Wie originell ist Schönheit?
Individueller als das, was wir täglich auf Instagram sehen, sagt Eva Gödel. Sie ist Modelscout und sucht auf der Straße nach dem Besonderen in Menschen, die später für große Modelabels über den Laufsteg gehen
fluter: Sie arbeiten als Modelscout und haben eine eigene Agentur, bei der auch große Luxusmarken ihre Models buchen. Wonach suchen Sie in Gesichtern?
Eva Gödel: Zuallererst: Individualität. Da muss etwas Strahlendes sein. Etwas, das mich so packt, dass ich mehrmals hinsehen muss. Das kann etwas sehr Ebenmäßiges sein oder etwas, das damit bricht. In der High Fashion geht es aber nicht nur um das Gesicht. Ich schaue auch, ob die Person fotogen ist. Sieht sie elegant aus, wenn sie läuft? Wie fällt die Kleidung? Hat alles eine gewisse Lässigkeit?
Sind die jungen Menschen, die Sie auf der Straße casten, überrascht, dass jemand sie schön findet?
Absolut. Oft sind es die, die sich selbst nicht für so schön halten, die schüchtern sind oder nicht die beliebtesten Jungs in der Schule. Oder Mädchen, die für ihre Größe belächelt werden. Wenn sie dann in einer Prada-Kampagne zu sehen sind, finden alle sie plötzlich toll. Auf der Gamescom in Köln habe ich mal einen Jungen gefunden, der hatte lange rote Haare. Er sah unglaublich aus. Das war ihm gar nicht klar. Wenig später ist er für Céline gelaufen und hat die Hauptkampagne geschossen.
Berührt Sie so was persönlich?
Die Mutter eines britischen Jungen hat es mal sehr schön ausgedrückt: „It’s like a confidence boost.“ Nachdem ihr Sohn in einer Show gelaufen war, hat er sich ganz anders gefühlt. Der war ganz bei sich. In diesen Lebensjahren ist so viel los – Schule, erste Liebe, Familie –, und so ein Job kann dabei helfen, junge Menschen in ihrem Selbstbewusstsein zu bestärken.
„ Wir bekommen viele gute Bewerbungen über Social Media, erleben da aber oft Überraschungen: Manche sehen überhaupt nicht so aus wie auf ihren Profilfotos“
Gerade ist das „Instagram Face“ angesagt: Stupsnase, Katzenaugen, volle Lippen, hohe Wangenknochen, lange Haare. Ist das schön?
Es ist zumindest genau das, was wir nicht suchen. Gleichförmigkeit ist nicht schön. Das Neue und Andere ist schön. Ich suche den Unterschied. Und ich caste Leute für das, was sie sind. Wenn sich jemand verstellt, fehlt die Natürlichkeit. Wir bekommen viele gute Bewerbungen über Social Media, erleben da aber oft Überraschungen: Manche sehen überhaupt nicht so aus wie auf ihren Profilfotos.
Erleben wir gerade eine ästhetische Monokultur, oder sehen wir mehr Diversität?
Als ich die Agentur gegründet habe, waren fast alle Models weiß. Heute sind die Modemarken einer diverseren Öffentlichkeit verpflichtet. Die zählen wirklich durch, wie viele People of Color an welchen Positionen laufen.
Was wohl auch daran liegt, dass die Kampagnen und Shows global vermarktet werden. Diverse Körperformen hatten auf den Laufstegen eine kurze Blütezeit. Ist die wieder vorbei?
In der High Fashion ist diese Homogenität durch die Produktion bedingt. Für eine Fashionshow gibt es meist nur eine Sample-Kollektion im typischen Modelmaß: Die Sachen müssen allen Models passen, und erst kurz vor der Show wird entschieden, wer welches Stück trägt. Bei Fotoshootings, Lookbooks oder in Kampagnen sind öfter Models mit anderen Körperformen zu sehen. Da hat man mehr Zeit, die Kleidung anzupassen.
„Einerseits wollen Menschen heute Models sehen, die ihnen ähnlich sind. Andererseits lernen wir zu mögen, was wir oft genug sehen“
Ihre Agentur wurde mit „edgy“ Männermodels berühmt. Inzwischen sind alle Geschlechter dabei und auch klassische Schönheiten. Symmetrie, Harmonie und Glätte spielen also doch eine Rolle?
„Die griechische Statue“ funktioniert immer noch. Genau wie das ebenmäßige, schöne Gesicht. Es gibt aber auch popkulturelle Archetypen, nach denen ich schaue: der junge David Bowie, der junge Nick Cave. Deren Schönheit hat nichts mit griechischen Idealen zu tun, sondern mit einer Ausstrahlung. Der androgyne, weiche Typ ist genauso gefragt wie jemand, der schon mit 16 sehr männlich aussieht. Wichtig ist es, gerade in diesen jungen Jahren die individuelle Entwicklung zu akzeptieren und seinen Frieden damit zu machen. Dann sieht man gleich viel schöner aus.
Wirken sich diversere Schönheiten in der High Fashion auch auf den Mainstream aus?
Wir haben ja nicht nur High-Fashion-Kunden. Uns ist es wichtig, unterschiedliche Menschen zu repräsentieren. Einerseits wollen Menschen heute Models sehen, die ihnen ähnlich sind. Andererseits lernen wir zu mögen, was wir oft genug sehen. Und wenn wir etwas zu oft sehen, wollen wir wieder etwas anderes. Das sind die Trends und Wellen der Mode.
Das Fiese am Modelbusiness ist ja, dass man oft wegen Merkmalen abgelehnt wird, für die man nichts kann – und nicht für seine Fähigkeiten.
Man muss lernen, mit Zurückweisung umzugehen. Für eine längere Karriere zählt aber auch, wie man ist: Ist es schön, mit der Person im Team zu arbeiten?
Seit 2010 führt Eva Gödel ihre Agentur „Tomorrow is Another Day“
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Fotos: Chewing The Sun