So ist es, ich zu sein: Milchbäuerin
Leonie, 27, sind während ihrer Ausbildung viele Vorurteile gegenüber Landwirtinnen und Landwirten begegnet. Doch die konnten ihr nichts anhaben: Sie möchte den Betrieb ihrer Eltern übernehmen
Jeden Morgen stehe ich mit meiner Mutter im Melkstand. Während die ersten Kühe gemolken werden, bereite ich das Milchtaxi vor: Milch aufwärmen, umrühren, Kälber tränken. Danach Boxen streuen, Wasser auffüllen und Müsli füttern. Diese Stunden am Morgen gehören zu meinen liebsten. Ich liebe die Arbeit mit Tieren – besonders mit den Kälbern. Wenn sie ihre fünf Liter Milch in einem Zug wegtrinken und danach herumtoben, ist das ein Zeichen dafür, dass sie fit sind.
Mein Vater führt unseren Milchviehbetrieb in dritter Generation, gemeinsam mit meiner Mutter. Dazu kommen zwei Azubis und zwei Angestellte, eine von denen bin ich. Eines Tages möchte ich den Betrieb gerne übernehmen. Meine Eltern würden sich darüber sehr freuen, denn meine beiden älteren Geschwister haben andere Wege eingeschlagen. Wenn es dann einmal so weit ist, freue ich mich schon darauf, ein bisschen mehr Struktur reinzubringen. Mein Vater überlegt sich nämlich am liebsten erst morgens beim Frühstück, wer welche Aufgabe übernimmt.
Bis dahin habe ich auf dem Hof aber auch noch ein eigenes Großprojekt – unseren Hofladen. Wir haben ihn vor ungefähr vier Jahren gegründet, damals ausschließlich, um Eier zu verkaufen. Ich wollte schon immer Hühner haben und habe dann zusammen mit meinem Freund Hühnermobile, also mobile Ställe, gebaut. Unser Hof liegt in Rinkerode zwischen Münster und Hamm und ist schon alleine anderthalb Kilometer von der nächsten Hauptstraße entfernt. Es ist toll, dass die Leute bereit sind, so weit zu uns rauszufahren. Inzwischen haben wir 350 Hühner und verkaufen neben den Eiern unsere eigene Milch und Eiernudeln sowie Kartoffeln von einem befreundeten Landwirt.
„Es gibt viele Vorurteile, unter anderem, Landwirtschaft sei altmodisch. Aber ich finde, die Landwirtschaft ist eine der fortschrittlichsten Branchen überhaupt“
Die Ausbildung in der Landwirtschaft läuft in der Regel so, dass man jedes seiner zwei oder drei Ausbildungsjahre auf einem anderen Hof verbringt. Ich war im zweiten Jahr bei einem Milchviehbetrieb in Borken, eine total prägende Zeit. Ich habe dort gewohnt, quasi als Teil der Familie, und immer schon um fünf Uhr angefangen, Kühe zu melken.
Während meiner Ausbildung habe ich aber auch mitbekommen, dass von außen teilweise schlecht über die Landwirtschaft und insbesondere über Milchbäuerinnen und -bauern geredet wird. Auch von manchen Medien, die gesagt haben, wir würden Tiere quälen und den Kühen ihre Muttermilch klauen. Das hat mich getroffen. Umso schöner ist es, dass wir unseren Hofladen haben und den Kundinnen und Kunden genau erklären können, was wir tun. Die Leute sind oft noch sehr unwissend, aber eben auch sehr interessiert. Und sie schätzen unsere Arbeit wert. Das freut mich sehr und hat mein Selbstverständnis gestärkt.
Es gibt viele Vorurteile, unter anderem, Landwirtschaft sei altmodisch. Aber ich finde, es ist genau das Gegenteil. Die Landwirtschaft ist eine der fortschrittlichsten Branchen überhaupt. Es ist Wahnsinn, welche neuen Möglichkeiten jährlich auf den Markt kommen. Zum Beispiel gibt es schon jetzt die ersten Roboter, die über Sensoren Unkraut erkennen und Flächen komplett selbstständig bewirtschaften. Und auch in unserem Betrieb planen wir bereits einen Kuhstall-Umbau mit autonomen Melkrobotern. Die Kuh ist ein besonderes Gewohnheitstier, das am liebsten in einem gleichmäßigen Rhythmus gemolken wird – bei zweimaligem Melken pro Tag, also alle zwölf Stunden. Bald können unsere Kühe selbstständig 24/7 zum Roboter gehen, wenn sie gemolken werden möchten. Das macht unsere Arbeit flexibler.
„Ich würde meinen Beruf niemals eintauschen wollen. Dafür liebe ich die Arbeit mit den Tieren zu doll“
Und ein bisschen mehr Flexibilität wäre schon schön. Die größten Abstriche mache ich bei meiner Freizeit. Wir arbeiten 50 bis 70 Stunden pro Woche. Im Sommer nimmt der Ackerbau zusätzlich eine Menge Zeit in Anspruch. Wir arbeiten ja komplett nach dem Wetter und nach der Natur. Das war die letzten Tage sehr wechselhaft, aber auch oft besser als erwartet. So konnten wir zum Beispiel spontan Samstagabend um 22 Uhr noch unser Korn abdreschen. Dann mussten sowohl mein Vater als auch ich die Veranstaltungen absagen, auf die wir eigentlich eingeladen waren. Das gehört halt dazu. Viele meiner Freundinnen und Freunde kommen vom Dorf. Auch wenn sie nicht selbst in die Landwirtschaft gegangen sind, verstehen sie, wenn ich mal spontan absagen muss.
In der Landwirtschaft erlebe ich jeden Tag den Kostendruck, vor allem durch politische Auflagen und dadurch steigende Kosten. Zwar haben sich die Preise für manche Betriebsmittel wie zum Beispiel Futter zuletzt wieder etwas entspannt, aber wir wissen nicht, was in Zukunft noch auf uns zukommt, und das bereitet uns Sorgen.
Trotzdem würde es für uns niemals infrage kommen, bei der Tierhaltung zu sparen. Wenn Einschnitte nötig sind, treffen die uns in erster Linie selbst – ob bei Freizeit, Urlaub oder privaten Ausgaben. Das gehört für viele von uns einfach zum Alltag dazu.
Ich würde meinen Beruf niemals eintauschen wollen. Dafür liebe ich die Arbeit mit den Tieren zu doll. Wir haben wirklich ein sehr intensives Mensch-und-Tier-Verhältnis. Jede Kuh hat einen Namen. Meine Lieblingskuh als Kind hieß Morelle. Die mussten wir 2014 mit 18 Jahren einschläfern, zuvor hat sie noch viele Jahre ihr wohlverdientes Gnadenbrot bekommen – sie durfte also nach ihrer Zeit als Milchkuh weiter auf dem Hof leben, ohne Leistung bringen zu müssen. Heute gibt es mehrere Kühe, die ich gernhabe. Aber an Morelle wird keine jemals rankommen.
Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.
Illustration: Renke Brandt