links: Portrait vonTuman, rechts zwei Soldaten mit Drohne in Rotlicht bei Nacht

Sie bringt Rettung oder den Tod

Drohnen versorgen im Ukrainekrieg Truppen mit Wasser und Essen – oder greifen aus der Luft feindliche Stellungen an. Dadurch verändert sich die Kriegsführung. Zu Besuch bei einer Drohneneinheit im Osten der Ukraine

Text: Merlin Gröber und Fotos: Sitara Celina Rajh
15. Dezember 2025

Tuman, 32 Jahre alt, kurze Haare und rundes Gesicht, steht in einem Schuppen im Osten der Ukraine und erklärt den Krieg der Zukunft. Er kommandiert eine Drohneneinheit, die mit der „Vampire“-Drohne die eigenen Truppen an der Front versorgt – oder Granaten auf russische Stellungen abwirft. Sie kann den Tod oder das Leben bringen und ist nur eines von vielen unbemannten Fluggeräten, die im Ukrainekrieg mittlerweile zum Einsatz kommen. „Heute Nacht“, sagt er, „bringt die Vampire das Leben.“

Was bedeutet die neue Art des Krieges für die Soldaten?

Der Drohnenkrieg führt weg von einer klar definierten Frontlinie. Hin zu einer bis zu 15 Kilometer breiten „kill zone“ auf beiden Seiten entlang der „Null“, der vordersten Verteidigungslinie. Was bedeutet diese neue Art des Krieges und des Tötens für die Soldaten?

Dem US-amerikanischen Thinktank Council on Foreign Relations zufolge wurden bis zu 80 Prozent der Menschen, die in der sogenannten „kill zone“ starben oder später ihren Wunden erlagen, direkt oder indirekt von „First Person View“-(FPV)-Drohnen getötet, also Drohnen mit Kamera, oder anderen Einwegdrohnen mit kurzer Reichweite.

Die Vampire-Drohne, die Tuman in seiner Einheit fliegt, ist eine Bomberdrohne, die ein Bild auf einen Bildschirm auf einem Controller überträgt. Neben ihnen kommen im Ukrainekrieg massenweise kleine, günstige FPV-Drohnen zum Einsatz, die, beladen mit wenigen Kilogramm Sprengstoff, von Piloten mit einer Brille gesteuert werden. Sie fliegen ihr Ziel direkt an, verfolgen es und explodieren. Außerdem werden KI-Drohnen verwendet, die mit künstlicher Intelligenz ihre Ziele autonom erfassen, und Fluggeräte an Leinen aus Glasfaser, die durch elektronische Störsender nicht gestoppt werden können. Besonders um die autonomen Drohnen, die bei Kontaktverlust zum Piloten selbstständig fliegen und töten können, dreht sich eine moralische Debatte, dabei werden sie im Krieg noch nicht häufig eingesetzt.

Ein Soldat kniet am Boden und wartet eine Drohne im Gelände

Wasser Marsch: Unter idealen Bedingungen kann eine Vampire-Drohne bis zu 15 Kilogramm Nutzlast 20 Kilometer weit tragen

„Das sieht gut aus“, sagt Tuman und nickt zufrieden. Er beobachtet seine Männer, die in der Nähe des Schuppens auf einer Wiese die Vampire-Drohne für den nächtlichen Einsatz vorbereiten und Probe fliegen. Die Mission für die Nacht: die eigene Infanterie, also die Soldaten am Boden an der Front, mit Wasser und Nahrungsmitteln versorgen. Vier Plastikflaschen baumeln an der Unterseite der Drohne rund 50 Meter über dem Boden, festgezurrt mit Kabelbindern an Metallschlaufen, die in hydraulischen Haken unter der Drohne hängen. Eine kleine Bewegung mit dem Zeigefinger auf einem Controller, die Haken öffnen sich, und viermal 1,5 Liter Wasser fallen vom Himmel. Mit einem dumpfen Schlag prallen sie auf dem Boden auf und bleiben im Sand liegen.

Bis zu 15 Kilogramm Nutzlast kann eine Vampire 20 Kilometer weit tragen – unter idealen Bedingungen. Tumans Männer fliegen die mit Wärmebildkameras ausgestatteten Vampire nachts, da die An- und Abfahrt zu ihrer jeweiligen Stellung, einem quadratischen Loch einige Meter unter der Erde, in der Dunkelheit sicherer ist. Von dort fliegen sie die mehrere Kilometer entfernten Schützengräben an – entweder die eigenen oder die des Gegners.

Zusätzlich zu Luftdrohnen setzte die ukrainische Armee die Technologie auch auf dem Wasser und zu Land ein. Sie greift immer wieder erfolgreich russische Schiffe mit Wasserdrohnen an, beispielsweise mit der „Magura“, einer Überwasserdrohne, die aussieht wie ein kleines Motorboot mit verschlossenem Deck. Bodengestützte Drohnen, die aussehen wie Roboter mit Reifen und einer Ladefläche, setzt die Ukraine etwa zur Bergung verletzter oder getöteter Soldaten ein.

Zwei Männer richten ein hohes Gerüst auf einer Landstraße aus, um ein Netz über der Strasse zu spannen

Improvisierte Luftabwehr: Über einer Autobahn nahe der Frontlinie bauen ukrainische Männer Drohnennetze auf, um Autos vor möglichen Angriffen russischer FPV-Drohnen zu schützen

Der Krieg der Zukunft, sagt Tuman, gehöre den Drohnen. Sie werden eine immer entscheidendere Rolle in allen Bereichen des Krieges spielen: bei der Aufklärung, der Absicherung eigener und der Zerstörung feindlicher Stellungen, bei der Versorgung von Truppen entlang der Front und beim Töten gegnerischer Soldaten. Die Rechnung, sagt Tuman, sei einfach: „Je mehr Drohnen wir einsetzen können, desto weniger Infanteristen brauchen wir.“ 

Tuman erzählt von einem Frontabschnitt im Donbass, den er für einige Monate „beflog“, also mit Drohnen absicherte: „Wir hatten auf dem Abschnitt eine Handvoll Infanteristen, die ein Gebiet absicherten, für das wir noch zu Beginn des Krieges das Zehnfache an Männern gebraucht hätten.“ Trotzdem, sagt Tuman, werde die Armee auch in Zukunft Infanteristen brauchen, die in den Schützengräben sitzen, um feindliche Aufklärungstrupps zu stoppen. „Wir können nicht alles aus der Luft absichern.“

„Es fühlt sich an wie ein Computerspiel“

Die Motivation einzelner Soldaten spiele durch die Drohnen immer weniger eine Rolle, die Technik werde wichtiger: „Als wir 2015 oder zu Beginn der Vollinvasion 2022 aus den Gräben gestürmt sind, wussten wir, dass wir entweder durch Maschinengewehrfeuer oder Artillerie umkommen konnten.“ Die Bedrohung kam von vorne oder von oben. „Heute stürzen sich Drohnen von allen Seiten auf dich, sobald du aus der Deckung gehst. Sie verfolgen dich, auch wenn du wegrennst.“ Die ukrainischen Sturmangriffe zu Beginn des Krieges seien unter anderem so erfolgreich gewesen, weil die Sturmtrupps motiviert waren und wussten, von wo die Gefahr kam. „Jetzt stoppen Drohnen Vormärsche sofort. Das demotiviert die Soldaten. Jedes Mal, wenn du deine Position verlässt, weißt du, das kann das letzte Mal sein.“

Tuman nennt Drohnen feige, die neue Art der Kriegsführung ist ihm unheimlich. „Es fühlt sich an wie ein Computerspiel: Du hältst einen Controller in der Hand, steuerst auf einem Display ein Fadenkreuz, drückst einen Knopf, lässt die Bombe fallen und siehst, wie ein kleiner Punkt durch die Luft fliegt. Bei FPV-Drohnen wird das Bild schwarz, sobald du dein Ziel triffst und die Sprengladung explodiert. Einen Menschen zu töten, ist durch die Drohnen so einfach wie nie.“

Zwei Personen arbeiten nachts unter rotem Licht an einer großen Drohne, teilweise von Laub verdeckt

Hier falten zwei ukrainische Soldaten eine Vampire-Drohne auseinander und schnallen zwei Sprenggranaten an die Unterseite

Auch wenn Tuman sich Gedanken macht: In der Ukraine gibt es kaum Debatten um die abstrakte Moralphilosophie von Drohnen, anders als in Deutschland: Im Bundestag, im Verteidigungsministerium, im Deutschen Ethikrat und bei Organisationen wie Human Rights Watch oder der Campaign to Stop Killer Robots wird darüber gestritten, ob autonome Waffensysteme ohne menschliche Kontrolle überhaupt zulässig sein dürfen. Die Bundesregierung setzt sich für eine „Ächtung vollautonomer letaler Waffensysteme“ ein, die „außerhalb menschlicher Kontrolle operieren“ – also etwa Drohnen, die selbst entscheiden, wen sie töten –, und unterstützt auf UN-Ebene strengere internationale Vorgaben. 

Für die ukrainische Armee spielt das gerade nur eine nachrangige Rolle: Auf dem Schlachtfeld zählt vor allem, was sofort wirkt. Viele Systeme wie Tumans Vampire-Drohne sind daher nicht autonom, sondern werden weiterhin von Menschen gesteuert. Die Bomberdrohnen wie die Vampire und FPV-Drohnen gelten aktuell erst mal als wichtige Waffen für das Land, da sie massenweise und günstig produziert werden können und sich einfach einsetzen lassen. Doch die Entwicklung zu autonomen Waffensystemen geht weiter voran, für manche langsamer als gedacht, aber stetig.

Nach dem erfolgreichen Probeflug klappen Tumans Männer die Rotoren der Vampire-Drohne zusammen, verstauen das Fluggerät auf der Ladefläche eines Pick-ups und laden Pakete, dick eingewickelt in Frischhaltefolie, und Wasserflaschen daneben. Tuman schweißt aus alten Metallplatten einen Grill, zündet Kohle an und legt Hähnchenfleisch auf den Rost. „Für die Männer, wenn sie von ihrem Einsatz zurückkommen“, sagt er. Der Himmel über dem Schuppen und der Wiese verfärbt sich in der Dämmerung erst rot, dann dunkelblau und schließlich schwarz. „Die Nacht heute wird sternenklar“, sagt Tuman. „Perfektes Drohnenwetter.“

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