Dreharbeiten an einem schwarzen Auto mit rotem Innenraum, zwei Personen sitzen vorne, mehrere Personen mit Kamera- und Tonausrüstung stehen außen

Once upon a time in Nollywood

Streamingdienste verschaffen Nigerias riesiger Filmbranche zunehmend internationales Publikum. Und auch die Inhalte der Filme ändern sich. Zu Besuch bei zwei jungen Filmschaffenden in Nollywood

Text und Fotos: Leon Scheffold
Thema: Kultur
29. Januar 2026

Bei der Fahrt über die fast zwölf Kilometer lange Brücke, die das nigerianische Festland mit dem auf einer Insel gelegenen Zentrum von Lagos verbindet, eröffnet sich ein beeindruckender Blick. Auf „Lagos Island“, dem Manhattan Nigerias, recken sich die Wolkenkratzer in den Himmel. Wer es sich leisten kann, mietet sich eine Wohnung auf der Insel, trinkt eisgekühlten „Zobo“-Hibiskustee in klimatisierten Cafés und tanzt in Nachtclubs zu dröhnenden Afrobeats.

Mit rund 18 Millionen Einwohner:innen ist Lagos die größte Stadt Westafrikas und zugleich das Herz von Nollywood. Seit Nigeria im Jahr 1999 zur Demokratie zurückfand, boomt die Filmindustrie des Landes. Nollywoods Anfänge gehen auf simple Filme zurück, die mit VHS-Kameras gedreht und auf Straßenmärkten vertrieben wurden. Ein Journalist der „New York Times“ taufte die Branche im Jahr 2002 dann auf ihren Namen. Inzwischen gehört Nollywood neben Bollywood aus Indien und Hollywood zu den drei größten Filmindustrien der Welt: Rund 2.500 Filme drehen Nigerias Filmteams jährlich, über eine Million Menschen arbeiten direkt und indirekt in der Kreativindustrie des Landes.

Maryjane Ojie ist eine der vielen jungen Lagosianer:innen, die vom Leben auf Lagos Island träumen. Sie arbeitet als Production-Managerin am Set der Krimiserie „Novara“, die vom Kampf der nigerianischen Polizei mit einem berüchtigten Kartellboss handelt. Am heutigen Drehtag filmt die Crew in der Stadtvilla des Verbrechers. Maryjane organisiert den Drehtag, kontrolliert den Ablauf. Im Minutentakt blickt sie aufmerksam auf ihr Handy, jedes Crewmitglied wird von der 31-Jährigen mit einem breiten Lächeln begrüßt. „Ich liebe es am Set“, sagt sie. Doch sie meint auch: „Nollywood ist ein Fluch.“

Maryjane Ojie, eine Production-Managerin in Nollywood steht in einem Raum mit Kameraequipment und einer weiteren sitzenden Person im Hintergrund, Ojie trägt ein gestreiftes Hemd und eine schwarze Hose

Maryjane Ojie stand in Nollywood erst vor der Kamera, jetzt dahinter

Seit einigen Jahren versucht sie, sich in der Branche einen Namen zu machen. „Ich habe erst als Schauspielerin gearbeitet, dann habe ich die Arbeit hinter der Kamera für mich entdeckt.“ Nach einer Weiterbildung in der Film- und Fernsehproduktion half sie bei einigen kleinen Sets mit, jetzt ergatterte sie ihren ersten großen Job. „Seinen Platz in der Filmbranche zu finden, ist ganz schön schwer. Vor allem hier in Lagos“, sagt sie.

Daher probieren sich einige junge Nigerianer:innen selbst aus, drehen mit ihren Handys Filme und laden diese ins Netz. „Viele Filmemacher:innen sind mit ihren YouTube-Videos bekannt geworden“, erklärt Maryjane. Wer eine sichere Anstellung in großen Kinoproduktionen oder an Filmsets anstrebt, muss sich mit gewissen Spielregeln arrangieren.

Hitzige Gehaltsverhandlungen sowie ein berüchtigter Verkehr, der Filmteams wertvolle Stunden raubt, sind Alltag. „Wie lang die Drehtage sind, weiß nur Gott“, lacht Maryjane. Und dann sind da noch die „Omo Onile“: Männer, die Geld fordern, wenn jemand an einem bestimmten Ort drehen möchte. Auch an öffentlichen Plätzen. Aus dem Yoruba übersetzt bedeutet „Omo Onile“ so viel wie „Kinder des Landbesitzers“. Sie begründen ihren Anspruch damit, dass ihre Vorfahren das Land früher besessen haben. Doch nicht immer entspricht das auch den Tatsachen, ebenso wenig wie der gültigen Rechtslage. Manche „Omo Onile“ schrecken auch nicht vor Gewalt zurück, um illegal Geld zu erpressen: „Wenn man die nicht bezahlt, ist man erledigt, sobald man das Equipment auspackt“, sagt Maryjane.

Der Produktionsleiter der Serie „Novara“, Dr. Agozie Ugwu, lehrt an der University of Abuja. Er beobachtet die globale Filmwelt: „Irgendwann könnten wir das Zeug dazu haben, Hollywood zu überholen“, glaubt er. Denn während renommierte US-Studios an Einfluss verlieren, wächst Netflix weiter. Falls die geplante Übernahme von Warner Bros. mit dessen Streamingdienst HBO Max stattfindet, könnte Netflix eine Plattform mit über 400 Millionen Nutzer:innen betreiben. „Unsere Filme werden immer sichtbarer auf der Weltbühne“, erklärt Dr. Ugwu.

Person sitzt auf einem braunen Sofa vor einer holzvertäfelten Wand mit drei gerahmten Fotos und einer weißen Stehlampe rechts

Dr. Agozie Ugwu glaubt daran, dass Nollywood das Zeug dazu hat, eines Tages Hollywood zu überholen

Zusätzlich beobachtet der Filmwissenschaftler eine Abkehr vom klassischen Nollywood-Genre, das ursprünglich für einfache melodramatische oder komödiantische Filme bekannt war: „Früher gab es in Filmen meistens eine böse und eine gute Figur. Und einen Pastor, der dann die Probleme löst. Doch inzwischen geht der Trend zu Filmen mit Impact“, sagt er. Junge Filmemacher:innen rücken mit ihren Filmen Themen in den Vordergrund, die die Menschen bewegen: Migration, Korruption, Sexismus, Ethnizität und Kriminalität prägen moderne Nollywood-Blockbuster. Beispielsweise sicherte sich ein Jahr nach „The Black Box“ der Nollywood-Thriller „Hijack ’93“ ebenfalls Platz drei der globalen Netflix-Charts. Der Film handelt von vier Jugendlichen, die ein Passagierflugzeug entführen, um auf die Korruption und die ausweglose Situation ihrer Generation in Nigeria aufmerksam zu machen.

„Streaming hat eine große Chance für nigerianische Filmemacher:innen geschaffen“, sagt Maryjane. Doch gebe es noch Baustellen in Nollywood: „Uns fehlt es an Zuschüssen und Förderungen. Und das wenige Geld, das es für die Filmbranche gibt, ist dann auch noch unfair verteilt.“ Ein Großteil der Nollywood-Filme entsteht mit privaten Geldern. Die unzureichend gestaltete staatliche Filmförderung lockt renditehungrige Investoren, die ihr Vertrauen lieber etablierten Filmemacher:innen schenken. „Junge Menschen gehen da oft leer aus“, sagt sie.

Am Set von „Novara“ hat Maryjane inzwischen Mittagspause. Sie schiebt sich einige Löffel Reis in den Mund und tippt mit der anderen Hand den Drehplan des nächsten Tages in ihren Computer. Der anstrengende Vormittag hinterlässt kleine Schweißperlen auf ihrer Stirn. „Ich habe es nie bereut, mich für Nollywood entschieden zu haben“, sagt sie. Trotz des anstrengenden Alltags fand sie in dem Beruf ihre Leidenschaft: „Nach einer Woche zu Hause freue ich mich schon wieder auf den nächsten Dreh“, grinst sie und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

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