Ein Standbild aus dem Film, das zeigt, wie die Filmemacher den Teilnehmern helfen, ihre Erfahrungen  im Greenscreen  nachzustellen.

„Wie sollten wir den Krieg zeigen, ohne vor Ort zu sein?“

„Khartoum“ sollte ein Dokumentarfilm über fünf Menschen nach der Revolution im Sudan werden. Dann brach der Krieg aus. Zeit also, den Film aufzugeben? Von wegen!

Von Paulina Albert
8. August 2025

Eigentlich war 2022 Folgendes geplant: Vier Filmemacher drehen einen Film über Menschen aus Khartum, der Hauptstadt des Sudans. Einen Film über ihr Leben, ihre Stadt, ihre Träume, nachdem sich der Sudan von einer 30-jährigen Diktatur befreit hat

Ein Film über Lokain und Wilson, zwei Jungs, die mit Plastiksammeln ihr Geld verdienten. Über Khadmallah, eine Teeverkäuferin, an deren Stand sich Menschen trafen, um über ihren Alltag, die Revolution und Politik zu sprechen. Ein Film über Majdi, einen Beamten mit einer Leidenschaft für Taubenrennen. Und über Jawad, einen Aktivisten, der während der Proteste mit seinem Motorrad Verletzte ins Krankenhaus transportierte.

Lokain und Wilson

Im Sudan haben Lokain und Wilson Geld mit Plastiksammeln verdient

Der Film war fast fertig. Dann brach 2023 im Sudan ein Krieg aus, der bis heute mindestens zwölf Millionen Menschen in die Flucht trieb. Auf Jawads Handy kamen etliche Nachrichten an:

Sind die Brücken sicher?

Die Armee bombardiert unsere Nachbarschaft!!

Der Flughafen wurde getroffen

Anscheinend passiert es im ganzen Land

Leute, verlässt jemand Khartum und hat Platz für 2?

Wir sind auf der Flucht

Gott sei uns gnädig

Geht nach Ägypten

Es wird immer schlimmer hier

„Alle waren verstreut und hatten Angst um ihr Leben“, sagt Giovanna Stopponi. Gemeinsam mit ihren Kollegen Phil Cox und Talal Afifi hat sie das Filmprojekt entwickelt und produziert. Als der Krieg ausbrach, versuchten sie, die Filmemacher im Sudan zu erreichen, auch um ihnen bei der Flucht zu helfen. Das Internet funktionierte kaum noch, und im Krieg waren Handys verloren gegangen. Doch ihre Nachricht fand einen Weg.

Auf verschiedenen Routen – zu Fuß, mit dem Bus und schließlich mit dem Flugzeug – gelangten die vier Filmemacher aus dem Sudan nach Nairobi. Cox und Stopponi schickten ihre Nachricht auch an die fünf Menschen, über die der Film gedreht wurde. Diese waren im Land verstreut und versuchten ebenfalls, der Gewalt zu entkommen. Das restliche Filmbudget rettete ihnen praktisch das Leben – es finanzierte Fluchtrouten und sichere Unterkünfte in Kenia.

Wie ist die Lage im Sudan?

Seit April 2023 herrscht im Sudan Krieg zwischen der sudanesischen Armee (SAF) unter Abdel Fattah al-Burhan und der Rebellenmiliz Rapid Support Forces (RSF), die von Mohamed Hamdan Daglo angeführt wird.

In der Übergangsregierung, die nach dem Putsch gegen Diktator Al-Baschir 2019 eingesetzt wurde, besetzten beide Generäle wichtige Posten. Al-Burhan wurde de facto zum Staatsoberhaupt, Daglo sein Vize.

2021 kam es erneut zu einem Militärputsch, die Übergangsregierung wurde aufgelöst. Der Machtkampf der beiden Generäle eskalierte schließlich am 15. April 2023 mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs durch Kämpfe zwischen der SAF und den RSF in Khartum.

Seitdem kam es zu ethnisch motivierten Massenhinrichtungen, zivile Infrastruktur wurde im ganzen Land zerstört, und sexualisierte Gewalt wird systematisch als Kriegswaffe eingesetzt. Beiden Seiten werden schwerste Kriegsverbrechen vorgeworfen. 

Hilfsorganisationen haben das Land mittlerweile verlassen, Krankheiten wie Cholera breiten sich aus, und über die Hälfte der Bevölkerung ist von Hunger betroffen. Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate oder Ägypten befeuern den Krieg weiter durch Waffenlieferungen.

Schätzungen zufolge wurden seit Kriegsbeginn zwischen 26.000 und 150.000 Menschen getötet. Laut UNHCR wurden mehr als acht Millionen Menschen innerhalb des Landes vertrieben. Etwa 3,4 Millionen sind in Nachbarländer geflüchtet.

 

Protagonistin Khadmallah und Tochter unter einem Baum in einer animierten Traumsequenz

Protagonistin Khadmallah und ihre Tochter in einer animierten Traumsequenz unter einem Baum 

Im September 2023 kamen alle in Nairobi zusammen. Sie zogen in einen Gebäudekomplex. Stopponi erinnert sich an gemeinsame Abendessen und wie die Kinder durch das Treppenhaus rannten. Die Geflüchteten bekamen psychologische Hilfe und tauschten sich über ihre Erfahrungen aus. 

Im Oktober war klar: Sie wollen den Film weiterdrehen, um auf die Lage im Sudan aufmerksam zu machen und zu dokumentieren, was ihnen passiert ist. Aber auch, um die Erinnerung an den Sudan vor dem Krieg zu bewahren. Khartum ist eine zerstörte Stadt, sagt Giovanna Stopponi – Archive, Museen, Gebäude sind für immer verloren.

„Die Herausforderung für uns war, ihre Erlebnisse und ihre Geschichten zu erzählen, ohne Filmmaterial von ihrer Flucht oder den letzten Wochen im Sudan zu haben. Wie sollten wir diese völlig neue Realität des Kriegs zeigen, ohne vor Ort zu sein?“, sagt Stopponi. Phil Cox sei dann auf die Idee gekommen, die Erlebnisse mithilfe eines Greenscreens nachzuerzählen. Die fünf spielten ihre Erfahrungen nach. 

Das Kreativteam - Redakteure, Produzenten und Regisseure von KHARTOUM. Yousef Jubah, Ibrahim Snoopy, Phil Cox, Giovanna Stopponi, Rawia Alhag, Timeea Mohamed

Das Kreativteam von „Khartoum“: Yousef Jubah, Ibrahim Snoopy, Phil Cox, Giovanna Stopponi, Rawia Alhag und Timeea Mohamed

„Am Ende haben wir gemerkt, dass die ProtagonistInnen den Krieg in sich tragen – und dass man ihn durch kreative Zusammenarbeit besser erfahrbar machen kann, als wenn wir vor Ort gedreht hätten“, sagt Stopponi. Die Szenen zeigen, was in Lokain und Wilson vorging, als sie das erste Mal Soldaten der Rebellenmiliz Rapid Support Forces (RSF) mit Maschinengewehren sahen. Was Khadmallah dachte, als ein Soldat vor ihrem Teestand willkürlich einen tauben Mann erschoss, und wie es sich für sie anfühlte, mit ihrer Tochter nachts wach zu liegen, während draußen die Schüsse fielen. Sie zeigen, wie es sich für Majdi anfühlte, seinen Sohn zu verabschieden, der ohne ihn in ein anderes Land floh. Und für Jawad, als seine Eltern ihm schrieben, dass in ihrem Viertel Bomben fielen. 

Eine Szene im Film zeigt die fünf, wie sie zusammen an einer Fensterfront in dem Haus in Nairobi sitzen. Die Wände sind blau, von draußen scheint die Sonne in den Raum. Die Kinder fragen: „Warum haben die Erwachsenen dieses ganze Chaos angerichtet?“ Majdi antwortet: „Weil sich zwei Militäroffiziere uneinig waren. Beide wollten die absolute Macht.“ Jawad unterbricht ihn. Politisch sind sich die fünf nicht immer einig, Majdi war Beamter, Jawad Revolutionär. Giovanna Stopponi sagt, in keiner anderen Situation wären sie sich so nahe gekommen: „Khartum ist groß, und die sozialen Schichten sind unterschiedlich und geografisch voneinander getrennt. Kinder wie Lokain und Wilson, die mit einem Eselskarren Plastik von der Straße sammelten, würden niemals mit einem wohlhabenden Beamten wie Majdi in Kontakt kommen – das wäre ein Tabubruch. Aber durch die Umstände und den Entschluss, sich gegenseitig zu helfen, wurden sie eine Familie.“

Khadmallah lebt heute mit ihrer Tochter in Nairobi. Sie hat ihr Teegeschäft wieder aufgebaut. Majdi ist zu seinem Sohn nach Ägypten geflohen. Jawad hat in Kairo einen Imbiss aufgemacht. Lokain und Wilson leben in Kenia und gehen dort zur Schule, ihre Familien sind in Khartum geblieben.

Der Film „Khartoum“ feierte in diesem Jahr seine Weltpremiere auf dem Sundance Film Festival und Europapremiere auf der Berlinale. Der Krieg im Sudan geht weiter. 

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

Fotos: Native Voice Films