Radar

Suchen Newsletter ABO Mediathek

Odyssee in Marzahn-Hellersdorf

„Boyhood“ trifft Sozialrealismus: Das dokumentarische Langzeitprojekt „Kalle Kosmonaut“, das gerade auf der Berlinale läuft, erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte über das Leben in einem Berliner Plattenbaubezirk

Kalle Kosmonaut

Ein junger Mann steht auf einer überwachsenen Brachfläche und isst Sonnenblumenkerne. Er hat kurze Haare, einen skeptischen Blick, trägt eine dicke Silberkette und einen roten Hoodie mit der Aufschrift „F#CK ALL“. „Ich hab so Angst, ja, wie’s mit mir weitergeht, was jetzt passiert“, sagt er an die Filmemacher*innen gewandt. Kalle, der eigentlich Pascal heißt, ist zu diesem Zeitpunkt gerade 16 und wird bald für zwei Jahre und drei Monate ins Gefängnis gehen wegen Körperverletzung und anderer Delikte. Im Hintergrund stehen mit Sonnenblumen bemalte Hochhäuser, als könnte die bunte Fassade über die triste Architektur hinwegtäuschen. Seit sechs Jahren begleiten die Filmemacher*innen Tine Kugler und Günther Kurth Kalle zu diesem Zeitpunkt schon. Sie kennen ihn seit 2011, seit er zehn war, und werden ihn regelmäßig treffen bis zu seinem 20. Lebensjahr. 

„Außenseiter“ und „Straßenjunge“ nennt Kalle sich selbst

Kalle wächst an der Allee der Kosmonauten auf, einer Hauptverkehrsstraße im Ost-Berliner Stadtteil Marzahn-Hellersdorf. So benannt wurde die Straße als Erinnerung an Sigmund Jähn, DDR-Bürger und der erste Deutsche im Weltraum. Kalle ist auch irgendwie ein Kosmonaut. „Außenseiter“ und „Straßenjunge“ nennt er sich selbst schon als Kind und sagt, dass er sich irgendwie anders fühlt. Sehr reflektiert spricht er in Interviews darüber, dass er seinen Vater vermisst, der die Familie verlassen hat, und kein „Ghetto-Kind“ werden möchte, das Mist baut, Alkohol trinkt und Drogen nimmt.

Zunächst sieht es auch nicht danach aus. Der Film begleitet Kalle beim fröhlichen „UNO“-Spielen mit der Mutter, bei Breakdance-Übungen mit der Clique, bei Spaziergängen mit seiner Freundin und zur eigenen Jugendweihe-Feier. Doch irgendwann scheint sich etwas zu verändern. Animierte Traumsequenzen visualisieren Kalles innere Zerrissenheit und zeigen Momente, bei denen die Kamera nicht dabei war – wie auch bei den Ereignissen der Nacht, in der Kalle erst Drogen genommen und dann auf einem Bahnsteig einen fremden Mann verletzt hat – wie genau, wird nur vage angedeutet.

Kalle Kosmonaut
Ziemlich düster: Animierte Traumsequenzen zeigen in „Kalle Kosmonaut“ Momente, in denen die Kamera nicht dabei war

Wenn Kalle als Junge von einer besseren Zukunft träumt oder als Teenager seine Taten bereut, liegt es nahe, Mitgefühl zu empfinden. Mitunter überschreitet „Kalle Kosmonaut“ jedoch die Grenze zu einem bemitleidenden Blick. Ohne dass es notwendig wäre, werden eine Polizistin und ein Sozialarbeiter eingeführt, die bekräftigen, wie schwer es Kinder in Kalles Kiez haben und wie sehr sie sich ein besseres Leben für Kalle wünschen. Der Film läuft hier Gefahr, auch die Zuschauenden in die Rolle von Mitleidstourist*innen zu drängen, die einen kurzen Einblick in das Leben einer „Unterschichtsfamilie“ erhalten.

Gleichzeitig versuchen die Filmemacher*innen, die Herzlichkeit und den meist liebevollen Umgang innerhalb Kalles Familie in den Fokus zu rücken. Dabei inszenieren sie die Familienmitglieder und deren Schicksale – Oma eine trockene Alkoholikerin, Opa ein Wendeverlierer, die Mutter alleinerziehend und ihr neuer Partner ein ehemaliger Häftling – etwas zu nah an Stereotypen, um ihnen wirklich nahekommen zu können. Mit Klaviermusik untermalte Szenen und Rückblenden in Schwarz-Weiß erzeugen zusätzlich eine dramatische Künstlichkeit. 

In der Rapmusik findet Kalle einen Weg, sich auszudrücken

Interessant wird es besonders dann, wenn die Filmemacher*innen ihre Betroffenheit zurückstellen und Kalle den Raum lassen, sich selbst mit allen widersprüchlichen Facetten zu zeigen. Zum Beispiel nach dem Absitzen seiner Haftstrafe: Im Gefängnis haben sich Kalles Aussehen und seine Sprache verändert. Die Haare kurz rasiert, den Blick verhärtet, die Sätze von Slang durchsetzt, erzählt Kalle davon, wie sehr ihn das Gefühl des Eingesperrtseins psychisch belastet hat. Er leidet unter Albträumen, fühlt sich erdrückt von finanziellen Sorgen und sehnt sich raus aus Berlin.

In der Rapmusik findet er einen Weg, sich auszudrücken. Wenn er seine Songs performt und dabei direkt in die Kamera blickt, scheint es endlich so, als begegne er den Zuschauenden auf Augenhöhe. Kalle ist da knapp 20, noch immer unzufrieden und oft überfordert. Aber er ist auch ein selbstbewusster junger Mann und Familienvater, der beginnt, sich von der Geschichte zu emanzipieren, die der Film über ihn und sein Leben erzählt. 

„Kalle Kosmonaut“ läuft am 12., 13., 17. und 19. Februar auf der Berlinale. 

Titelbild: Günther Kurth

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.