Sind wir alle traumatized?
Habe ich eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Autismus oder doch eine Angststörung? Das fragen sich heute viele junge Menschen. Unsere Autorin war bei der Therapie und kennt die Suche nach dem Warum
Depression, Anxiety, ADHS und Hochsensibilität. Wörter, die scheinbar zu unserem Alltag dazugehören. Sie begegnen uns auf TikTok und Instagram, eben dort, wo wir uns tagtäglich aufhalten. Wir sprechen darüber mit Freund:innen, ohne immer zu wissen, was wir damit eigentlich anstellen. Auch eine Bekannte sprach letztens erst von ihrem ADHS-Brain, und ich fragte mich, wie lange wohl ihr Weg zur Diagnose war. Turned out: Selbstdiagnose.
Ich bin mal offen. Ich war schon zweimal bei der Therapie. Das letzte Mal für mehrere Jahre, und ich muss sagen: Ich weiß noch immer nicht, was mit mir „nicht stimmt“. Wahrscheinlich stand eine Diagnose irgendwo verschlüsselt auf meinen Anträgen an die Krankenkasse. Übersetzen lassen habe ich mir das aber nie. Und meine Therapeutin verfolgte die Philosophie, dass es mir nicht unbedingt helfen würde zu wissen, was ich habe. Es ging immer eher darum, woher bestimmte Gedanken kommen und wie ich mit ihnen umgehe.
Das hat mich eine Zeit lang etwas frustriert. Auch ich war auf der Suche nach dem einen Wort, das endlich alles erklärt. Warum komme ich morgens so schlecht aus dem Bett? Warum bin ich traurig? Warum kann ich so scheiße chaotisch sein? ADHS? Depression? Oder doch einfach hochsensibel?
Ein Symptom, viele mögliche Krankheiten
Rammiya Gottschalk ist Verhaltenstherapeutin in Dorsten, Nordrhein-Westfalen. Sie erlebt in ihren Sitzungen häufig, dass vor allem jüngere Patient:innen mit Selbstdiagnosen zu ihr kommen. Die nehme sie auch ernst, denn die Patient:innen hätten ja gute Gründe dafür, warum sie an ihre Diagnose glauben. Häufig muss Gottschalk dann erst einmal aufklären. Ein bestimmtes Symptom zum Beispiel kann bei ganz verschiedenen Krankheiten auftreten. Konzentrationsstörungen können ein Symptom von ADHS, aber auch Depressionen sein. „Bei ADHS lässt man sich leichter ablenken, weil man reizoffener ist“, sagt Gottschalk. „Bei Depressionen hingegen liegt es an der Antriebslosigkeit und dem ständigen Grübeln.“
Gottschalk kann dennoch gut verstehen, warum immer mehr Leute sich selbst diagnostizieren: Die Suche nach einem Therapieplatz ist anstrengend und dauert häufig lange, gleichzeitig möchte man irgendwann ja „Antworten“ haben. Und wenn man etwas hört, das einem vertraut vorkommt, entsteht ein sogenannter Wiedererkennungseffekt: Ich fühle mich müde und antriebslos und vermute, ich habe eine Depression, da gehe ich auf die Suche nach der Bedeutung dieser Symptome und finde dabei noch zwei, die passen könnten, und bestätige so meine Selbstdiagnose.
Eine Diagnose kann wichtig sein – vor allem, wenn der Leidensdruck sehr groß geworden ist. ADHS-Patient:innen können dann zum Beispiel auch Medikamente verschrieben bekommen, in der Schule oder im Studium können Lehrer:innen und Dozent:innen den Personen entgegenkommen.
Gottschalk rät, eine Diagnose nur von Expert:innen vornehmen zu lassen. Eine Therapeutin kann objektiv abschätzen, aus welchen Gründen verschiedene Symptome auftauchen. Auch körperliche Ursachen wie eine Schilddrüsenunterfunktion, die wie Depressionen ebenfalls Müdigkeit auslösen, können dann ausgeschlossen werden.
Die Inflation der krassen Begriffe
Und dann wären da noch die sozialen Aspekte. Wenn alle erzählen, dass sie depressiv sind, kann das einerseits dazu führen, dass wir offener über Depressionen reden. Andererseits führt es dazu, dass man die Wörter falsch verwendet. Wer beispielsweise ein, zwei Tage etwas trauriger ist als sonst und das als Depression bezeichnet, meint eigentlich etwas anderes.
Noch krasser sei es bei Schizophrenie, erzählt Gottschalk. Die meisten beschreiben damit Menschen mit verschiedenen Persönlichkeiten. „Schizophrenie bedeutet aber, dass man Dinge sieht, die nicht da sind, dass man Stimmen hört, die nicht da sind“, erklärt Gottschalk. „Und wenn man einfach so lapidar sagt ,Ich bin schizophren‘, kann das total verletzend für Betroffene sein, die wirklich eine gesicherte Diagnose haben.“
Falsche Selbstdiagnosen laufen also immer Gefahr, ernsthafte Krankheiten zu verharmlosen. Schwerwiegende Folgen kann es haben, wenn Menschen dann versuchen, sich selbst zu therapieren. Wenn man beispielsweise seine angebliche ADHS mit Ritalin oder anderen Betäubungsmitteln vom Schwarzmarkt behandeln will ohne ärztliche Aufsicht. Das kann im schlimmsten Fall zu einer Suchterkrankung führen, so Gottschalk.
Wer sich ernsthaft mit psychischen Krankheiten auseinandersetzen will, sollte seriöse Quellen nutzen: Zum Beispiel können die Weltgesundheitsorganisation, Universitätsseiten oder die Checkliste für Depressionssymptome von der Deutschen Depressionshilfe erste Schritte sein, rät Gottschalk. Und wenn möglich, erst mal einen Therapieplatz suchen.
Grundsätzlich sind Hausärzt*innen die ersten Anlaufstellen bei psychischen Problemen. Bei Bedarf werdet ihr zum Beispiel an Psychotherapeut*innen überwiesen. Ihr könnt euch aber auch direkt an diese wenden.
Bei der Terminvermittlung für eine Psychotherapie kann die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung unter der Telefonnummer 116 117 helfen. Innerhalb einer Woche muss die 116 117 einen Termin vermitteln.
Zudem ist die Telefonseelsorge online oder unter der kostenlosen Hotline 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222 rund um die Uhr erreichbar.
Sollte die Gefahr der Selbst- oder Fremdgefährdung (insbesondere Suizidgefährdung) bestehen, zögert nicht, einen psychiatrischen Notdienst oder den Rettungsdienst unter der 112 zu verständigen.
Weitere Informationen zum Thema Mental Health findet ihr bei der Deutschen Depressionshilfe: www.deutsche-depressionshilfe.de
Psychotherapeut*innen: Sie haben ein Masterstudium in klinischer Psychologie mit anschließender mehrjähriger Therapeut*innenausbildung. Inzwischen bieten Universitäten auch ein Direktstudium zur Ausbildung in der Psychotherapie an. Psychotherapeut*innen behandeln psychische Erkrankungen. Im Mittelpunkt der Psychotherapie steht das Gespräch zwischen Therapeut*innen und Betroffenen. Psychotherapeut*innen dürfen keine Medikamente verschreiben. „Psychotherapeut“ ist eine rechtlich geschützte Berufsbezeichnung, der Begriff „Psychotherapie“ allerdings nicht.
Psychiater*innen: Sie haben Medizin studiert und anschließend eine Facharztausbildung in Psychiatrie oder Psychotherapie absolviert. Sie behandeln psychische Erkrankungen. Dafür können sie psychotherapeutische Mittel nutzen und Medikamente verschreiben. Sie dürfen Betroffene körperlich untersuchen.
Psycholog*innen: Sie haben Psychologie studiert, wobei die klinische Psychologie (Erforschung psychischer Krankheiten) nur ein Teil des Studiums ist. Sie behandeln keine psychischen Krankheiten. Sie arbeiten zum Beispiel in der Forschung, als Coaches oder im Personalbereich großer Unternehmen.
Verhaltenstherapie: Im Rahmen der Therapie arbeiten Betroffene mit therapeutischer Hilfe erlernte problematische Verhaltensweisen heraus, die durch Veränderungen der Denkstrukturen und Einstellungen verbessert werden sollen.
Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie: Während der Therapie stehen unbewusste Konflikte und verdrängte Erfahrungen aus der Vergangenheit im Fokus, die Auswirkungen auf die aktuelle psychische Belastung haben.
Analytische Psychotherapie: Hierbei geht es vor allem darum, sich frühere Beziehungsmuster, verdrängte Gefühle, Erinnerungen und innere Konflikte bewusst zu machen. Diese Therapie geht meistens über einen längeren Zeitraum.
Systemische Therapie: Hier steht das soziale System einer Person im Mittelpunkt. Zum Teil werden Bezugspersonen mit in die Therapie einbezogen und so Veränderungen in der Beziehung oder dem Umgang miteinander angestoßen.
Medikamentöse Therapie: Zusätzlich zur Psychotherapie kann eine ergänzende medikamentöse Therapie sinnvoll sein. Je nach Diagnose und Symptomen werden verschiedene Wirkstoffe eingesetzt. Bei starken Beschwerden oder akuten Fällen kann ein Aufenthalt in einem Krankenhaus oder einer Tagesklinik nötig sein.
Für Betroffene und Angehörige kann es trotzdem sinnvoll sein, über potenzielle Diagnosen zu sprechen. Aber ob der Ex nun wirklich Narzisst ist, die Freundin eine hochfunktionale Angststörung hat oder man selbst ADHS, sollten wir vielleicht doch den Therapeut:innen überlassen.
Ich kenne meine Diagnose bis heute nicht – und habe aufgehört, danach zu suchen. Zwar finde ich mich hin und wieder in Beschreibungen wieder, doch mittlerweile konzentriere ich mich nicht mehr auf die Frage, was ich habe, sondern darauf, wie ich mit alldem umgehe. Denn auch ohne Diagnose habe ich verstanden: Es ist nicht so, dass „etwas nicht mit mir stimmt“. Vielmehr gibt es Gründe dafür, warum ich so bin, wie ich bin. Und das ist – so meine Diagnose – völlig nachvollziehbar.
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