Links: ein Mann in militärischer Uniform mit Ketten und Abzeichen vor Kakteen, Rechts: Frau in traditioneller weißer Kleidung sitzt vor einer Wand mit Reliefs von gehängten Menschen

Kein Geld für die Vergangenheit

Der Völkermord an den Nama und Herero hat in Namibia tiefe Spuren hinterlassen. Bei der Aufarbeitung fühlen sich ihre Nachkommen bis heute übergangen. Wie wirken sich die Gräueltaten der Kolonialzeit bis heute in ihrem Alltag aus?

Von Emma Louisa Neugebauer
Thema: Identität
6. Januar 2026

In Lüderitz, Namibia, zieht im April 2025 eine kleine Menschentraube bei der jährlichen Völkermord-Gedenkfeier durch die Stadt. Sie singen indigene Volkslieder der Nama. „Nothing about us without us“, steht auf einem Banner, das sie tragen: Nichts, das uns betrifft, soll ohne uns entschieden werden. Unter den Demonstrierenden ist auch Joyce Muzengua. Für sie wirkt das Erbe der Kolonialzeit im Alltag fort. 

Das deutsche Kaiserreich hatte das Gebiet des heutigen Namibia 1884 zur Kolonie erklärt. Deutsche Siedler und Händler kauften das Land der einheimischen Bevölkerung der Herero und Nama unter zweifelhaften Umständen auf und vertrieben sie. Als die Herero Anfang 1904 gegen die Kolonialherrschaft rebellierten, befahl General Lothar von Trotha ihre Vernichtung. Zehntausende flohen in die Wüste, die auf den Befehl Trothas abgeriegelt wurde, und verdursteten dort. 1905 sprachen die Deutschen auch einen Vernichtungsbefehl gegen die ebenfalls aufständischen Nama aus. Überlebende wurden in Konzentrationslager gesteckt. Sie litten unter Zwangsarbeit, Hunger und Misshandlungen, etliche wurden öffentlich hingerichtet. Bis zu 80 Prozent der Herero und etwa die Hälfte der Bevölkerungsgruppe der Nama starben zwischen 1904 und 1908, genaue Opferzahlen sind nicht bekannt.

Die Demonstrierenden ziehen deshalb an diesem Tag in Richtung Shark Island. ​​Auf der Halbinsel, die nur 25 Minuten Fußweg von der Innenstadt entfernt liegt, konnte man bis vor kurzem noch Zeltplätze mieten. Familien grillten am Strand, Kinder spielten im Sand. Nur eine Gedenktafel erinnerte daran, dass hier vor rund 120 Jahren ein Konzentrationslager gestanden hatte. Mittlerweile ist die Insel eine Gedenkstätte. 

Vier Frauen in traditioneller Kleidung mit roten Röcken und roten Mützen stehen in einer Reihe auf einer Straße, zwei von ihnen tragen Handtaschen

Damit die Existenz ihre Volkes nicht vergessen wird, tragen Hererofrauen im Alltag oder am jährlichen Gedenktag noch traditionelle Kleidung. Der Fotograf Stephan Gladieu hat sie in diesen roten Röcken und Hüten portraitiert

Joyce Muzengua, 29 Jahre alt, ist Aktivistin beim Landless People’s Movement (LPM), einer jungen namibischen Oppositionspartei. Ihre Eltern sind Herero, ihre Großmutter Nama, deutsche Vorfahren gibt es ebenfalls. Auch wenn Shark Island mittlerweile eine offizielle Gedenkstätte ist, findet Muzengua, dass die strukturelle Benachteiligung der Herero und Nama noch nicht behoben sei. „Grundlegend hat sich nicht viel geändert, seit meine Großmutter mir als Kind zum ersten Mal vom Völkermord erzählt hat“, sagt sie. Kommerzielles Farmland sei weiterhin sehr ungleich verteilt, es gebe schlechtere Arbeitsbedingungen. Es sei gängig, auf der Farm, auf der man arbeite auch zu wohnen. Bei einer Kündigung verliere man dadurch aber auch das Zuhause. Vertreibungen seien weiterhin ein Thema. Außerdem erinnern Denkmäler und Straßennamen noch immer symbolisch an die Kolonialzeit.

Wie geht Deutschland mit dem kolonialen Erbe um? 

Muzengua berichtet, dass in Schulen der Völkermord oft nur am Rande als „Widerstandskampf“ behandelt werde, was seine historische Bedeutung abschwäche. Zwar wüssten viele junge Namibierinnen und Namibier, dass während der Kolonialzeit Gewalt und Vertreibung stattfanden, doch das genaue Ausmaß und die Folgen für die heutige Gesellschaft würden selten thematisiert. Für viele Namibier wirke der Genozid wie ein entferntes Kapitel der Vergangenheit. Laut dem Politikwissenschaftler und Entwicklungssoziologen Henning Melber führe das zu Vorurteilen oder gegenseitigen Abneigungen zwischen den über zehn ethnischen Gruppen Namibias.

 „Viele Jugendliche sagen: Das war vor 100 Jahren, was hat das mit mir zu tun? Aber ihre soziale Lage, die Armut, die Vorurteile – all das hängt mit der Kolonialgeschichte zusammen“, so Muzengua. Deshalb reist sie durchs Land, spricht mit Gemeinden, organisiert Gedenkveranstaltungen. Oft fehlt es an Mitteln. „Ich habe schon in Berlin, Frankfurt und sogar in Auschwitz gesprochen. Aber am wichtigsten wäre, dass die Menschen hier verstehen, was damals geschah – und wie es ihr Leben bis heute prägt.“ 
Deutschland und Namibia verhandeln seit 2015 über die Aufarbeitung der Verbrechen während der deutschen Kolonialzeit. Die Versöhnung mit Namibia sei von herausragender Bedeutung, so das Auswärtige Amt im September 2025. Deutschland erkenne an, dass in der ehemaligen Kolonie ein Völkermord verübt wurde, sagt Lisa Bald, Diplomatin im Auswärtigen Amt. Zur Zeit der deutschen Kolonialherrschaft habe es jedoch die Völkermordkonvention noch nicht gegeben. Diese wurde erst 1948 durch die Vereinten Nationen verabschiedet. Sie verpflichtet die Staaten, die vorsätzliche Zerstörung einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe zu verhindern und zu bestrafen. Allerdings existierten bereits damals völkerrechtliche Verträge zwischen Staaten, die festlegten, welche Regeln im Kriegsfall von Staaten zu beachten sind, zum Beispiel die Haager Abkommen. Wie weit diese Normen in kolonialen Konflikten tatsächlich galten und ob daraus rechtliche Ansprüche ableitbar sind, ist bis heute umstritten.

Vier Männer in historischen Militäruniformen mit Mützen und Gehstöcken stehen auf einer Wiese unter bewölktem Himmel

Umgedeutetes Erbe: Hereromänner, deren Volk keine eigene Armee hat, in Militäruniformen der damaligen deutschen Kolonialherren. Scheint erstmal widersprüchlich, soll aber symbolisieren, dass deren Regiment vorbei ist 

Dass der Völkermord an den Herero und Nama rechtlich nicht nach den heutigen Maßstäben bewertet werde, schmälere nicht die Verantwortung dafür, zu der sich Deutschland im moralischen und politischen Sinne bekenne, sagt Bald. Deutschland und Namibia haben sich im Mai 2021 auf eine gemeinsame Erklärung geeinigt. Diese sieht vor, dass Deutschland über die nächsten 30 Jahre 1,1 Milliarden Euro an Namibia zahlt. Deutschland bietet diese Summe freiwillig als Geste der Versöhnung an, zu der es nicht rechtlich verpflichtet ist. Denn die Zahlung gilt offiziell als Entwicklungshilfe, nicht als Reparation. Reparationen rückwirkend zu bezahlen, würde einen Präzedenzfall schaffen, den auch andere ehemalige Kolonien als Argumentationsgrundlage nutzen könnten. Die Erklärung stieß in der namibischen Gesellschaft allerdings auf Ablehnung. 

Die Nachkommen der Herero und Nama fühlen sich übergangen 

Als dann im Oktober 2021 bekannt wurde, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier plane, für eine offizielle Entschuldigung nach Windhuk zu reisen, organisierte Muzengua Proteste in der namibischen Hauptstadt. „In Windhuk sitzen nicht die Opfer“, sagt Muzengua. „Die Opfer sind nicht in der Regierung. Wir wollten, dass die Entschuldigung direkt bei den Gemeinden ankommt. Sonst ist sie nicht echt.“ 

2025 hat die namibische Regierung einen offiziellen Gedenktag zum damaligen Völkermord eingeführt – ein erster Schritt, die Herero und Nama in die öffentliche Debatte miteinzubeziehen. Gleichzeitig sorgt das gewählte Datum, der 28. Mai, für Kritik: Vertreterinnen und Vertreter der Herero und Nama hätten sich einen anderen Tag gewünscht und sehen in der Entscheidung einen Kompromiss, der ihrer Perspektive nicht gerecht wird. Manche verweisen auf Daten, die direkter mit zentralen Ereignissen des Genozids verbunden sind und deshalb aus ihrer Sicht besser als Bezugspunkt taugen.
 

Für viele Nachkommen der Herero und Nama klafft eine Lücke zwischen symbolischer Entschuldigung und materieller Gerechtigkeit. Auch dass das Geld und die Entschuldigung an die namibische Regierung gehen sollen, die beides im Namen der Herero und Nama anzunehmen bereit ist, und nicht an die Nachfahren der Völker selbst, sehen viele kritisch. Sie fühlen sich, als würde ihre Geschichte erneut übergangen. „Es geht bei der Summe nicht nur um Geld, sondern auch um Würde“, sagt Joyce Muzengua. 

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Fotos: Stephan Gladieu / Le Figaro Magazine / laif