Zwei Personen in einem Wohnzimmer vor großen Fenstern mit pinkfarbenen Luftballons in Form der Zahlen 1, 0 und 5 – es handelt sich um Alexander Tietz-Latza und seine Oma / ein zweites Bild zeigt eine Kühlanlage

Du bist der Coolste

Am Ende seines Lebens wäre Alexander Tietz-Latza nicht so gern für immer tot. Deshalb will er sich konservieren lassen. Bis die Wissenschaft den Tod abgeschafft hat

Text: Paul Weinheimer und Fotos: Janick Entremont
Thema: Körper
24. März 2026

Der Mann, der den Tod überlisten will, sitzt in der Kölner Innenstadt und nippt an seinem Kaffee. Alexander Tietz-Latza ist 45, kerngesund und denkt ständig über das Sterben nach. Oder vielmehr darüber, wie er es verhindern kann. 

Wann genau sich der Gedanke einschlich, weiß er nicht mehr. Vielleicht, als sein Vater starb, da war Tietz-Latza gerade zwölf. Oder mit 20, er konnte sich vor Schmerzen in den Gelenken kaum mehr bewegen. Ein halbes Jahr dauerte es, bis eine Borreliose festgestellt wurde. 

Tietz-Latza wurde wieder gesund. Aber ein Gefühl ließ ihn nicht mehr los: „Mich hat schockiert, wie selbstverständlich wir akzeptieren, dass Menschen sterben.“ 

Damals fing er an, Bücher zu wälzen. Wollte wissen, wie verschiedene Religionen mit dem Tod umgehen. Er las sich durch Foren im Netz. Bis er eine US-amerikanische Firma entdeckte, die Kryokonservierungen anbot. 

Ein Tisch in einen dunklen Kühlraum, aufgenommen in einem Institut für Kryokonservierung in den USA

Für die Fotos ist Janick Entremont einige Kryoinstitute in den USA abgefahren – dieser spezielle Tisch befindet sich im Bundesstaat Michigan

Ihr Angebot: Wenn klar ist, dass Tietz-Latza sehr bald sterben wird, schickt sie ein Team. Ist sein Tod ärztlich bescheinigt, legt es seinen Leichnam in eine Eiswanne. Sie spülen das Blut und andere Flüssigkeiten aus den Adern, spritzen stattdessen eine Lösung ein, die Frostschutzmittel ähnelt, und kühlen seinen Körper später im Institut herunter. Er muss kalt sein, minus 196 Grad. So kalt, dass die chemischen Prozesse im Körper zum Erliegen kommen, die Zellen nicht sterben, die Moleküle nicht zerfallen, die Adern intakt und die Milliarden Neuronen im Gehirn erhalten bleiben. 

So runtergekühlt wird Tietz-Latzas Körper in einer Kühlkammer verwahrt. Für 20, 50, 500 Jahre, wer will das heute schon wissen. Bis die Medizin weit genug ist, um ihn wiederzubeleben und zu heilen, woran er gestorben ist. 

So weit die Theorie. Die einfach klingen mag, es aber ganz und gar nicht ist. Das fängt schon damit an, dass ein unversorgtes Gehirn bereits nach wenigen Minuten abbaut und schwere Schäden erleidet. Oder dass jedes Organ verschiedene Zelltypen hat mit wiederum verschiedenen Gefriereigenschaften. Dass die Kryonisierung ganzer Menschen irgendwann klappt, ist also unwahrscheinlich, manche sagen: unmöglich. Trotzdem schloss Tietz-Latza damals direkt einen Vertrag ab. 

200.000 Euro soll die Kryokonservierung kosten

Mittlerweile hat er auch bei einem Kryonikinstitut aus Berlin unterschrieben. Das lagert die Konservierten in Stickstofftanks in der Schweiz. Fünf ganze Körper sollen es laut dem Unternehmen derzeit sein, 15 Gehirne und zehn Haustiere. Mehr als 800 Menschen sollen wie Tietz-Latza auf der Warteliste stehen, im Schnitt 37 Jahre alt. 

Von Mitgliedern nimmt das Unternehmen für eine Ganzkörperkryokonservierung rund 200.000 Euro. Hinzu kommen die Mitgliedsbeiträge zu Lebzeiten, meist einige Tausend Euro. Viel Geld, selbst für ein zweites Leben. Und warum? Aus schierer Angst vor dem Tod? 

Vor dem Tod habe ich gar keine besondere Angst“, sagt er. Wahrscheinlich komme nach dem Sterben einfach nichts mehr. Und genau das ist es, was ihn stört. „Ich feiere gerne und gehe wandern. Ich will einfach noch mehr Zeit haben, um schöne Dinge zu erleben.“ Tietz-Latza mag das Leben. Wieso sollte er sterben wollen? 

Gebäude mit der Aufschrift 'ALCOR' und der Hausnummer '7895' hinter Palmen und blühenden Sträuchern

Die Alcor Life Extension Foundation mit Sitz in Arizona hat schon mehr als 200 Menschen kryokonserviert

Klingt nachvollziehbar. Und trotzdem fragt man sich: Ist Kryokonservierung radikaler Wissenschaftsoptimismus? Oder eine Industrie, die Kapital schlägt aus der Angst vor dem Tod

Denn noch nie wurde ein Mensch wieder aufgetaut. Funktioniert hat der Vorgang bislang nur bei Nieren von Ratten und Kaninchen. Komplexe Organe wie das menschliche Gehirn oder gar einen ganzen Körper zurück ins Leben zu holen, davon ist die Wissenschaft weit entfernt. Und es ist mehr als fraglich, ob das überhaupt gelingen kann. 

Das weiß auch Tietz-Latza. Ihm sei klar, dass die Wahrscheinlichkeit auf ein zweites Leben sehr gering ist. „Aber sie ist auf jeden Fall höher als bei einer Einäscherung.“  Denn dass die Kryokonservierung funktioniert, lässt sich nicht beweisen. Dass sie nie funktionieren wird, aber auch nicht. 

Wir verstehen immer besser, was passiert, wenn wir altern, krank werden oder sterben. Die Forschung bricht diese Vorgänge runter auf Abertausende chemische Vorgänge, die sie untersuchen, beeinflussen und irgendwann – so die Hoffnung – vielleicht auch umkehren kann. 

Lieber länger leben – oder lieber intensiver?

Vor ein paar Jahren ist es Forschenden mit Gentherapien gelungen, Mäuse zu verjüngen und die Lebenserwartung von Fadenwürmern zu verdoppeln. Und Milliardäre stecken viel Geld in die Kryonisierungs- und Verjüngungsforschung. Solche Nachrichten machen unter Kryofans schnell die Runde. Denn ohne neue Heilungsmethoden und Verjüngungstechnologien würde das Auftauen ja nichts bringen. 

Tietz-Latza arbeitet im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Angewandte Biostase, die über Kryokonservierung aufklärt. Regelmäßig trifft er dabei andere Kryointeressierte. Sie sprechen über die neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen, darüber, was der Tod bedeutet und was die Hoffnung auf ein Leben danach verändert. Liest man Texte und schaut Dokus über Menschen aus der Szene, bekommt man das Gefühl, dass einige bei dem Versuch, möglichst spät zu sterben, darauf verzichten, richtig zu leben. Sie meiden die Sonne, sitzen nicht lange, rauchen nicht, trinken nicht, essen nur, was schon die Steinzeitmenschen aßen. 

Gehirn in Kühlkammer, aufgenommen in einem Institut für Kryokonservierung in den USA

Das Gehirn einer Frau lagert in der „Sparks Brain Preservation“ in Oregon. Der Rest ihres Körpers wurde eingeäschert

Ich finde es problematisch, wenn Menschen für ein Leben nach dem Tod ihr Leben im Hier und Jetzt ändern“, sagt Tietz-Latza. Er verzichte auf nichts. „Ich bin jetzt aber auch kein Hochrisikomensch. Das Gefährlichste, was ich mache, ist Ski fahren und Karneval feiern.“ 

Die Hoffnung auf Kryokonservierung mag wie die ultimative Flucht vor dem Ende wirken. Andererseits wirkt Tietz-Latza, als würde er sich mehr mit dem Tod auseinandersetzen als viele andere.

Über Jahrhunderte haben Religionen unsere Vorstellungen vom Tod bestimmt. Im Grunde tut die Kryokonservierung etwas ganz Ähnliches. Sie erzeugt Hoffnung, die unsere Existenz auf dieser Erde erträglicher macht, weil ein zweites Leben uns ein Stück der Angst nimmt, zu wenig Zeit zu haben. Die Wahrscheinlichkeit für ein zweites Leben mag gegen null gehen, die Gefühle, die der Glaube daran auslöst, können trotzdem real sein. 

Aber selbst wenn das Verfahren eines Tages funktioniert und sich das Unternehmen an die Abmachung hält: Bleibt die Vorstellung nicht skurril? Tietz-Latza, ein Aufgetauter, der ohne Familie und Freunde, ohne Hab und Gut, vielleicht sogar als sehr alter Mann, in eine Welt entlassen wird, die ihm vermutlich völlig fremd ist. Eine Welt, die womöglich von Diktatoren regiert wird und von der Klimakrise gebeutelt ist

Zu dystopisch, findet Tietz-Latza. Eine Gesellschaft, die Menschen zurück ins Leben holt, könne keine so schlechte sein. Und allein wäre er ja auch nicht: Seine Großmutter und sein bester Freund haben ebenfalls Verträge bei der Berliner Kryofirma abgeschlossen.

Cover des Fluter-Heft krank
Dieser Artikel ist aus dem fluter „krank“.
Hier geht's zum ganzen Heft.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.