Therapie ohne Therapeutin
In der Arte-Serie „Everyone is Fucking Crazy“ stolpern vier junge Menschen in eine selbst verordnete Gruppentherapie. Daraus wird eine Coming-of-Age-Geschichte, die das Thema mentale Gesundheit verhandelt, ohne es zum Spektakel zu machen
Worum geht’s?
Derya, Malik, Schröder und Chloë waren Patient:innen von Dr. Thomalla. Waren – denn die Serie beginnt mit dem plötzlichen Tod der Psychotherapeutin. Zurück bleiben offene Fragen (war der Fenstersturz ein Unfall, Suizid oder sogar Mord?), das rote Notizbuch der Therapeutin und vier Menschen aus Saarbrücken, die plötzlich ohne Halt sind. Um herauszufinden, was am Tatort passiert ist, gibt sich Derya gegenüber der Polizei als Thomallas „Assistentin“ aus: eine Notlüge, die später auch als Startpunkt für die improvisierte Gruppentherapie dient. Deryas Idee scheint für alle überzeugend: besser als gar keine Therapie. Das Ergebnis ist schräg, chaotisch und überraschend zärtlich. Mal findet eine Konfrontationstherapie auf verlassenen Bahngleisen statt, oder die Gruppenteilnehmer:innen statten einander spontane Hausbesuche ab.
Worum geht’s eigentlich?
Um das Ringen mit sich selbst, miteinander und der Welt: Chloë (Maja Bons) hat starke Ängste und eine Zwangsstörung, Malik (Arsenij Walker) betäubt sich mit Substanzen und Medikamenten, Schröder (Luise von Stein) reagiert auf alles mit einer unkontrollierbaren Wut, und Derya (Via Jikeli) wirkt vorerst stabil, hat aber – wie man später erfährt – in der Vergangenheit auch ihre Probleme gehabt. Die Serie erzählt von psychischen Erkrankungen, zeigt aber auch vier Figuren, die viel mehr sind als eine Diagnose. „Everyone is Fucking Crazy“ handelt von Selbstermächtigung und Freundschaft, Fürsorge und Verzweiflung – und trifft einen Nerv, indem psychische Erkrankungen nicht als Ausnahmen dargestellt werden. Denn das sind sie leider nicht. Im Jahr 2024 berichteten etwa ein Fünftel der befragten Kinder und jungen Erwachsenen von anhaltenden psychischen Auffälligkeiten.
Wie wird es erzählt?
Am Anfang wirken Schröders Ausraster noch als handlungstreibende Plotgags, und die schrullige Darstellung von Chloës Zwangshandlungen liefert eine gewisse Komik. Doch schon bald taucht die Serie in die Innenwelten der vier Figuren ein, macht ihre Geschichten, aber auch ihren Leidensdruck nahbar: Wenn Chloës zwanghaftes Zahlensystem nicht mehr beruhigt, sondern den Tag frisst. Wenn die Dämpfer, die Malik sich verordnet, die Welt für ihn nicht mehr erträglich machen, sondern lebensgefährlich. Wenn Schröders Wut niemanden mehr schützt, sondern sie blind zuschlagen lässt. Wenn Deryas Hochmomente sie nicht mehr tragen, sondern Beziehungen überdehnen.
Die Kamera ist nah dran und locker geführt, so stellt sich das Gefühl ein, unmittelbar den Alltag der Protagonist:innen zu beobachten. In einzelnen Sequenzen verdichten sich Bild, Licht und Ton zu atmosphärischen Momenten, die das Innenleben der Figuren fühlbar machen. Dadurch erinnert „Everyone is Fucking Crazy“ häufig an die ZDF-Serie „DRUCK“. Sicher nicht zufällig, denn die Regisseurin Luzie Loose war hier ebenfalls beteiligt. Ein auffälliger, treibender Soundtrack trägt die Serie, die von Übergängen erzählt: „Stabil“ und „überfordert sein“ können schließlich ganz nah beieinanderliegen. So ist die Botschaft von „Everyone is Fucking Crazy“ mehr als titelgebend: Denn wer ist schon wirklich „normal“? Auch einige der vermeintlich „normalen“ Nebenfiguren halten, das wird im Laufe der Serie klar, vor allem die Fassade aufrecht. Zum Beispiel Chloës scheinbar „perfekte“ Schwester. Sie leidet – so wird später deutlich – still unter den abwesend wirkenden Eltern und dem hohen Anspruch.
Malik (Arsenij Walker) betäubt sich mit Substanzen und Medikamenten
Beste Szene
Als Derya Malik fragt, ob er das Leben nicht mal „ohne“ probieren wolle, das heißt ohne Pillen, ohne Dämpfer, ist Maliks Antwort trocken: „Mein Vater joggt jeden Tag und leert abends eine halbe Flasche Wein. Ich nehme eben Speed und Benzos.“ Andere Substanzen, gleiche Funktion? Moralische Kategorien sind in dieser Serie zweitrangig.
Wie ernst nimmt die Serie psychische Erkrankungen?
Ernst genug, um Diagnosen nicht als reine Abkürzung zu benutzen. Sie zeigt Figuren, die trotz Leidensdruck meist selbstbestimmt für sich einstehen und für die Diagnosen mehr Werkzeug als Urteil sind. Rückblenden in die Einzeltherapie-Sitzungen zeigen eine konfrontative Therapeutin, die ihre Patient:innen empathisch ermutigt, etwas an ihrem Leben zu verändern. Es sind Szenen, die einen realistischen Einblick in das Format Therapie geben. Dabei wird Therapie nicht als Einmallösung, Masterplan oder Wunder erzählt, sondern als gemeinsame Anstrengung mit Höhen und Tiefen. Wer sagt, dass Heilungsprozesse linear sind?
Lohnt sich das?
Ja. Weil die Serie Mitgefühl vermittelt, Innenperspektiven zugänglich macht und gleichzeitig Witz und Tempo liefert. „Everyone is Fucking Crazy“ betreibt keine Krankheitsschau, sondern erzählt davon, wie sich vier Patient:innen mit ihrer improvisierten Gruppentherapie gegenseitig unterstützen – mit Würde und Fehlversuchen. Spoiler: Zwar ist am Ende niemand „geheilt“, aber allein ist auch keiner mehr.
„Everyone is Fucking Crazy“ ist bis zum bis 7. Februar 2026 in der Arte-Mediathek verfügbar.
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Fotos: SR/© SR/REALFILM/Maori Waisburd