haben die Firma, bei der sie angestellt waren, und den dahinterstehenden Konzern Meta verklagt. Länder wie Nigeria oder Indien fordern digitale Souveränität ein und verlangen, dass Daten vor Ort gespeichert werden. Kenia und Südafrika verarbeiten inzwischen einen Teil ihrer Rohstoffe zu Halbleitern. Aber eine faire Digitalisierung ist weit entfernt.

Könnte sie denn fair gestaltet werden?

Theoretisch ja. Aber derzeit wird sie von Konzernen geprägt, denen es nicht um Fairness geht, sondern um Profit. Sie befinden sich im Konkurrenzkampf. Dass sie da herauskommen, sehe ich momentan nicht.

Portrait von Sven Hilbig, Autor des Buches "Digitaler Kolonialismus"

Sven Hilbig ist bei der NGO Brot für die Welt verantwortlich für die Themen Handelspolitik und Digitalisierung. Sein Buch  „Digitaler Kolonialismus“, das er gemeinsam mit dem Tech-Journalisten Ingo Dachwitz geschrieben hat, erschien im Februar und wurde als Wissensbuch des Jahres 2025 ausgezeichnet.

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Fotos: Davide Monteleone / laif