Drei bunt gezeichnete Figuren sitzen auf einer Parkbank umgeben von kräftigen Neonfarben und verzerrten Baumformen

Tröster-Typen

In unserer Reihe „Kurz war alles gut“ sammeln wir Momente des Alltags, die für das Miteinander in der Gesellschaft stehen. In Folge 5 geht es um Beistand bei einem Todesfall

Von Lara Voelter
Thema: Liebe
1. Dezember 2025

Ich bin gerade auf dem Weg in eine Bar, um Freundinnen zu treffen, als meine Mutter anruft. Sie sagt: „Lara, er ist gestorben.“ Ich denke, das kann nicht wahr sein, immer wieder schreie ich das ins Handy. 

Bevor ich auflege, versichere ich meiner Mutter, dass ich den Abend nicht allein verbringen werde. Dann rufe ich meine beiden Freundinnen an, mit denen ich verabredet bin, und sage ab. Ich will allein sein. 

Ein paar Wochen zuvor hatte mein Onkel einen Motorradunfall in der Schweiz: Knochenbrüche, innere Verletzungen, Koma. Er kam in Bern ins Krankenhaus und wurde auf der Intensivstation behandelt. Jeden Tag wachte ich morgens mit der Hoffnung auf, er lebe noch. Ich dachte viel an meine Cousine und schrieb ihr viele Nachrichten, ihr Vater war der wichtigste Mensch für sie. Ich dachte an meine Mutter. Als sie Anfang zwanzig war und mein Onkel ein Jahr jünger, hatten sie ihre Mutter verloren: Autounfall

Regelmäßig rief meine Mutter mich an: „Es sieht besser aus.“ Einige Zeit später: „Er ist außer Lebensgefahr.“ Dann: „Er soll bald nach Deutschland verlegt werden.“ Ich hatte also Hoffnung. 

Meinen Onkel habe ich nur wenige Male im Jahr gesehen. Aber wenn er da war, schallte sein Lachen durch den ganzen Raum. 

Ich lasse mich auf eine Parkbank fallen. Alles um mich herum nehme ich nur noch wie durch eine Milchglasscheibe wahr. Plötzlich bleiben zwei Männer stehen. Der eine fragt: „Brauchst du Hilfe?“ Sie sind vielleicht Mitte zwanzig. Ich schüttele den Kopf und antworte leise: „Mein Onkel ist gestorben.“ Vorsichtig fragt der andere: „Sollen wir uns setzen?“ Ich wische mir die Tränen weg und schweige. 

Lange schweigen wir einfach gemeinsam

Auch wenn ich ihre Unsicherheit beinahe körperlich spüren kann, setzen sie sich. Der eine fragt, ob ich reden möchte. Ich zucke nur mit den Schultern. Dennoch bleiben sie. Wie lange wir so still nebeneinandersitzen, weiß ich nicht. Irgendwann fange ich an zu erzählen. Von meinem Onkel, den ich nie wiedersehen werde. Wie schrecklich sein Tod für meine Cousine, meine Mutter und ihren anderen Bruder sein muss. Davon, wie feige und egoistisch ich mich fühle, weil ich den Besuch im Krankenhaus rausgeschoben hatte. 

Einer der beiden sagt: „Es ist völlig okay und normal, manches nicht zu schaffen.“ 

Sie hören zu, fragen nach, erzählen von Menschen, die sie verloren haben. Der eine von einem Freund, der an einer Krebserkrankung gestorben ist, der andere von seinen Großeltern, die er verloren hat. Beide meinten, es sei schwer für sie gewesen, darüber zu sprechen. Lange hätten sie das kaum getan.

Als mir beinahe die Augen zufallen, bieten sie an, mich nach Hause zu bringen. Normalerweise hätte ich es vermieden, abends mit fremden Männern auf einer Parkbank zu sitzen oder mit ihnen unterwegs zu sein. Aber ich willige ein. Ich fühle mich ruhig und sicher. Und bin ihnen unendlich dankbar. 

Bis heute habe ich ihre Worte nicht vergessen. Auch das Gefühl nicht, das sie mir gegeben haben, zwei fremde Menschen, die einfach dachten: „Vielleicht braucht sie gerade jemanden.“ Und dann auch danach gehandelt haben. 

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Illustration: Lea Dohle