Einer ist immer der Dumme
Das Kartenspiel „Durak“ feiert gerade einen unerwarteten Siegeszug. Was ist das für ein Spiel und warum begeistern sich so viele dafür? Ein Besuch bei einem Durak-Kollektiv in Berlin
Es ist Donnerstagabend in Berlin, und das heißt: Die Duraki sind wieder los. Sie hocken in Kleingruppen zusammen, versteckt hinter unscheinbaren Häuserfassaden. Etwa mitten in Friedrichshain, in einer Szenekneipe, deren Wände von Solidaritätsbekundungen für alles Mögliche bedeckt sind. An der Bar gibt es Bier, Futschi und Sekt auf Eis.
In einem Nebenzimmer setzt sich etwa ein halbes Dutzend junger Menschen zusammen, von denen sich einige vorher noch nie gesehen haben. Namen werden kurz ausgetauscht und dann Regeln festgelegt. „Machen wir mit Schieben?“, fragt jemand. „Nee, und dazulegen erst ab der zweiten Runde!“, kommt es zurück. Nach ein wenig Hin und Her wird man sich einig, und die ersten Karten wandern über den Tisch, während im Hintergrund osteuropäische Diskomusik aus den 90ern läuft.
Was hier gespielt wird, genauso wie in unzähligen anderen Kneipen, auf Studiabenden oder Pausenhöfen überall in der Republik, ist im wahrsten Wortsinn ziemlich idiotisch. Denn genau das – also „Idiot“ oder „Dummkopf“ – bedeutet Durak. Das russische Kartenspiel erfreut sich mittlerweile in Deutschland zunehmender Beliebtheit. Selbst Ikkimel hat schon darüber gerappt. Doch was hat es damit auf sich?
Es wird gespielt von Hamburg bis Haifa
Ausrichter des Kartenabends ist eine zehnköpfige Gruppe, die sich selbst als „Durak-Kollektiv“ bezeichnet. Sie sind alle irgendwo zwischen Mitte 20 und Mitte 30. Einige von ihnen haben einen russlanddeutschen Hintergrund, andere sind Kinder jüdischer Kontingentgeflüchteter aus der ehemaligen Sowjetunion und wieder andere ost- oder westdeutsche Nachwendekinder.
„Wir haben unterschiedliche Hintergründe, aber das Kartenspielen hat uns verbunden“, sagt eines der Mitglieder, das wie seine Mitstreiter:innen nicht genannt werden will – einerseits im Sinne des Kollektivs, aber auch aufgrund von Anfeindungen, die die Gruppe aus dem rechten Spektrum erfuhr. Um junge Leute über das Spiel niedrigschwellig zusammenzubringen, habe man nun einen offenen Raum dafür geschaffen.
Angefangen hat das Ganze im Februar 2024. „Wir haben einfach mit Freunden ‚Durak‘ gespielt und das auf Insta gepostet“, erzählt ein weiteres Kollektivmitglied. „Und dann wollten immer mehr Menschen mitmachen.“ Im vergangenen März habe man in Neukölln ein Turnier mit über 100 Teilnehmenden veranstaltet. „Das war so ein Magic Moment für uns“, sagt ein drittes Mitglied stolz. Seitdem wird unter Anleitung des Kollektivs auch außerhalb Berlins rege gespielt: In Hamburg, Osnabrück, Hannover und Leipzig hat man schon zum Dummkopfwerden eingeladen, genauso wie im israelischen Haifa.
Die Grundregeln des „Durak“ sind ziemlich einfach: Man versucht, durch gegenseitige Angriffe so schnell wie möglich seine Karten loszuwerden. Darüber hinaus hat fast jeder wie beim „Uno“ oder „Mau-Mau“ eigene Hausregeln. Doch eine Sache macht das Spiel fast einzigartig: Es gibt keine echten Gewinner, sondern nur einen Verlierer – den Durak eben.
Diese zweifelhafte Ehre wird im Laufe des Abends fast jedem zuteil und schafft Verbindung, egal wer gerade miteinander spielt. Vom Bauarbeiter bis zur Sozialarbeiterin und vom Journalisten bis zur Rezeptionistin ist alles dabei. Doch diese Durchmischung gab es nicht immer.
Die wohlhabenden Schichten wollten sich nicht „Dummkopf“ schimpfen lassen
Über die genaue Geschichte des „Durak“ ist nur wenig bekannt. Erstmals erwähnt wurde es im späten 18. Jahrhundert im russischen Zarenreich. Damals galt es als Spiel der einfachen Leute und stand in scharfem Kontrast zu den Vergnügungen der wohlhabenden Schicht. Als „Dummkopf“ wollte sich dort niemand schimpfen lassen.
Infolge der Oktoberrevolution und des Sieges der Bolschewiki, einer radikalen kommunistischen Gruppe in Russland, breitete sich „Durak“ nach 1922 in vielen Teilen der Sowjetunion aus. Nach Deutschland gelangte der Zeitvertreib im Zuge der großen Zuwanderung von mehr als 2,4 Millionen sogenannten (Spät-)Aussiedler:innen aus der Sowjetunion beziehungsweise deren Nachfolgestaaten in die Bundesrepublik seit Ende der 1980er-Jahre.
Seitdem ist das Spiel aus vielen jugendlichen Gruppen kaum wegzudenken – sogar aus solchen, die eigentlich gar keinen persönlichen Bezug zur ehemaligen Sowjetunion haben. Ein Mitorganisator kommt aus Thüringen, ein anderer aus München.
Eine, die einen persönlichen Bezug zu Russland hat, ist Irina Shvartckopf. Die 35-Jährige zog 2022 für ihren Partner nach Deutschland. Sie wuchs in Saratow auf, das früher eines der Zentren der Russlanddeutschen war. Diesen Sommer stieß sie in Berlin zufällig durch ein Poster auf die Durak-Events und kommt seitdem regelmäßig.
Für Irina haben die Veranstaltungen etwas Familiäres. „Es fühlt sich an, als ob ich hier hingehöre“, sagt sie. Dabei werden in ihr auch nostalgische Erinnerungen geweckt: „Im Sommer habe ich früher den ganzen Tag lang ‚Durak‘ mit meinen Großeltern gespielt.“ Durch den Stammtisch finde sie hierzulande etwas Vertrautes.
Dass bei den Abenden nicht immer schwere politische Themen im Vordergrund stehen, sondern manchmal einfach der lockere Austausch, ist eine bewusste Entscheidung des Kollektivs. „Wir haben einen gemeinsamen Nenner: Ich muss hier keinem erklären, dass ich den russischen Angriffskrieg scheiße finde – weil das klar ist“, fasst es eines der Mitglieder zusammen. Viele der Organisator:innen würden in ihrem beruflichen oder aktivistischen Alltag permanent mit schweren politischen Themen konfrontiert. „Da ist der Bedarf an Austauschräumen groß, in denen es nicht sofort wieder um die großen Konflikte gehen muss.“
„Wir fühlen uns miteinander verbunden, obwohl wir in verschiedenen Realitäten leben“
Das Durak-Kollektiv hat klare Grundwerte. So bekennt es sich etwa zur Ukraine, solidarisiert sich mit queeren Menschen und ist antirassistisch und antisemitismuskritisch engagiert. Doch für die Mitglieder ist das vielmehr eine Selbstverständlichkeit als ein fester Aufhänger für den Verlauf der Stammtische. „Wir fühlen uns miteinander verbunden, obwohl wir in verschiedenen Realitäten leben“, erklären sie. Der Stammtisch halte das aus.
Für die Zukunft planen die Duraki groß: Sie möchten weiter wachsen und junge Leute dabei unterstützen, auch in anderen Städten Stammtische einzurichten. Dafür vernetzen sie sich mit Jugendzentren, Parteien, NGOs und sogar Clubs. Im Rahmen von Workshops und Vorträgen wird munteres Kartenspielen so auch immer wieder mit konkreter politischer Bildungsarbeit verbunden.
Doch auch für das Spiel selbst hat das Kollektiv ambitionierte Ideen: „Wir wollen ‚Durak‘ als immaterielles Kulturerbe anerkennen lassen, das ist so ein größenwahnsinniges Ziel von uns“, erklärt ein Mitglied. „Und ‚Durak‘ als olympische Disziplin!“, ruft ein anderes hinterher. Da wird er dann vielleicht gekrönt: der größte aller Dummköpfe.
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