Filmszene aus "Im Schatten des Orangenbaums": Ein Mann steht vor einem geöffneten Tor in einer hohen Gartenmauer, dahinter ein Haus und üppige Orangenbäum

Drei Generationen, eine Geschichte

Das Schicksal einer palästinensischen Familie steht im Mittelpunkt des Kinofilms „Im Schatten des Orangenbaums“. Regisseurin Cherien Dabis erzählt von Traumata, dem Verlust von Heimat und unerschütterlicher Hoffnung

Von Juraj Jordan
Thema: Kultur
21. November 2025

Worum geht’s? 

Um die Geschichte einer palästinensischen Familie im Westjordanland, die sich über drei Generationen entfaltet und eng mit den politischen Entwicklungen in der Region verknüpft ist. Ausgangspunkt der Erzählung ist das Jahr 1988 und der Moment, als der jugendliche Noor bei einer Demonstration schwer verletzt wird. Das nimmt Noors Mutter Hanan zum Anlass, die eigene Familiengeschichte offenzulegen. Sie beginnt mit einer Rückblende in das Jahr 1948, als Noors Großvater Sharif trotz anrückender zionistischer Militärverbände in der Stadt Jaffa bleibt, um Besitz und Heimat zu bewahren – allerdings vergeblich. Der Verlust von beidem zerreißt Sharif und lässt seine Kinder und Enkel nach ihrer Flucht ins Westjordanland entwurzelt aufwachsen. Erst eine außergewöhnliche Entscheidung von Hanan und ihrem Ehemann Salim eröffnet der Familie schließlich eine neue Perspektive auf Zukunft und einen Hauch von Versöhnung.

Worum geht es eigentlich?

Es geht um Schmerz, Verlust und die Frage, wie Familien mit den Traumata umgehen, die ihnen von einer Generation an die nächste auferlegt werden. Es geht um eine unerschütterliche Hoffnung – auf Gerechtigkeit, auf die Rückkehr in eine verlorene Heimat, auf ein selbstbestimmtes Leben in Würde und auf Frieden. Cherien Dabis, US-amerikanisch-palästinensische Regisseurin und Autorin von „Im Schatten des Orangenbaums“, ließ sich lose von der Familiengeschichte ihres Vaters inspirieren. Laut eigener Aussage war es ihr ein Anliegen, mit dem Film die Erlebnisse von Palästinenser:innen sichtbar zu machen, die in der westlichen Kultur „nur als Randfiguren, als Zahlen oder Stereotype“ existierten. Um israelische oder andere nichtpalästinensische Perspektiven geht es in dem Film also nicht.

Filmszene aus "Im Schatten des Orangenbaums": Gruppenfoto einer Hochzeitsgesellschaft vor einem Fotohintergrund mit Palmen, in einer engen Gasse eines Wohnviertels

Hochzeit unter Palmen: Bei allem Schmerz gibt es auch Anlässe zu Feiern

Wie ist es erzählt?

Hanan, gespielt von Dabis selbst, richtet den Blick geradeaus in die Kamera. Wen sie anschaut, wissen die Zuschauer:innen zu Beginn des Films nicht. Aber klar ist, dass Hanans Worte auch dem Publikum gelten: „Sie fragen sich sicher, warum wir hier sind. Sie wissen nicht besonders viel über uns. Das ist in Ordnung, ich mache Ihnen deswegen keine Vorwürfe.“ Um sie zu verstehen, müsse sie einem erst die Geschichte ihres Schwiegervaters Sharif erzählen. Dabis definiert so nicht nur die Erzählperspektive, sondern auch das Publikum: Nichtpalästinenser:innen, die im Zweifel wenig über Menschen wie Hanan wissen. Der Ansatz, das zu ändern, durchzieht merkbar den ganzen Film. Große Teile fokussieren sich auf das Persönliche, die Familie und ihren Wohnraum. Israelische Soldat:innen treten meist nur anonym, als unscharfe Randgestalten, auf. Politische Ereignisse und selbst militärische Gewalt finden meist nur als Hintergrundrauschen statt. Palästinensisches Leben und palästinensische Identität stehen im Zentrum der Geschichte und werden eigenständig erzählt, nicht ausschließlich im Kontrast zu oder als Antwort auf Israel.

Eindrücklichste Szenen:

Sharif ist ein liebevoller Vater. Als er zwischen seinen Orangenbäumen von anrückenden Soldaten 1948 in Jaffa gestellt wird, hebt er mit den Worten „Ich bin kein Kämpfer“ die Arme. Helfen tut ihm das nicht. Weder sein Verhalten noch der augenscheinliche Wohlstand der Familie schützt sie vor Vertreibung, Enteignung und Erniedrigung. Ein Motiv, das sich in einem schicksalhaften Moment 30 Jahre später wiederholt. Das Westjordanland ist zu diesem Zeitpunkt vollständig von Israel besetzt. Als Salim und Noor in einer Apotheke stehen, um Medikamente für den kranken Sharif zu besorgen, ruft das israelische Militär unerwartet eine Ausgangssperre aus. Bemüht, sich so schnell wie möglich nach Hause zu bewegen, werden Vater und Sohn von vier Soldaten auf offener Straße angehalten. Es folgt eine Reihe von Erniedrigungen, die Salim über sich ergehen lassen muss, vor den Augen seines Sohnes. Mit der Mündung eines Gewehrlaufs im Gesicht, fleht er die israelischen Soldaten schließlich an, sie mögen wenigstens Noor gehen lassen. Eine nuanciert und eindrucksvoll inszenierte Szene, deren weitreichende Folgen sich erst im Laufe des Films offenbaren.

Filmszene aus "Im Schatten des Orangenbaums": Ältere Frau mit grauen Locken sitzt nachdenklich auf dem Rücksitz eines Autos und blickt aus dem Fenster

Hauptdarstellerin, Regisseurin und Drehbuchautorin in einer Person: Cherien Dabis spielt im Film Hanan

Lohnt sich das?

Ja! Mit dem Fokus auf eine palästinensische Familiengeschichte kann dieser Film, gerade zum aktuellen Zeitpunkt, ein Puzzleteil sein für das Verständnis der politischen Lage in Israel und den palästinensischen Gebieten. Den Figuren kommt man sehr nah, und die schauspielerischen Leistungen sind grandios, ganz besonders von Sanad Alkabareti, der den jungen Noor spielt. Er stiehlt einem das Herz, um es nur einen Moment später zu brechen. Kein Wunder, dass der Film als offizieller Kandidat Jordaniens für den Oscar in der Kategorie „Bester internationaler Spielfilm“ nominiert ist.

„Im Schatten des Orangenbaums“ läuft ab dem 20. November im Kino.

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Fotos: X Verleih