„Der Zugang zur rechtsextremen Szene ist durch soziale Medien niedrigschwelliger geworden“
Rechtsextreme Gewalt durch Jugendliche nimmt zu. Auch rechtsextreme Jugendgruppen finden mehr Anhänger. Kommen die Baseballschlägerjahre zurück? Fragen an Matthias Müller von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin
fluter.de: Herr Müller, was bringt 14-Jährige dazu, sich einer rechtsextremen Gruppe anzuschließen?
Matthias Müller: Rechtsextreme Jugendgruppen bedienen häufig ein jugendliches Bedürfnis nach Gemeinschaftsgefühl und Gruppenidentität, aber auch nach risikoreichen Erlebnissen sowie Grenzerfahrungen. Zugleich sind die heutigen Jugendlichen stark von Krisen geprägt worden. Rechtsextreme haben auf dadurch entstehende Unsicherheiten einfache Erklärungen und bieten klare Feindbilder und Geschlechterrollen an. Das spricht manche an. Erschreckend ist, dass wir inzwischen sogar Kinder im Grundschulalter haben, die mit rechtsextremen Äußerungen und Handlungen auffallen. Teilweise, aber nicht nur, haben wir es dabei mit Kindern zu tun, die bereits aus rechtsextremen Familien kommen.
Eine dieser Krisen war die Coronapandemie, in der Kinder und Jugendliche mitunter monatelang isoliert waren. Welchen Einfluss hatte das auf den Radikalisierungsprozess?
In der Coronazeit wurde noch mehr im Internet und sozialen Medien kommuniziert. Gerade hier verbreiteten sich Verschwörungserzählungen zur Pandemie. Wurden diese in Familien und digitalen Räumen geteilt, war das mitunter förderlich für die Übernahme von rechtsextremen Positionen. Rechtsextreme Gruppen haben unter anderem Outdoor-Aktivitäten wie Wanderungen angeboten. So konnten sie mancherorts Leerstellen, die während der Lockdowns in Vereinen oder Schulen entstanden sind, füllen und für ihre Rekrutierungen nutzen.
„Der Zugang hat sich im Vergleich zur Hochzeit der jungen Neonazi-Szene in den 1990er-Jahren verändert. Damals kamen junge Menschen über Freundeskreise in die Szene. Heute politisieren sich viele ohne diesen persönlichen Zugang“
Thüringens Verfassungsschutzpräsident Stephan Kramer nennt das, was wir gerade erleben, eine „Turbo-Radikalisierung“. Wie lässt sich diese erklären?
Der Zugang zum Rechtsextremismus hat sich im Vergleich zur Hochzeit der jungen Neonazi-Szene in den 1990er-Jahren verändert. Damals kamen junge Menschen über Freundeskreise in die Szene. Heute politisieren sich viele ohne diesen persönlichen Zugang. Die politische Sozialisation und die Radikalisierung geschehen zunehmend in digitalen Räumen wie Instagram, Telegram, Discord oder auf Gaming-Plattformen. Rechtsextreme Jugendgruppen laden zum Beispiel via Instagram zu Kennlerntreffen ein. Interessierten wird dann per Direktnachricht der Ort mitgeteilt. Junge Menschen stoßen mitunter im Internet auf rechtsextreme Propaganda, durch die sie auf weitere Webseiten oder in Foren gelangen. Dort werden sie wiederum von schon Radikalisierten angesprochen und rekrutiert.
Also wäre die Radikalisierung ohne soziale Medien gar nicht möglich?
Der Zugang zur Szene ist durch soziale Medien niedrigschwelliger geworden. So können sich junge Menschen mit Gleichgesinnten austauschen, ohne dass es in ihrer Gegend rechtsextreme Strukturen geben muss. Viele junge Menschen betrachten diese digitalen Räume inzwischen als gleichwertig zur Face-to-Face-Kommunikation. Insgesamt beobachten wir, dass Online-Radikalisierungen bei jungen Rechtsextremen zunehmen – obwohl die meisten sich weiterhin in analogen rechtsextremen Gruppen und Netzwerken radikalisieren. Um diese Entwicklung abzuschwächen, müsste man verstärkt auf die großen Firmen hinter den Plattformen einwirken, dass diese ihrer Verantwortung gerecht werden und rechtsextremen Content konsequent aus dem Netz nehmen.
In Deutschland gibt es inzwischen zahlreiche rechtsextreme Jugendgruppen, beispielsweise die „Letzte Verteidigungswelle“ oder die „Jägertruppe“. Haben sie alle das gleiche Ziel?
Heute zielen meines Erachtens die meisten Aktionen gegen queere Menschen, zum Beispiel bei CSDs. Queere Identitäten werden aggressiv abgewertet und angegriffen. Zugleich werden antifaschistisch Engagierte sowie Personen aus rassistischen Gründen attackiert, was sich zum Beispiel an den Anschlagszielen der „Letzten Verteidigungswelle“ zeigt.
Manche fürchten, die sogenannten „Baseballschlägerjahre“ der 1990er könnten zurückkehren, eine Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung, in der Rechtsextreme über Jahre Menschen angriffen. Wie sehen Sie das?
Die Zunahme an Gewalttaten und Aufmärschen ist eine Parallele, die ich zu den 1990er-Jahren auf jeden Fall sehe. Aufgrund von Beratungsanfragen wissen wir aber, dass sich die Jugendarbeit aktiv damit beschäftigt, und auch die Sicherheitsbehörden haben dazugelernt. Es gibt zum Beispiel eher Hausdurchsuchungen oder Festnahmen, wie im Frühjahr gegen die „Letzte Verteidigungswelle“. Diesen staatlichen Repressionsdruck gab es in den 1990er-Jahren nicht. Zudem haben wir an vielen Orten eine viel kritischere Zivilgesellschaft, sodass Protest und Widerstand nicht nur von Antifa-Gruppen kommen. Dadurch haben es rechtsextreme Gruppen vor allem in urbanen Räumen schwerer.
Im Jahr 2024 zählten Sicherheitsbehörden insgesamt 1.488 rechtsmotivierte Gewaltdelikte in Deutschland, 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Unter den Opfern waren auch 134 Jugendliche
In letzter Zeit waren Angriffe von rechtsextremen Jugendgruppen öffentlich präsent, etwa auf ein Kulturhaus in Brandenburg. Wie groß ist die Gefahr, die derzeit von diesen Gruppen ausgeht?
Sie ist größer geworden. Das kann man daran ablesen, dass rechtsextreme Straf- und Gewalttaten zugenommen haben. Das Gefährliche an der rechtsextremen Ideologie liegt darin, dass Gewalt befürwortet wird, um menschenverachtende Ziele durchzusetzen.
Hinter Angriffen stecken fast immer junge Männer. Wie aktiv sind rechtsextreme junge Frauen?
Tatsächlich ist der Frauenanteil in rechtsextremen Jugendgruppen deutlich größer als in etablierten rechtsextremen Gruppen. Junge Mädchen und Frauen spielen eine aktive Rolle bei Demos oder in der Kommunikation auf Social Media. Rechtssein und Frausein wird dort als hip, modern und trendy inszeniert, zum Beispiel, indem traditionelle Geschlechterrollen wie die „Tradwife“ favorisiert werden, die zwar nicht per se rechtsextrem ist, im Milieu aber gut ankommt. Auf Einzelne wirkt das attraktiv.
Wie groß ist die Gefahr, dass radikalisierte Jugendliche als Erwachsene ein rechtsextremes Gedankengut weitergeben?
Jugendliche haben meistens kein geschlossenes rechtsextremes Weltbild. Viele bleiben nicht lange in der Szene. Jedoch vertreten sie weiterhin antisemitische und rassistische Positionen. Wichtig wäre, dass wir in der Jugend- und Sozialarbeit, aber auch in Schulen jungen Menschen eine Perspektive bieten, die außerhalb des Rechtsextremismus liegt.
Wie kann das gelingen?
Rechtsextreme Vorfälle und Verhaltensweisen, zum Beispiel an Schulen, sollten konsequent dokumentiert und im Zweifel auch sanktioniert werden. Grenzen zu setzen, ist wichtig, auch um die Kinder und Jugendlichen zu schützen, die angefeindet werden. In der pädagogischen Arbeit mit jungen Menschen sollten diese Lern- und Bildungserfahrungen machen, die ihnen zeigen, dass die Unterschiedlichkeit von Menschen etwas Positives ist und dass es sich lohnt, solidarisch miteinander umzugehen. Gleichzeitig müssen diese Jugendlichen lernen, ihre Vorurteile zu benennen und zu reflektieren. Was uns Mut machen sollte: Die Mehrheit der Menschen in Deutschland, auch der jungen Menschen, ist demokratisch eingestellt.
Matthias Müller ist studierter Sozialpädagoge und arbeitet seit 2007 bei der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin. Er berät und schult unter anderem zu den Schwerpunkten Rechtsextremismus, Rechtspopulismus, Rassismus, Antisemitismus und Verschwörungsideologien.
Foto: MBR Berlin
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Titelbild: Sophie Leitgöb