Was ist los im Sudan?
Seit über zwei Jahren herrscht in dem nordafrikanischen Land ein brutaler Krieg, der im Westen kaum Beachtung findet. Wer kämpft im Sudan gegen wen, und wie sind die Aussichten? Die wichtigsten Fragen und Antworten
Warum herrscht Krieg im Sudan?
Im Sudan kämpfen seit mehr als zweieinhalb Jahren die sudanesische Armee (SAF) und die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) gegeneinander. Beide standen einst im Dienst des Diktators Omar al-Baschir, der das Land 30 Jahre lang regierte. Neben der SAF als reguläre Regierungstruppe setzte al-Baschir die RSF vornehmlich zur Grenzkontrolle und Aufstandsbekämpfung ein. Als al-Baschir 2019 gestürzt wurde, bildeten Militärs und Zivilkräfte eine gemeinsame Übergangsregierung, die Reformen und Wahlen vorbereiten sollte. Doch 2021 putschten die beiden Militärführer Abdel Fattah al-Burhan (SAF) und Mohammed Hamdan Daglo (RSF) gemeinsam, lösten die Zivilregierung auf und übernahmen die Macht. Ihr Bündnis zerbrach, und ein Machtkampf entbrannte, der im April 2023 in den bis heute anhaltenden Krieg eskalierte.
Was geschieht in Darfur?
Darfur, das etwa die Größe Frankreichs hat, ist eine arme Region in Sudans Westen, die von den Regierungen in der Hauptstadt Khartum über Jahrzehnte benachteiligt und ausgebeutet wurde. In Darfur kommt es seit Kriegsbeginn immer wieder zu Ermordungen und Verfolgungen bestimmter ethnischer, als „nichtarabisch“ kategorisierter Gemeinschaften durch die RSF, die die Region kontrollieren. Lediglich die Stadt Al-Faschir in Nord-Darfur unterstand bis vor kurzem der SAF. Deshalb belagerten die RSF die Stadt mehr als anderthalb Jahre lang und schnitten sämtliche Transport- und Versorgungswege ab. Nahrungsmittel und Medikamente gelangten nicht mehr hinein, Zivilist:innen nicht heraus. Der daraus entstandenen Hungersnot fielen etliche Menschen zum Opfer.
Am 25. Oktober stürmten die RSF Al-Faschir und begehen seither an der verbleibenden Bevölkerung verheerende, meist ethnisch motivierte Verbrechen, unter anderem Verhaftungen, Exekutionen und Vergewaltigungen. Satellitenbilder mutmaßlicher Massengräber lassen darauf schließen, dass bereits Tausende Menschen getötet wurden.
Hängt das, was dort heute passiert, mit dem Krieg in Darfur Anfang der 2000er-Jahre zusammen?
Ja, das, was heute geschieht, hat seine Wurzeln im Darfurkrieg, der 2003 begann. In Darfur leben verschiedene ethnische Gemeinschaften: Indigene Gruppen sind vornehmlich sesshaft und betreiben Landwirtschaft, nomadische Gruppen ziehen mit ihrem Vieh durchs Land. Bedingt durch Dürreperioden und Bevölkerungswachstum kam es schon im vergangenen Jahrhundert zu Konflikten um Land, die jedoch meist ohne militärische Intervention gelöst werden konnten.
Anfang der 2000er-Jahre lehnten sich einige lokale, überwiegend indigene Rebellengruppen gegen Omar al-Baschirs Militärregierung auf, die die Ideologie islamisch-arabischer Vorherrschaft vertrat. Um die SAF bei ihrem Kampf gegen die Rebellen zu unterstützen, setzte der Diktator arabisch identifizierte Milizen ein, unter anderem die Janjaweed. Viele von ihnen stammten aus nomadischen Gemeinschaften und nutzten den Krieg, um Landraub zu betreiben.
Mohammed Hamdan Daglo war damals Teil der Janjaweed, aus der später die heutige RSF wurde. Der Darfurkrieg endete mit dem Tod von über 250.000 Menschen, insbesondere der „nicht-arabischen“, indigenen Bevölkerungsgruppen der Region, und Millionen Vertriebenen.
Wie ist die Situation in anderen Regionen im Sudan?
Ethnisch motivierte Gewalt konzentriert sich aufgrund der besonderen Geschichte vor allem auf Darfur. Doch auch in anderen Regionen kommt es zu solchen Verbrechen. Wie etwa derzeit in Kordofan, das an Darfur angrenzt. Auch hier starteten die RSF bereits mehrere Angriffe. Auch die SAF, die ebenfalls einer Ideologie arabisch-muslimischer Vorherrschaft folgt, hat sich ethnisch motivierter Verbrechen schuldig gemacht, wenn auch in geringerem Maße als die RSF.
Erhalten SAF und RSF trotz ihrer Verbrechen Unterstützung?
Beide haben zahlreiche Verbündete. Im Sudan gibt es schon lange verschiedene Milizen und Rebellengruppen, die sich jetzt auf die Seite einer der beiden Truppen schlagen. Dazu erhalten beide Unterstützung aus dem Ausland, nicht nur wegen politischer Beziehungen, sondern auch, weil sie über große Firmen und Handelsnetzwerke verfügen, zum Beispiel im Rohstoffgeschäft. Der Sudan ist reich an Gold, Erdöl und anderen Ressourcen, über deren Export SAF und RSF sich finanzieren.
Besonders in der Kritik stehen hierzu die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Sie gelten als Hauptunterstützer der RSF, die sie mit Waffen, Munition und Geld versorgen. Im Gegenzug liefern die RSF ihnen Gold. Kritiker:innen werfen den Emiraten deshalb vor, mit ihrem Goldhandel den Krieg und das Morden der RSF mitzufinanzieren. Auch Deutschland steht wegen seiner Waffenexporte an kriegsunterstützende Drittländer in der Kritik. 2024 genehmigte die Bundesregierung Rüstungslieferungen von rund 147 Millionen Euro an die VAE und fast ebenso viel an Saudi-Arabien, das als SAF-Unterstützer gilt.
Wie steht es jetzt um den Sudan, und wie wird es weitergehen?
Derzeit steckt der Sudan in einer Art Patt: Die RSF und ihre Verbündeten kontrollieren den Süden und Westen, die SAF den Norden und Südosten. Es könnte also zu einer Landesteilung kommen. Frieden ist dennoch fern. Bisher weigern sich beide Seiten, ihre Machtansprüche einzuschränken, und Friedensverhandlungen scheitern immer wieder. Um die Gewalt zu beenden, braucht es politischen Druck – nicht nur auf die Kriegsparteien, sondern auch auf diejenigen, die sie unterstützen.
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Titelbild: Ivor Prickett / NYT / Redux / laif