Eine Rakete startet zwischen Palmen

Völlig losgelöst

Mitten im Regenwald Französisch-Guayanas hebt mit vier Jahren Verspätung die Ariane 6 ab. Sie soll Europa zurückmelden im All. Warum der ganze Aufwand?

Von Vanessa Materla
Thema: Bildung
18. Dezember 2025

Noch 25 Minuten, bis die Ariane 6, die modernste Rakete, die die europäische Raumfahrt zu bieten hat, ins All aufbrechen soll. Sie soll der Welt an diesem 3. März 2025 zeigen: Europa ist zurück im All. Und kommt da auch alleine hin.

Es ist also ein wichtiger Moment für die Europäische Weltraumorganisation (ESA). Über vier Jahre musste die ArianeGroup, die mit der Entwicklung der Rakete beauftragt war, den Erstflug der Ariane 6 immer wieder verschieben, bis sie 2024 zum ersten Mal überhaupt abhob. An diesem Märztag schließlich soll der erste kommerzielle Raketenstart stattfinden – und auch der wurde vor fünf Tagen noch einmal vertagt.

Dabei braucht Europa dringend wieder eine Schwerlastrakete im All. Die Vorgängerin Ariane 5: seit Sommer 2023 ausgemustert. Die Vega-C: nach einem Crash gerade wieder in Betrieb, aber sehr viel kleiner als die Ariane. Die russische Sojus, die bis 2022 regelmäßig für die ESA startete: seit dem Überfall auf die Ukraine keine Option mehr. Keine ideale Situation.

Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts

Autonom im All unterwegs zu sein, ist aus verschiedenen Gründen enorm wichtig. Die Raumfahrt gilt als Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts: Satelliten versorgen Smartphones mit Standortdaten, dokumentieren die Klimakrise und können in Kriegsgebieten wie der Ukraine entscheidend sein. Nur mit eigenen Trägerraketen wie der Ariane können die in der ESA organisierten europäischen Staaten eigene Satelliten, Teleskope oder Verteidigungssysteme zuverlässig und unabhängig von anderen Nationen ins All bringen. 

Wie die ESA diese Herausforderung zu meistern versucht, zeigt sich im südamerikanischen Dschungel – in der Kleinstadt Kourou in Französisch-Guayana. Von dort führt der Weg in den Weltraum über eine betonierte Schneise, die mitten in den Regenwald geschlagen wurde. Verkehrsschilder warnen vor Affen auf der Fahrbahn, man erzählt sich, in der Nähe lebe ein Jaguarpärchen.

An diesem Ort, an dem Natur und Technik clashen, hat sich die ESA einen Weltraumbahnhof gebaut. Klingt futuristisch, aber die Gebäude des Centre spatial guyanais (CSG) wurden vor mehr als 60 Jahren von Frankreich errichtet, und das sieht man auch.

Luftaufnahme einer Raketenabschussbasis

Rumble in the jungle: Kourou (offiziell Centre spatial guyanais) ist einer der wichtigsten Weltraumbahnhöfe

Foto: © ESA/ S. Corvaja

Französisch-Guayana war früher eine französische Kolonie und ist bis heute ein Überseedepartement. Dass der europäische Bahnhof hier – Tausende Kilometer von Europa entfernt – im Regenwald steht, hat einen Grund: die Nähe zum Äquator. Dort rotiert die Erde am schnellsten, diese Erddrehung verleiht der Rakete Tempo. Heißt: Raketen, die von Kourou starten, brauchen weniger Treibstoff. Oder können besonders schwere Satelliten transportieren. So wie die Ariane 6. Die Trägerrakete kann bis zu 21 Tonnen Fracht befördern. Heute: den militärischen Überwachungssatelliten CSO-3, der helfen soll, Europas unabhängigen Zugang zum Weltraum wiederherzustellen.

Während des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion tobte ein offenes Space Race. Entdeckungen oder technische Erfolge des einen galten automatisch als politische Niederlagen des anderen. Heute mischen deutlich mehr Akteure im All mit. Den einen geht es um dessen wirtschaftliche Nutzung, anderen eher um die Forschung oder unabhängige Infrastruktur. „In einem Wettlauf ins All sollte die ESA aber gar nicht erst mitrennen“, findet Nina Klimburg-Witjes.

Sie forscht an der Universität Wien zu Europas Zukunft im All. Ihrer Meinung nach sollte sich die ESA eher auf das konzentrieren, was sie besonders macht: das demokratische Bündnis der 23 Mitgliedstaaten. 

„Es sind europäische Werte, die uns im Vergleich mit anderen bremsen, also Genauigkeit, Qualität, Rechtssicherheit und Nachhaltigkeit. Die Frage ist eher, was einem am Ende wichtiger ist: Innovation und Agilität – oder Demokratie und Nachhaltigkeit?“

Nina Klimburg-Witjes, Technikforscherin an der Universität Wien

23 Staaten haben mehr Geld als ein einzelnes Land. 23 Staaten bündeln mehr Technologien, mehr Wissen, mehr Ideen. 23 Staaten entscheiden aber auch langsamer als einzelne Akteure – und weniger mutig. Kritiker meinen deswegen, Europas Weltraumfahrt sei überbürokratisch und vor allem: zu langsam.

Das „geografische Rückflussprinzip“ der ESA schreibt vor, dass jedes Land etwa so viel Auftragsvolumen bekommt, wie es finanziell zur ESA beiträgt. Über jede Mission, über jede Investition, über jeden Zulieferer stimmt die ESA dann gemeinschaftlich ab. Dabei würden die Wünsche der einzelnen Mitgliedstaaten austariert, sagt Nina Klimburg-Witjes. Wer baut welche Teile? Wessen Astronautinnen und Astronauten fliegen wann?

Mit dieser Praxis kann die ESA gar nicht so flexibel sein wie private Unternehmen. Und sie muss es auch nicht: Die ESA wurde gegründet, um Weltraumforschung zu betreiben. Das kommt zwar auch der Wirtschaft zugute, kommerzielle Interessen sind derzeit aber zweitrangig. „Es sind europäische Werte, die uns im Vergleich mit anderen bremsen, also Genauigkeit, Qualität, Rechtssicherheit und Nachhaltigkeit“, sagt Nina Klimburg-Witjes. „Die Frage ist eher, was einem am Ende wichtiger ist: Innovation und Agilität – oder Demokratie und Nachhaltigkeit?“

Luftaufnahme einer Rakete die auf einem Transporter auf einer Strasse transportiert wird

Ein Triebwerk auf dem Weg zum Einsatzort: 142 Tonnen Treibstoff passen in diese Booster-Einheit. Die Ariane 6 hat gleich zwei davon, sie bringen die Rakete nach oben

Foto: © CNES/ ESA/ Arianespace-ArianeGroup/ Optique Vidéo CSG/ E. Prigent, 2024

Umso wichtiger, dass heute beim ersten kommerziellen Start der Ariane 6 in Kourou alles glattgeht. Die Tickets, mit denen man den Start von einem der offiziellen Aussichtspunkte in Kourou verfolgen kann, sind seit Wochen ausverkauft. Auf der Ibis-Plattform, 18 Kilometer vom Launchpad der Ariane entfernt, versammeln sich schon gegen elf Uhr um die 200 Menschen. Der Start ist für 13.24 Uhr geplant. Einige Zuschauende tragen Arianespace-Fanshirts, andere T-Shirts mit „Star Trek“-Motiven. Sie blicken auf die Weite des Dschungels, der dieses Land fast vollständig bedeckt. Wer weiß, wohin er schauen muss, erahnt am Horizont die Startrampe. Die, die es wissen, bringen ihre hochauflösenden Kameras in Position und schrauben Teleobjektive an.

Einer von ihnen ist Ronan de la Jousse-Lilieux. Er stellt sich als Space-Enthusiast vor, er will den Start live auf seinem YouTube-Kanal streamen. De la Jousse-Lilieux wohnt in Bordeaux, er ist wegen der Arbeit in Französisch-Guayana. Er habe sich extra ein Meeting so gelegt, dass er beim Start dabei sein kann. Heute schaue schließlich ganz Europa zu. „Wenn nicht sogar die ganze Welt“, sagt er.

Und dann hakt das Ventil

Während Hardcorefans wie de la Jousse-Lilieux in der Sonne braten, haben sich die meisten anderen Zuschauerinnen und Zuschauer unter einen Pavillon gerettet. Hier steht ein großer Bildschirm, der die Vorbereitungen aus der Kommandozentrale des Weltraumbahnhofs überträgt. Noch 20 Minuten. Ein Kontrollboard zeigt die Startberechtigungen in einem Ampelsystem an. Nach und nach springen die Felder von Rot auf Grün. Grundzustand: okay. Wetter: okay. Ariane 6: okay. CSO-3: okay. Ein Feld, eine Schnittstelle an der Startvorrichtung, bleibt rot. Um 13.05 Uhr, keine 20 Minuten vor dem geplanten Start, ist klar: Das war’s für heute. Die Ariane 6 und der Satellit bleiben am Boden.

Oft ist ungünstiges Wetter der Grund, warum ein Start verlegt wird. Heute ist es ein 150 Kilogramm schweres Ventil, das undicht ist. In Fachkreisen nehmen sie das hin: Das Risiko, dass die teure Rakete mitsamt dem Militärsatelliten auf der Startrampe explodiert, ist schlicht zu groß. Auf X aber sammeln sich unter dem offiziellen Posting des Raketenbetreibers ArianeGroup wütende Kommentare. „Ich hoffe einfach, dass sie den Start bald nachholen“, sagt Ronan de la Jousse-Lilieux. In einer Woche müsse er zurück nach Bordeaux.

Eine Gruppe Menschen beobachtet einen Raketenstart

Lage ist alles: Von Kourou können Raketen so starten, dass herunterfallende Trümmer sicher ins Meer fallen

Foto: © CNES/ ESA/ Arianespace-ArianeGroup/ Optique Vidéo CSG/ S. Martin, 2024

Rund 7.500 Kilometer Luftlinie von Kourou, in einem Industriegebiet im hessischen Darmstadt, befindet sich eine weitere irdische Außenstelle der ESA: das Europäische Raumfahrtkontrollzentrum. Vom ESOC aus wird ein großer Teil der ESA-Satellitenmissionen gesteuert und überwacht. Will heißen: Hebt die Ariane mit einem Satelliten ab, sorgen sie in Darmstadt dafür, dass der Satellit auf seiner Umlaufbahn bleibt und dort arbeiten kann.

Im Kontrollzentrum des ESOC sitzt eine Handvoll Menschen und starrt auf Bildschirme. Dafür, dass sie einen Raketenstart simulieren, ist die Stimmung recht angespannt. Ein Mitarbeiter, „Spacecraft Operations Manager“ genannt, erklärt, dass man hier alle Szenarien durchspiele, die es bei einem Satellitenstart und der Platzierung geben könnte. Was machen wir, wenn eine Bombe gefunden wird und die ESOC evakuiert werden muss? Was, wenn die interne Kommunikation ausfällt oder wenn unser Team Lead krank wird? „Better safe than sorry“, sagt der Spacecraft Operations Manager. Bei einer der letzten Missionen sei ein Satellit mit Weltraumschrott kollidiert – ein Szenario, das sie so nicht geübt hatten.

„Es passiert hoch-, hoch-, hochselten, dass bei den tatsächlichen Satellitenstarts etwas schiefgeht“, sagt Rolf Densing, der Direktor der ESOC, später in breitem Hessisch. Und wenn, hätten sich immer Wege gefunden, die Satelliten doch sicher zu fliegen. Das sei es, was die Europäische Raumfahrt ausmacht, sagt Densing. „Qualität!“ Er findet nicht, dass sich Europa im internationalen Vergleich verstecken muss.

Zurück in Kourou. Drei Tage nach dem verschobenen Startversuch haben sich wieder Menschen auf der Ibis-Plattform versammelt. Ronan de la Jousse-Lilieux ist auch da, heute in einem Fanshirt, auf dem groß die Ariane 6 zu sehen ist.

Auch eine Gruppe Österreicher steht in der Menge. Sie bereisen zwölf Länder in zwölf Tagen, erzählen sie, und heute eben – zufällig zum Raketenstart – Französisch-Guayana. „Wir waren vor Jahren am Cape Canaveral und haben Elon Musks Falcon-Rakete starten sehen“, sagt Bernd. Eine echte Show sei das gewesen. Die Reisegruppe nickt eifrig.

Die Sicht von der Plattform ist trüb. Es regnet, und über dem Meer aus Bäumen hängt Nebel. Die letzten Minuten vor dem Start verstreichen – diesmal wechseln alle Kontrollpunkte von Rot auf Grün. Der Countdown ertönt: „Huit, sept, six, cinq.“ Wie bei einem schüchternen Geburtstagsständchen steigen sie auf der Plattform erst spät ein. „Quatre, trois, deux, un …“

Als der Countdown bei null ankommt, durchzieht ein Donner die Luft. Eine Rakete ist nicht zu sehen. Mit zusammengekniffenen Augen erkennt man ein bisschen Feuer, das aus den Düsen schießt. Dann sieht man die Ariane 6 durch die Wolkendecke brechen. Und weg ist sie.

Die Zuschauenden starren gen Himmel. Ein paar lachen auf, andere applaudieren kurz. „Wie jetzt? Das war’s?“, fragt Bernd, der Tourist aus Österreich. Er stemmt sich kopfschüttelnd von der Holzbank. „Cape Canaveral war viel geiler.“

Cover Fluter Weltraum – ein Sternenhimmel, darauf in dunkelgrauer Schrift die Worte "fluter" und "Weltraum"
Dieser Text ist aus dem fluter „Weltraum“.
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Titelbild: © CNES/ ESA/ Arianespace/ Optique Vidéo CSG/ JM Guillon, 2013