Zwei Erwachsene halten bunte Regenschirme über ein Kind mit gelben Gummistiefeln und Teddybär, während es regnet, sie symbolisieren die Pflegeeltern des Kindes

Familie + 1

Pflegeeltern werden dringend gesucht, gleichzeitig denken viele ans Aufhören. Birgit Krusches Familie hat Emil aufgenommen, als er 4 war. Heute ist er 16 – und sie fragt sich manchmal, wie lange sie noch durchhält

Von Paulina Albert
Thema: Arbeit
25. März 2026

Auf dem Foto im Wohnzimmerregal grinsen vier der fünf Familienmitglieder: Die Eltern, Birgit* und Martin*, und zwei Kinder mit braunen Locken. Nur der blonde Junge ganz vorn im Bild zieht eine Grimasse. Er heißt Emil* und war, als das Foto aufgenommen wurde, 4 Jahre alt. Seit einem halben Jahr lebte er zu diesem Zeitpunkt bei Familie Krusche*.

Emil ist ein Pflegekind. Birgit Krusche erinnert sich noch gut, wie er in der ersten Nacht mehrmals vor ihrer Schlafzimmertür stand. „Um sich zu vergewissern, dass da jemand ist.“ 

In Deutschland leben etwa 87.000 Kinder wie Emil in Pflegefamilien. Die häufigsten Gründe, warum Kinder nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen, sind: dass sie unbegleitet nach Deutschland eingereist sind, Überforderung der Eltern sowie Vernachlässigungen und körperliche oder psychische Misshandlungen. Das Jugendamt nimmt Kinder dann aus ihren Familien, wenn es befindet, dass sie dort nicht sicher sind und andere Hilfe nicht wirkt. Innerhalb von wenigen Tagen entscheidet dann ein Familiengericht, ob das angemessen ist. Eine Mitarbeiterin des Jugendamts traf Emil in der Küche seiner leiblichen Mutter an. Da war er 3 Jahre alt und suchte nach Essen. Ein Jahr später kam er zu den Krusches. Das ist jetzt zwölf Jahre her. 

Birgit und Martin diskutieren mit ihm darüber, wann er seine Hausaufgaben macht, wie viel Handyzeit er bekommt, und fahren mit ihm in den Urlaub. Sie haben aber nicht das volle Sorgerecht. Größere Entscheidungen wie einen Schulwechsel oder Impfungen dürfen sie nicht für Emil treffen. 

Es fehlen Tausende Plätze in Pflegefamilien

Laut Statistischem Bundesamt ging die Zahl der Inobhutnahmen 2024 erstmals wieder zurück, nachdem sie zuvor drei Jahre in Folge gestiegen war. Der Rückgang ist darauf zurückzuführen, dass es weniger unbegleitete Einreisen gibt. Gleichzeitig nahmen Fälle von Kindeswohlgefährdung zu. Expertinnen sehen neben der zunehmenden häuslichen Gewalt auch psychische und finanzielle Krisen als Gründe. „Viele Familien zerbrechen an prekären Jobs und steigenden Wohnkosten. Es gibt häufig einen Armutsfaktor“, sagt Dr. Carmen Thiele vom Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien (PFAD). Ihre Kollegin Ulrike Schulz ergänzt: „Die Kinder, die in die Jugendhilfe gelangen, kommen überproportional von Alleinerziehenden und Familien, die Sozialleistungen beziehen.“ 

Seit etwa zehn Jahren gebe es in Deutschland solch einen Mangel an Pflegeeltern, dass die Jugendhilfe von einer Krise spricht. Thiele schätzt, dass aktuell etwa 5.000 Plätze in Pflegefamilien fehlen. 

Viele Pflegeeltern hören altersbedingt auf. Zu wenige sind bereit nachzurücken. Das liege an vielen unterschiedlichen Faktoren, sagt Thiele, der Mangel sei schleichend entstanden. Ein Grund: Viele Familien können sich heute nur noch finanzieren, wenn beide Elternteile arbeiten. Für das Pflegekindersystem ist das ein Problem. „Das traditionelle Familienmodell mit einem Alleinverdiener war die Basis“, sagt Thiele. Pflegekinder bräuchten meist mehr Unterstützung, die schwerer aufzubringen ist, wenn die Eltern voll arbeiten.

Das Jugendamt zahlt den Pflegeeltern zwar einen sogenannten Sachaufwand für den Unterhalt des Kindes und eine Pauschale für die Erziehung in Höhe von etwa 430 Euro im Monat. Doch Pflegeelternschaft ist ein Ehrenamt. Gerade dadurch entsteht eine Lücke: Wer weniger arbeitet, um ein Pflegekind zu betreuen, trägt die finanziellen Folgen allein. Vor allem Pflegemütter leben oft in Altersarmut oder finanzieller Abhängigkeit, weil ihre Altersvorsorge nur minimal vom Jugendamt bezuschusst wird. 

„Man kann es nicht aufholen. Das, was in den ersten Jahren passiert ist, zählt. Er ist kein Kind, das einfach mitläuft.“

Birgit Krusche* über ihren Pflegesohn Emil*

Birgit Krusche ist 60 Jahre alt und arbeitet Teilzeit als Lehrerin. Fragt man sie nach den Problemen, die sie als Pflegemutter hat, spricht sie nicht von Geld. Sie spricht von Emil. Einem Jungen, der im Kindergarten um sich schlug und biss, der am Küchentisch sitzt und nicht ansprechbar ist, der Konflikte einfach aussitzt. Sie sagt: „Man kann es nicht aufholen. Das, was in den ersten Jahren passiert ist, zählt. Er ist kein Kind, das einfach mitläuft.“ 

Emil hat zu seiner leiblichen Mutter regelmäßig Kontakt. „Wenn er bei ihr ist, ist er oft total durch den Wind. Das hat am Anfang drei oder vier Tage gedauert, bis ich ihn wieder in der Spur hatte.“ Sie werde oft wütend deswegen. Krusche sagt, die Regeln, die bei ihnen gelten, zählten bei Emils leiblicher Mutter nicht. Manchmal sei es schwer zu ertragen, dass jemand so in ihre Erziehung reinfunkt. „Aber sie ist eben seine Mutter. Ich weiß, er liebt sie.“

Vor allem am Anfang fühlte sich Krusche oft alleingelassen. Sie sagt, es gibt Dinge, die Emil nicht loslassen, etwa die Angst vor Hunger. „Wir sind mit der Hoffnung gestartet, dass ein stabiles Umfeld aus Struktur, Wärme und familiärer Geborgenheit viel auffangen kann, was ein Kind in seinen ersten Lebensjahren vermisst hat.“ Aber mit der Zeit habe sie gelernt, dass sich frühe Verletzungen nicht einfach auflösen lassen. Sie könnten nur behutsam abgefedert werden. Als sie das begriff, habe sie auch gemerkt, dass sie es allein nicht schafft. Dass sie Hilfe von außen brauchen, „und zwar viel mehr, als ich mir vorgestellt hatte“. 

Seit zweieinhalb Jahren hat Emil einen Erziehungsbeistand, und eine Zeit lang wurde Krusche von einer Traumapädagogin und systemischen Beraterin begleitet, „weil es uns als Pflegeeltern einfach nicht gut ging“.

Vor einem Jahr wurde es alles zu viel

Und trotzdem musste sich Birgit Krusche vor einem Jahr gestehen, dass ihr Emil zu viel ist. Sie sagt, in der Beziehung mit Emil gab es nichts Schönes mehr. Sie konnten nicht mal über Banales sprechen. Als dann noch ihr Vater starb, fragte sie sich, wie viel Zeit ihr für sich selbst bleiben würde. Die Unterstützung half, aber die Gespräche kosteten auch eine Menge Zeit. Krusche dachte: „Bei anderen in meinem Alter ziehen die Kinder gerade aus. Und ich kämpfe hier und weiß gar nicht, ob es was bringt.“ Sie sagt, es sei keine Überforderung, sondern „diese leise, dauerhafte Erschöpfung. Immer wieder erinnern, erklären, begleiten, bei Dingen, die für andere selbstverständlich sind.“ 

Birgit Krusche sprach mit ihrem Mann über ihre Zweifel, dann mit dem Jugendamt, das ein Pflegeelterncoaching anbot. Sie schauten sich eine Wohngruppe an, in die Emil ziehen könnte. Dann stellten sie ihn vor die Wahl: Entweder er benimmt sich und hält sich an ihre Regeln, oder er zieht aus. 

Spricht man Emil darauf an, sagt er, dass er nicht in eine Wohngruppe will, weil er dann die Schule wechseln müsste. Auch weil er bei Familie Krusche zu Hause ist? Er nickt. Emil ist ein stilles Kind. Auf Fragen antwortet er oft nur so, mit Nicken oder Kopfschütteln. 

Wenn man ihn fragt, wie es gerade mit seiner Pflegemutter ist, sagt er: „Birgit ist manchmal mit mir überfordert.“ Er finde das „nicht so schön“, aber er verstehe schon, warum. Fragt man ihn nach Problemen, nennt er die Busverbindung zu seiner Mama, manchmal sei es für ihn schwierig, zu ihr zu fahren. Sonst würde er sich nicht wünschen, dass etwas anders läuft. Er sagt: „Es ist gut hier.“ Und das sei auch schon immer so gewesen.

Krusche sagt, dass es gerade so schwer sei, liege auch an der Pubertät. Und daran, dass sie selbst älter werde. „Ich bin ja keine junge Mutter für Emil.“ 

Fragt man sie, ob es mehr Unterstützung bräuchte, sagt sie nur, dass es gut wäre, wenn Unterstützung früher und offener angeboten würde. „Und eine Woche Urlaub ohne das Pflegekind würde uns guttun.“ Was ihr wirklich helfe, sei der Austausch mit anderen Pflegeeltern. „Wir haben ja alle dieselben Probleme.“ 

„Wir sind für diese Kinder Eltern. Wir wissen meist sehr gut, was sie brauchen.“

Ulrike Schulz, Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien

Ulrike Schulz und Carmen Thiele von PFAD sagen, es gäbe viele Möglichkeiten, um Pflegefamilien zu entlasten. Organisationen, in denen sich Pflegeeltern austauschen können, müssten besser gefördert werden, sagt Schulz. Auch die Erwartungshaltung müsse sich ändern: „Pflegefamilien müssen so leben dürfen wie andere moderne Familien auch. Die Existenzsicherung der Pflegeperson wird nicht mitgedacht, weil erwartet wird, dass der Partner sie finanziert. Wenn die Ehe nicht hält, hat die Pflegeperson kaum Polster. Viele müssen dann Grundsicherung beantragen“, sagt Thiele. Pflegeeltern sollten Anspruch auf Elterngeld und eine Altersvorsorge in einer Höhe haben, die sie unabhängig davon macht. 

Jugendämter bräuchten mehr Kapazitäten, um besser mit den Pflegefamilien zusammenzuarbeiten. Und es brauche mehr Anerkennung, sagt Schulz, die selbst Pflegemutter ist. „Wir sind für diese Kinder Eltern. Wir wissen meist sehr gut, was sie brauchen.“ 

Emil entschied vor einem Jahr, dass er bei Familie Krusche bleiben will. Birgit Krusche sagt, er strenge sich an, „aber es wird nie aufhören, dass man hinter ihm her sein muss“. Wenn man sie fragt, ob sie wieder ein Pflegekind aufnehmen würde, überlegt sie lange. Dann sagt sie Ja. Aber sie würde nicht mehr arbeiten wollen dabei. Es seien die kleinen Erfolge, die sie darin bestärken: Gefühle, die Emil jetzt mehr zeigen und manchmal auch benennen kann. Wut, Angst, Trauer, Freude. Dass er gelernt hat, zu spielen und Fantasie zu entwickeln. Dass er Bücher für sich entdeckt hat. Und sein Vertrauen.

* Namen geändert

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Illustration: Alexander Glandien