Illustration goldener Schallplatten und verschiedener Objekte

Wer wir sind

1977 schickte die NASA auf ihren zwei Voyager-Sonden „Golden Records“ ins All: Platten mit Fotos, Geräuschen und Musik, die anderen Zivilisationen vom Leben auf der Erde erzählen sollen. Was würden junge Menschen heute hochschießen?

Protokolle: Dominik Wolf
Thema: Identität
18. Dezember 2025

Ich spiele Fußball, jeden Tag und auch im Verein. Lionel Messi spielt auch Fußball. Aber bei ihm wirkt das wie ein ganz anderer Sport. Wie er dribbelt, passt, Bewegungen antäuscht, freie Räume sieht, das ist, als würde er das Spiel langsamer und von oben sehen. Deshalb gehört Messi auch in den Himmel. Ins All schicke ich ein YouTube-Video, in dem alle seine Tore zu sehen sind. Das will ich selbst schneiden, wenn Messi aufhört. Ich hoffe, die Aliens spielen seine Tore nach.

Nino (18), Berlin, Deutschland

 

Vor sechs Jahren verließ ich meine Heimat Kongo, um in China Medizin zu studieren. Seit ich es bei einer OP gesehen habe, fasziniert mich das menschliche Herz. Es sorgt dafür, dass wir leben, und wird gleichzeitig vom restlichen Körper am Leben gehalten. Ähnlich ist es doch mit uns Menschen: Was wir tun, beeinflusst andere, genauso wie andere Einfluss auf uns haben. Ich schicke also ein Herz ins Weltall. Es müsste allerdings noch schlagen, damit die Kontraktionen der Muskeln zu sehen sind. Da steckt das Leben drin.

Claudia (22), Guangzhou, China

 

Ich bin professioneller Radsportler und reise für die Rennen um die Welt. Egal, wohin ich komme, überall gibt es Fahrräder. Sie sind Transportmittel, Lifestyle, Freiheit. Mein Vater hat mir beigebracht, wie man Rad fährt. Da war ich vier oder fünf. Man muss im Gleichgewicht sein, sonst fällt man hin. Das ist im Weltall anders, und trotzdem würde das Fahrrad auch dort Beziehungen herstellen. Man braucht jemanden, der einem hilft, es zu beherrschen. Außerirdische sind bestimmt geschickte Fahrradfahrer.

Jean Pierre (22), Medellin, Kolumbien

 

Ich schicke ein Foto von der Tracht der Kikuyu hoch. Das ist die größte Bevölkerungsgruppe in Kenia. Die Frauen tragen ein Kleid, das bis knapp über den Knöchel fällt. Eine Schulter bleibt frei. Der Stoff ist mit Gehäusen von Kaurischnecken besetzt. Um die Knöchel tragen sie oft Fußrasseln, die erklingen, wenn die Frauen beim Tanzen auf den Boden stampfen. Die Orange- und Brauntöne der Kleidung repräsentieren den Boden, der die Communitys ernährt. Ich glaube, dass auch Außerirdische eine enge Verbindung zu ihrem Boden haben und ihn repräsentieren. Hier auf der Erde, in einer globalisierten Welt, sehen wir oft alle gleich aus. Dabei kann Kleidung zeigen, kann Kleidung zeigen, wer wir sind und woher wir kommen.

Damaris (22), Nairobi, Kenia

 

Als Kind wollte ich Pilot werden. In Flugzeugen und Raumschiffen drückt sich der menschliche Drang aus, zu erkunden und sich nicht mit dem Status quo zufriedenzugeben. Wahrscheinlich studiere ich deswegen Raumfahrttechnik. Meine Lieblingsmodelle sind der Lockheed SR-71 Blackbird und die Falcon-9-Rakete – zwei Meilensteine. Ich schicke Miniaturmodelle davon ins Weltall, um den Außerirdischen zu zeigen, wie sehr wir versuchen, sie zu erreichen.

Lewis (22), Accra, Ghana

 

Wir Menschen haben Fähigkeiten entwickelt, um uns in und auf dem Meer bewegen zu können. Wir schwimmen, tauchen, segeln, surfen. Ich bin am Pazifik geboren, habe fast mein ganzes Leben am Meer verbracht. Heute betreibe ich eine Surfschule. Das Meer gehört zu mir. Seine Wellen, seine Bewohner, das Riff. Am meisten berührt mich das Rauschen. Es macht mich ruhig und friedlich. Deshalb schicke ich eine Muschel ins Weltall. Wenn sie oben dran lauschen, hören sie vielleicht das Meer rauschen.

Yedmy (24), Zipolite, Mexiko

 

Als ich 12 war und gerade angefangen hatte, Ballett zu tanzen, zeigte mir meine damalige Lehrerin eine Passage aus Tschaikowskys „Serenade“ in der Choreografie von George Balanchine, der das New York City Ballet mitgegründet hat. Dieser Moment hat mich völlig eingenommen fürs Ballett. Heute bin ich die Leittänzerin des Ensembles. Eine Szene aus dem Stück drückt alles aus, was Ballett und Tanz so menschlich macht: Die Tänzerinnen stehen auf ihren Fußspitzen, breiten die Arme weit aus, legen den Kopf in den Nacken, und über allem schwebt die Solistin, getragen von zwei Tänzern. Einen Mitschnitt schicke ich ins All. Denn in dieser Szene steckt für mich eine stille Akzeptanz für alles, was da über uns noch sein mag.

Mira (24), New York, USA

Cover Fluter Weltraum – ein Sternenhimmel, darauf in dunkelgrauer Schrift die Worte "fluter" und "Weltraum"
Dieser Text ist aus dem fluter „Weltraum“.
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Illustration: Animationseries2000