Ein Mann liegt in Badehose auf den Fussboden eines kargen Zimmers und starrt auf ein Poster vom Strand

Kein Money für Malle

Reif für die Insel, aber kein Geld – Urlaub ist teuer und für viele ein Luxus. Etwa jede fünfte Person in Deutschland kann sich nicht einmal einen einwöchigen Urlaub im Jahr leisten. Sylvia und Kai erzählen, wie es ist, wenn man zu Hause bleiben muss, und wie sie ihre Sommerferien stattdessen verbringen

Protokolle: Kristina Ratsch
27. August 2025

Meine Mama sagt jeden Sommer wieder: Dieses Jahr klappt es! Aber es klappt nie. 

Das Gute ist, dass wir unsere Großeltern haben, die laden uns manchmal auf Tagesausflüge ein. Wir waren zum Beispiel am Bodensee oder in der Umgebung im Schwarzwald unterwegs, einmal sind wir sogar über die Grenze bis nach Frankreich gefahren. Doch meine Oma wurde jetzt an der Hüfte operiert, das heißt, auch das geht nicht mehr. 

Viele von meinen Freundinnen fahren regelmäßig weg, auf Jugendreisen nach Lloret de Mar oder mit der Familie nach Italien oder Mallorca. Sie reden viel darüber – aber es fand noch nie jemand schlimm, dass das bei mir nicht geht. Manchmal bin ich ein bisschen neidisch und sehne mich danach, auch solche Erfahrungen zu machen. Ich würde auch gerne mal eine andere Kultur kennenlernen oder im Ausland eine andere Sprache sprechen. Ich bin sehr neugierig, will alles mal ausprobieren. Fremdes Essen – wie Spaghetti oder Pizza – gibt es ja auch hier, aber ich glaube, es schmeckt schon anders, wenn man es in dem Land isst, wo es herkommt. 

Für die Ferien zu Hause nehme ich mir immer viel vor: Ich habe mitten im Sommer Geburtstag und feiere auf dem Grillplatz. Der gehört der Stadt, und man kann ihn umsonst reservieren, da treffen wir uns mit Snacks und Getränken. Außerdem bin ich Mitarbeiterin bei der Daxsburg, einer Kinder- und Jugendfreizeit, die das Jugendhaus unserer Stadt jährlich organisiert. Früher war ich dort selbst als Teilnehmerin. Ich flechte Haare, helfe beim Schminken, denke mir Spiele oder einen Parcours aus. Man verdient auch Geld, zwar nicht viel, aber es ist ein gutes Gefühl, für die nächsten vier Wochen zumindest ein bisschen was in der Tasche zu haben.
Abends, wenn die Kinder und Jugendlichen nach Hause gehen, essen wir dann manchmal noch mit den anderen Betreuerinnen und Betreuern zusammen oder chillen draußen auf einer Bank im Park.

Neben der Daxsburg gibt es in Nagold noch ein paar andere coole Angebote, um schöne Sommerferien zu verbringen, auch wenn man nicht wegfährt: Wir haben ein großes Freibad, und für Schülerinnen und Schüler gibt es einen Rabatt, der Eintritt kostet dann drei Euro. Außerdem habe ich gerade mit dem Jugendgemeinderat, in dem ich Mitglied bin, einen Pumptrack in der Stadt eröffnet – eine künstlich angelegte Mountainbike-Strecke mit Sprüngen und Bodenwellen. Gestern war es richtig voll dort! 

Irgendwann würde ich trotzdem gerne mal verreisen. Vielleicht schaffe ich es nach dem Abitur, meinen Vater in den USA zu besuchen. Oder ich fliege nach Japan oder Südkorea, mich fasziniert die Kultur dort!

Sylvia, 16 Jahre alt, aus Nagold, Baden-Württemberg

 

 

Portrait von Sylvia
Portrait von Kai

Eindrücklich in Erinnerung geblieben sind mir diese typischen Runden nach den Ferien: Erste Unterrichtsstunden, alle reden darüber, in welchen fernen Ländern sie den Sommerurlaub verbracht haben. So eine Klassendynamik gibt es nicht her zu sagen: Wir sind nicht in den Urlaub gefahren, wir können uns das nicht leisten. Das ist sehr schambehaftet. 

Ich bin in Heiligenstadt in Thüringen aufgewachsen. Meine Mutter ist gelernte Krankenschwester, konnte in dem Beruf aber nicht arbeiten. Wir haben von ihren Gelegenheitsjobs gelebt. Mit 14 oder 15 war mir klar: In den Sommerferien hast du Zeit, da muss Geld reinkommen. Es war ein gutes Gefühl, wenn man nach sechs Wochen Durchackern am Ende einen vierstelligen Betrag auf dem Konto hatte. Ich habe schon alles gemacht: im Eiscafé gekellnert, in einer Fleischfabrik gearbeitet, in einer Pulverbeschichtungsfabrik, dann in der Pizzeria. Das habe ich dann auch während der Schulzeit an den Wochenenden weitergemacht. 

Klar, kann man auch zu Hause einen guten Sommer haben, aber auch ein Freibad kostet Geld! Der Eintritt geht noch, aber dann die Freibad-Pommes dazu, oder Eis – das kannst du dann auch nicht jeden Tag machen. Ich war zum Glück nicht der Einzige in meinem Freundeskreis, dessen Familie sich keinen Urlaub leisten konnte. Wir haben uns immer aufs Fahrrad gesetzt, Proviant von zu Hause eingesteckt und sind stundenlang in der Gegend herumgefahren. Das war kostenlos. 

Dieses Gefälle der sozialen Gerechtigkeit am eigenen Leib zu erfahren, hat mich politisiert. In Heiligenstadt bin ich Vorsitzender des Sozialausschusses. Es ist schwer, mit wenigen Haushaltsmitteln soziale Politik in der Kommune zu machen, aber ich gebe mein Bestes, dass die Zuwendungen der Stadt an freie Wohlfahrtsträger gehen für Jugendfreizeiten oder Camps. Es wäre schon cooler gewesen, in einem reichen Elternhaus aufzuwachsen, aber ich bin auch ein bisschen stolz, dass ich auf dem Auge nicht so blind bin und mich für andere einsetzen kann, weil ich weiß, wie das ist. Ich habe auch verstanden, dass man darüber reden muss und sich nicht schämen darf – man ist ja nicht selbstverschuldet arm, sondern durch äußere, gesellschaftliche Umstände. 

Mittlerweile studiere ich Politik- und Volkswirtschaftslehre in Jena. Letztes Jahr war ich zum ersten Mal in meinem Leben im Urlaub und bin da auch das erste Mal geflogen. Eine Woche all inclusive in Ägypten, in der Bettenburg. Die Freundinnen und Freunde, mit denen ich unterwegs war, sind ganz anders aufgewachsen – und hatten richtig viel daran auszusetzen. Ich habe einfach nur gedacht: Junge, ist Urlaub krass! 

Kai, 22 Jahre alt, aus Heiligenstadt, Thüringen

 

 

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Titelbild: Max Siedentopf / Portraits: privat