Portrait eines Mannes in Militärkleidung mit amputierten Beinen / Grab mit Georgisch und Ukrainischer Flagge

„Wir kämpfen für die Freiheit von zwei Staaten”

Seit Jahrzehnten stehen Georgien und die Ukraine vor derselben Herausforderung: Russlands Machtanspruch zu trotzen. In der Ukraine kämpfen georgische Freiwillige deshalb auch für die demokratische Zukunft ihres eigenen Landes

Text und Fotos: Sitara Celina Rajh
21. August 2025

Auf zwei metallischen Prothesen läuft Zurab Jibut wackelig auf die Tore eines Friedhofs zu. Bei der Sommeroffensive in Belgorod 2024 verlor der Georgier beide Beine. Sein Freund und Kamerad Nasirovi Nodari hatte noch weniger Glück, bei einem Einsatz im Frühling dieses Jahres verlor er sein Leben.

Beide kämpften in der Georgischen Fremdenlegion in der Ukraine. Hier, im Südwesten der Hauptstadt Kyjiw, im nassen Gras, liegt das frische Grab Nodaris. Es riecht nach Erde, Blumen und abgebrannten Kerzen. „Wir kämpfen für die Freiheit von zwei Staaten. Leider fordert dieser Kampf auch Opfer“, sagt Zurab Jibut. Das kleine Foto an dem hölzernen Grab zeigt einen Mann und Vater, der nur 27 Jahre alt wurde.

Zwei Männer in Militärkleidung stehen an einen frischen Grab

Trauer: Zurab Jibut und ein weiterer Kämpfer der „Georgischen Legion“ stehen am Grab von Nasirovi Nodari

In der „Georgischen Legion“ kämpfen nach eigenen Angaben über 500 georgische Soldaten, auch Belarussen und Tschetschenen haben sich ihr mittlerweile angeschlossen. Als Russland 2014 die Krim-Halbinsel überfiel, gründete sich die Legion zunächst als Freiwilligenbataillon. Zwei Jahre später integrierte das ukrainische Parlament sie in seine Streitkräfte. 

Zwischen der Ukraine und Georgien gibt es einige Parallelen. Allen voran, dass Russland ihre territoriale und nationale Souveränität nicht anerkennt. In Georgien eskalierte 2008 die Situation rund um die Region Südossetien. Genau wie Abchasien, eine weitere georgische Region, strebt Südossetien seit den 1990er-Jahren die Unabhängigkeit und eine Annäherung an Russland an. Der georgische Staat befürchtete eine Loslösung der Gebiete und entsandte im August 2008 das Militär. Russland griff an der Seite der Separatist*innen ein. 

Darüber, wie genau der Konflikt eskalierte, gibt es unterschiedliche Darstellungen. Laut georgischer Seite habe es bereits ein Vorrücken Russlands gegeben. Eine Untersuchungskommission der EU kam 2009 zu dem Ergebnis, dass es dafür keine Hinweise gegeben habe und dass Georgien als erste Partei angegriffen habe. Der Bericht kritisiert aber auch die „unverhältnismäßige“ Reaktion Russlands und benennt Völkerrechtsverstöße der russischen Seite. Laut Bericht habe Russland zudem den Konflikt bereits seit Jahren angefacht, um seinen Einfluss auszudehnen und eine Annäherung Georgiens an den Westen zu unterbinden. 

Innerhalb von fünf Tagen starben etwa 850 Menschen. Zwar wurde ein Waffenstillstand ausgehandelt, doch bis heute gilt der Konflikt als „eingefroren“. Russland erkennt beide Gebiete als eigenständige Staaten an. 

Nächtliche Proteste neben einer Stahlkonstruktion

Wut: Seit Anfang Dezember 2024 demonstrieren in Tiflis täglich tausende Menschen gegen das Ergebnis und eine mögliche Manipulation der Parlamentwahl in Georgien

In den vergangenen Jahren nimmt die georgische Regierung unter Führung der Partei „Georgischer Traum“ selbst russlandfreundliche Positionen ein, verabschiedet Gesetze, die ähnlich wie in Russland die Zivilbevölkerung einschränken, und wendet sich immer mehr dem Regime Putins zu. Bei den Parlamentswahlen im Oktober 2024 gewann die Partei „Georgischer Traum“ offiziell erneut, jedoch wurden die Wahlen von Manipulationsvorwürfen überschattet. In der Folge  gingen in der Hauptstadt Tiflis regelmäßig Tausende auf die Straße.

Die Zustimmung für einen EU-Beitritt des Landes liegt in der Bevölkerung bei 80 Prozent. Bei den Protesten kam es zu massiver Polizeigewalt gegen Demonstrierende und Journalist*innen. Die proeuropäische Bewegung sieht sich mit starken Repressionen konfrontiert. 

Auch Zurab Jibut reiste im Dezember 2024 nach Georgien, um an den Protesten gegen die mittlerweile russlandfreundliche Regierung teilzunehmen. Gerade wartet er darauf, dass sein Veteranenstatus anerkannt wird. Der Kampf sei für ihn damit aber nicht beendet. „Wir glauben, dass wir siegen werden, dass die Ukraine und Georgien beide souveräne demokratische Länder sein werden“, sagt Jibut.

Mamuka Mamulashvili in seinem Büro

Entschlossenheit: Mamuka Mamulashvili ist der Gründer und Kommandeur der „Georgischen Legion“ 

Auf einer Militärbasis in der Nähe von Kyjiw: Schummriges Licht fällt durch das Fenster des Arbeitszimmers. Mit ernstem Blick deutet ein Militärkommandant, Mitte 40, auf zahlreiche fein säuberlich aufgereihte Fotos. „Diese Männer sind mittlerweile alle tot“, sagt Mamuka Mamulashvili. 

Manche wollen ihn um jeden Preis loswerden. Andere sehen ihn als jahrelangen Verbündeten. Was Mamulashvili auf jeden Fall ist: ein Mann, der sein Leben dem Kampf gegen russische imperialistische Bestrebungen in der Region gewidmet hat. Schon mit 14 Jahren kämpfte er an der Seite seines Vaters, eines georgischen Militäroffiziers, im Abchasienkrieg. Danach im Kaukasuskrieg und in Tschetschenien. Und jetzt in der Ukraine. Er ist Gründer und Kommandeur der „Georgischen Legion“.

„Wir haben eine lange Geschichte der gegenseitigen Solidarität. Bereits 1990 sahen wir Georgier uns russischen Aggressionen ausgesetzt, und da habe ich zum ersten Mal verstanden, dass die Ukrainer unsere Freunde sind“, sagt Mamulashvili. Damals kämpfte Georgien wie auch die Ukraine nach dem Zerfall der Sowjetunion gegen russischen Einfluss und mit separatistischen Konflikten. Aus diesen gemeinsamen Erfahrungen wuchs ein stilles Bündnis – die Überzeugung, dass Moskaus Expansion nur gemeinsam zu stoppen ist.

Aktuell könne Mamulashvili nicht in seine Heimat Georgien zurückkehren. Denn unter der neuen prorussischen Regierung drohe ihm Verfolgung. Außerdem habe es bereits mehrere Attentatsversuche auf ihn gegeben. „Sie versuchen zu verhindern, dass Menschen die Ukraine unterstützen. Sie sagen, wir seien einfache Söldner“, sagt Mamulashvili – und meint damit den Vorwurf, dass sie nicht aus politischer Überzeugung, sondern nur gegen Bezahlung kämpfen würden. Zu Beginn des Angriffskrieges gab es zudem Vorwürfe gegen die Einheit: Unter Mamulashvilis Kommando soll es zu Misshandlungen und Exekutionen von russischen Kriegsgefangenen gekommen sein. Mamulashvili bestreitet das und spricht von russischer Propaganda. Unabhängige Beweise gibt es für diese Vorwürfe bisher nicht. 

Zwei Männer rennen durch eine Militärbasis im Wald

Einsatz: Das Training auf der Militärbasis der „Georgischen Legion“ geht weiter, ein Drill-Sergeant treibt die Männer an

Die Schreie des Drill-Sergeants hallen durch das kleine Waldstück. An diesem Tag im Mai wird auf der Militärbasis trainiert. Mamulashvili und seine Soldaten bereiten sich darauf vor, bald nach Sumy im Nordosten der Ukraine aufbrechen zu müssen. 

Und tatsächlich: Russische Truppen rückten Ende Juni 2025 immer weiter zur Stadt vor. Eine nächste große Feld- und Grabenschlacht im Ukrainekrieg zeichnet sich ab – aber für Mamulashvili sei Aufgeben keine Option. „Wenn die Ukraine diesen Krieg verliert, wird die ‚Georgische Legion‘ hier mit ihr sterben“, sagt er. Europa müsse bereit sein, zu kämpfen oder die Ukraine mit Waffen zu versorgen. Denn die Gefahr eines Angriffs bestehe, so der Kommandant. 

Die Schrecken des Krieges haben Mamulashvili und seine Soldaten gezeichnet. In seiner Heimat wird sein Engagement zunehmend kritisch gesehen – zuletzt verweigerte die georgische Regierung erstmals einem im Juni 2025 gefallenen Soldaten der Legion die militärischen Ehren. Auch die Überlebenden tragen die Folgen des Kampfes in der Ukraine: Zurab Jibut wird sein Leben lang auf Prothesen angewiesen sein, und auch mit den psychischen Folgen müssen die Soldaten zurechtkommen. Trotzdem hoffen sie weiter: auf ein Ende des Krieges. Und darauf, dass sich ihr Heimatland eines Tages Europa zuwendet. 

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Text im Nachhinein um den historischen Kontext des Südossetienskonflikts ergänzt. 

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