„Den Groypers ist der konservative Mainstream in den USA nicht rassistisch genug “
In den USA gewinnen rechtsextreme Gruppen immer mehr an Einfluss – so auch die Groypers und ihr Anführer Nick Fuentes. Die Sozialwissenschaftlerin Johanna Maj Schmidt erklärt, wie diese Online-Subkultur tickt
fluter.de: Frau Schmidt, können Sie uns einmal kurz erklären, wer die „Groypers“ überhaupt sind?
Johanna Maj Schmidt: Groypers ist der Name einer extrem rechten Online-Subkultur. Der Name leitet sich von einer Cartoonfigur, einem grünen Frosch, ab, die eine Abwandlung von „Pepe the Frog“ ist. Ihr Anführer ist der faschistische Streamer Nick Fuentes, der unter anderem die Holocaust-Opferzahlen bezweifelt und Hitler als „coolen Typen“ bezeichnet hat. Seine – vermutlich größtenteils männlichen – Anhänger treten einerseits als Online-Troll-Armee in Erscheinung, die Memes verbreitet. Andererseits tauchen sie aber auch auf Liveveranstaltungen auf, um dort provokante Fragen strategisch zu platzieren. Über die Anzahl der Groypers lässt sich übrigens nur spekulieren, weil die Beteiligten häufig anonym unterwegs sind und es sich um dezentrale, diffuse Netzwerke handelt.
Welche Ideologie vertreten die Groypers, und wie unterscheiden sie sich von anderen Rechts-außen-Gruppen?
Den Groypers ist der konservative Mainstream in den USA nicht rassistisch, antisemitisch, antifeministisch, queer- und transfeindlich genug. Außerdem stehen sie der frauenfeindlichen Incelbewegung nahe. Ihr Ziel ist es, die öffentliche Debatte noch weiter nach rechts zu verschieben. Um das zu erreichen, greifen sie andere rechte und konservative Influencer*innen und Politiker*innen in der Öffentlichkeit verbal an. Besonders bekannt geworden sind sie durch ihre Auftritte bei den Veranstaltungen des rechtskonservativen Aktivisten Charlie Kirk. Diese Aktion bezeichneten sie selbst als „Groyper War“.
Was ist dort passiert?
Charlie Kirk hat 2019 eine College-Tour durch die USA gemacht. „Culture War“ nannte der damals 26-Jährige die Vortragsreihe. Groypers sind gezielt auf diese Veranstaltungen gegangen und haben seine Positionen zur vermeintlich soften Immigrationspolitik der Konservativen und Israel infrage gestellt. Dieses Beispiel zeigt, dass die Groypers nicht nur in der digitalen, sondern auch in der analogen Welt aktiv werden.
Er ist so rechts, ihm ist selbst Donald Trump nicht radikal genug: Nick Fuentes, Anführer der Groypers
Am 10. September wurde Kirk während einer seiner Veranstaltungen Opfer eines Attentats. Manche vermuteten, der Mörder könnte eventuell ein Groyper gewesen sein.
Es ist noch nicht geklärt, ob der Attentäter wirklich Teil der Groyper-Bewegung war. Was man weiß, ist, dass auf den Patronen Referenzen zu Memes eingraviert waren. Der Stil der Tat erinnert an ein Muster, das mit dem rechtsterroristischen Anschlag im neuseeländischen Christchurch 2019 begonnen hat. Damals hatte der Täter seine Waffen selbst beschriftet und seine Fans in einem Manifest dazu aufgerufen, Memes zu erstellen und zu teilen. Ob der Mord an Kirk aber Ausdruck einer gefestigten politischen Haltung ist, lässt sich aktuell noch nicht sagen. Die Tat könnte auch von einer weitverbreiteten nihilistischen und zynischen Onlinekultur beeinflusst worden sein. Demnach könnte es dem Täter eher darum gegangen sein, mit der Gewalt Aufmerksamkeit zu erzeugen, gewissermaßen ein „Meme“ zu schaffen. Aber das ist noch nicht geklärt.
Kirk galt als ein enger Vertrauter Donald Trumps. Wie ist das Verhältnis der Groypers zu Trump und der Make-America-Great-Again-Bewegung?
Seit der „Unite the Right“-Demonstration 2017 in Charlottesville, bei der Anhänger der sogenannten Alt-Right, White Supremacists und Neonazis mit Fackeln durch die Straßen liefen, gibt es eine Spaltung innerhalb der Republikaner. Ein Teil der Konservativen hat sich von diesem radikalen und gewaltbereiten Teil der Alt-Right abgewendet. Der andere Teil glorifiziert das Event als den Beginn einer neuen Bewegung – so auch Nick Fuentes. Trump hat damals die gewaltbereiten Demonstranten in Schutz genommen, indem er sagte, es habe auf beiden Seiten „very fine people“ („sehr anständige Menschen“) gegeben. Ebenso hat sich Trump auch nie klar von Fuentes distanziert.
In welchem Verhältnis stehen Trump und Fuentes zueinander?
Im Wahlkampf 2016 hat Fuentes Trump noch unterstützt. 2024 wandte Fuentes sich aber von Trump ab, weil dieser ihm nicht radikal genug war. Kurz vor der letzten Präsidentschaftswahl rief er zu einem zweiten „Groyper War“ auf – mit dem Ziel, Druck auf Trump auszuüben und dessen Kampagne zu boykottieren. Überraschenderweise hat er Trumps Wahlsieg später trotzdem als Erfolg der Groypers gefeiert. Auch wenn er weiterhin eine noch härtere Migrationspolitik fordert, sieht Fuentes die Verschärfungen unter Trump als Teilerfolg seiner Bewegung.
„Über Memes wird das Gefühl geschaffen, Teil einer Ingroup zu sein. Damit kann auch eine narzisstische Aufwertung einhergehen, weil man sich anderen überlegen fühlt“
Welchen Zweck haben Memes und Insidersprache für die Groypers-Bewegung?
Über sie wird das Gefühl geschaffen, Teil einer Ingroup zu sein. Wer dazugehört, versteht die Anspielungen und Witze. Damit kann auch eine narzisstische Aufwertung einhergehen, weil man sich anderen überlegen fühlt. Zugleich schafft der ironische Zugang einen gewissen Abstand zu der Gewalt, die sich in den Memes ausdrückt. So kann man sich immer wieder der Kritik entziehen und sagen: „War ja nur ein Witz!“ Wobei diese Strategie inzwischen auch von vielen Menschen erkannt und durchschaut wurde. Trotzdem bleibt eine gewisse Ambivalenz, die es teilweise schwierig macht, Aussagen zu deuten oder einzuschätzen, wie ernst sie gemeint sind.
Welche Rolle spielen Gaming und Channels wie Discord?
Eine sehr große Rolle. Als Vorläufer des „Memetic Warfare“ der Alt-Right, also der organisierten Herstellung und Verbreitung von rechten und rassistischen Memes für politische Zwecke, gilt das sogenannte „GamerGate“. Das war eine antifeministische Kampagne, die gegen Frauen in der Gaming-Industrie gerichtet war. Die Bewegung entwickelte sich schnell zu einer breit angelegten Kampagne aus antifeministischer Hetze und Bedrohungen, die darauf abzielte, Frauen und feministische Verbündete in der Gaming-Community einzuschüchtern. Im Vorfeld der Trump-Wahlen 2016 wurde diese Strategie dann ausgeweitet. Man hat gemerkt, dass man über Gaming-Plattformen junge Menschen mobilisieren und politisieren kann.
Wie einflussreich ist die Bewegung in Europa und Deutschland?
Mir ist nicht bekannt, dass es Groypers in dieser Form in Europa gibt. Die breitere rechte Onlinekultur, zu der sie gehören, spielt aber auch in Deutschland eine große Rolle. Bewegungen wie die Groypers haben dabei eine Vorbildfunktion: Ihre Strategien und Ästhetiken werden kopiert. Das Konzept von „Memetic Warfare“ wurde auch in Deutschland angewendet. Beispielsweise haben rechte Onlineaktivist*innen vor den Bundestagswahlen 2017 dazu aufgerufen, massenhaft Memes in Umlauf zu bringen, um Wähler*innen von der AfD zu überzeugen. Seitdem hat der Einsatz von Memes und digitalen Strategien im Wahlkampf – übrigens auch durch andere Parteien – deutlich zugenommen.
Johanna Maj Schmidt ist Sozialwissenschaftlerin und Medienkünstlerin. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Else-Frenkel-Brunswik-Institut der Universität Leipzig für Demokratieforschung in Sachsen und ist Teil des Wissensnetzwerks Rechtsextremismusforschung. In ihrer Dissertation forscht sie zum Heroischen in extrem rechten Memes.
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Fotos: Mark Peterson/Redux/laif