Indonesische Demonstranten mit One Piece Flagge  und Polizisten vor Palmen

Aus der Serie auf die Straße

Auf Demonstrationen in vielen Ländern wehte in den letzten Monaten die Piratenflagge aus dem Manga „One Piece“. Sie ist längst nicht das einzige Protestsymbol, das aus der Popkultur stammt. Wir erklären vier von ihnen

Von Michael Brake
Thema: Protest
24. November 2025

Die One-Piece-Flagge

Was? 

Schwarzer Grund, ein Schädel, dahinter zwei gekreuzte Knochen: das klassische Piratenflaggen-Motiv, aber im Comicstil gezeichnet und mit markantem Strohhut.

Warum? 

In einer der erfolgreichsten Manga- und Animereihen der Welt, „One Piece“ des Japaners Eiichirō Oda, legen sich der Hauptcharakter Monkey D. Ruffy und seine Piratenbande mit allerlei mächtigen Gegnern an, auch einer undurchsichtigen Weltregierung.

Wo? 

Angefangen hat es im Sommer 2025 in Indonesien: Erst hatte die Regierung die Menschen dazu aufgerufen, zum Nationalfeiertag die indonesische Flagge aufzuhängen, doch aus Unzufriedenheit hissten viele stattdessen die One-Piece-Flagge. Seit Ende August rollt zudem eine – stellenweise gewalttätige, größtenteils aber friedliche – Protestwelle durchs Land. Grund dafür ist die schlechte wirtschaftliche Situation vieler Indonesier:innen, die zudem die massiven Privilegien für Parlamentarier:innen als überzogen kritisieren. Auch dort findet sich die Flagge – und bald darauf bei Demonstrationen in zahlreichen anderen Staaten, etwa in Marokko, Frankreich, den Philippinen und Osttimor. 

Getragen wurden sie vor allem von jüngeren Menschen, weshalb sie auch oft als „Gen-Z-Proteste“ bezeichnet werden. Zweimal sind durch solche Proteste sogar Regierungen gestürzt worden: im September in Nepal und im Oktober in Madagaskar, wo nach dem Sturz eine Militärregierung eingesetzt wurde, was unter anderem die UNO kritisiert hat. In Madagaskar hat die One-Piece-Flagge übrigens ein leichtes Makeover erhalten, statt eines Strohhuts trägt sie eine madagassische Kopfbedeckung. Das Protestsymbol hat sich verselbstständigt.

Fünf Personen mit Guy-Fawkes-Maske schauen in die Kamera

Foto: Valery Hache / AFP via Getty Images

Die Guy-Fawkes-Maske

Was? 

Eine starre Plastikmaske mit schneeweißer Haut, rosa Bäckchen, Musketier-Bart und spöttischem Grinsen.

Warum?

Die Maske stammt aus der britischen Comicreihe „V for Vendetta“, die Alan Moore und David Lloyd in den 1980er-Jahren geschaffen haben und die 2005 verfilmt wurde. Dort herrscht ein faschistisches Regime über England, gegen das sich der maskierte Anarchist und Einzelkämpfer V auch mit Bombenattentaten auflehnt. Seine Maske soll wiederum Guy Fawkes darstellen, einen wirklich existierenden Offizier, der 1605 versucht hatte, das britische Parlament zu sprengen und dabei alle Anwesenden inklusive des englischen Königs zu töten, aber vorher gefasst und gehängt wurde.

Wo?

Zum politischen Symbol wurde die Guy-Fawkes-Maske vor allem durch das dezentral organisierte Hacker- und Aktivistenkollektiv „Anonymous“, das sich in den Nullerjahren als Teil der frühen Netzkultur formierte. Zunächst eher als Spaßaktion gedacht, wurde Anonymous ab 2008 zunehmend ernsthaft politisch, etwa mit Aktionen und teils illegalen Angriffen gegen Scientology, Finanzunternehmen, Handelsabkommen und das Urheberrecht, mit der Unterstützung der Whistleblower von Wikileaks oder auch im Rahmen des Arabischen Frühlings. Die Maske war ebenfalls eines der zentralen Symbole auf den Demonstrationen der linken „Occupy Wall Street“-Proteste 2011/2012, die gegen einen unkontrollierten Finanzsektor und für mehr Umverteilung kämpften.

Personen in roten Roben und weissen Hauben laufen in Richtung des Kapitol

Foto: Allison Bailey / IMAGO / NurPhoto

Die rote Robe

Was? 

Eine dunkelrote Robe mit Kapuze, kombiniert mit einer riesigen weißen Haube.

Warum?

Hier geht es um die 2017 gestartete Serie „The Handmaid’s Tale“ – ebenfalls eine Buchverfilmung, sie basiert auf Margaret Atwoods „Der Report der Magd“. In einer nahen Zukunft ist aus den USA eine christlich-fundamentalistische Diktatur geworden, in der Frauen so gut wie keine Rechte haben. Zudem sind die meisten Menschen aufgrund von Umwelteinflüssen und atomarer Verseuchung unfruchtbar. Die wenigen noch gebärfähigen Frauen werden als Dienstmägde versklavt und vergewaltigt, um möglichst viele Kinder auf die Welt zu bringen. Als Erkennungszeichen müssen sie rote Roben tragen.

Wo?

Bei zahlreichen Demonstrationen, Mahnwachen und anderen Protesten rund um Geschlechtergerechtigkeit und körperliche Selbstbestimmung treten seit 2017 Frauen mit roten Roben und weißen Hauben auf, sei es in Spanien, Nordirland, Argentinien – und vor allem in den USA, dem Ursprungsland von „The Handmaid’s Tale“, wo unter der Regierung Trump das Recht auf Abtreibung weiter eingeschränkt wird.

Demonstranten machen den Drei-Finger-Gruß

Foto: Louise Delmotte / Getty Images

Der Drei-Finger-Gruß

Was? 

Eine Geste mit der rechten Hand. Zeige-, Mittel- und Ringfinger sind hoch in die Luft gestreckt, sie berühren einander und bilden eine Einheit. Der Daumen drückt derweil den kleinen Finger runter.

Warum? 

Der Gruß kommt aus der dystopischen Filmreihe „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“, ursprünglich eine Romantrilogie von Suzanne Collins. Hier wird er zum Zeichen des Widerstands gegen das diktatorische Regime, das über Panem herrscht.

Wo? 

Zunächst in Thailand. 2014, als die Filmreihe gerade auf dem Höhepunkt ihrer Bekanntheit war, übernahm in dem südostasiatischen Land das Militär mit einem Staatsstreich die Macht. Schon kurze Zeit später tauchte der Drei-Finger-Gruß bei Protesten gegen die Militärherrschaft auf und verbreitete sich schnell. Die neuen Machthaber ließen ihn zeitweise verbieten, es kam sogar zu Festnahmen. Der im Herbst 2014 veröffentlichte dritte Teil der „Panem“-Filmreihe wurde in einigen Kinos in Thailand nicht gezeigt. 2021 war der Drei-Finger-Gruß dann auf den Straßen von Thailands Nachbarland Myanmar präsent. Auch hier hat das Militär mit einem Putsch die Herrschaft übernommen und die frisch begonnene Demokratisierung des Landes gestoppt.

Vorsicht, Verwechslungsgefahr: 

Diese Geste ist auch ein Gruß der internationalen Pfadfinderbewegung, nur dann auf Kopfhöhe, wie bei einem Schwur. Und in der Ukraine gibt es eine Variante mit auseinandergespreizten Fingern, die den Tryzub – den Dreizack im Wappen des Landes – symbolisieren soll. Sie war in den 1980ern ein Zeichen der Unabhängigkeitsbewegung und ist heute Teil des Parteilogos der rechtsextremen Swoboda-Partei.

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Titelbild: Yasuyoshi Chiba /AFP via Getty Images