Timothée Chalamet mit gespiegelten Gesichtshälften  als Beispiel für Attraktivität

Was heißt hier schön?

Von Nofretete bis zu den Kardashians – wer bestimmt, wen wir für attraktiv halten, und was Attraktivitätsstudien nicht messen können

Essay: Rabea Weihser
Thema: Bildung
22. September 2025

Für die Kinnlinie von Timothée Chalamet oder Jacob Elordi nehmen junge Männer einiges auf sich. Auf TikTok verbreiten sich unter dem Hashtag #Looksmaxing fragwürdige und sogar gefährliche Methoden. Kieferorthopädische Zungengymnastik, das Rumbeißen auf Silikonknödeln oder mit einem Hämmerchen zugefügte Mikrobrüche sollen dem natürlichen Knochenwachstum nachhelfen. Breit, stark und dominant sollen die Kiefer danach aussehen.

Was in hypermaskulinen Incel-Foren begann, hat es in den Medienmainstream geschafft: Ein attraktiver männlicher Körper ist ein Alphakörper. Ein Körper, dem Testosteron aus jeder Pore quillt. Dann klappt’s auch mit den Girls. Und die? Sollen aussehen, als stünden sie unter besonders starkem Östrogeneinfluss: volle Lippen, kleine Nasen, große Augen, glänzendes Haar. Barbie und Jane. Ken und Tarzan.

Während Geschlechterrollen aufweichen und binäre Gewissheiten zerbröseln, klammern sich manche umso beharrlicher an männliche und weibliche Klischees. Die Kulturkämpfe, die viele westliche Länder erleben, finden auch auf dem Feld der Körper statt. Besonders gut lassen sie sich an den Gesichtern unserer Zeit erkennen. Durch die Frontkameras unserer Smartphones landen täglich Terabytes an Selfies in den sozialen Netzwerken. Filter verändern diese Gesichter nach dem Barbie-und-Ken-Prinzip. Und von künstlicher Intelligenz generierte Avatare bevölkern Feeds und Onlinewerbung mit diesem Look. Noch nie waren wir umgeben von so vielen Gesichtern. Das ist offenbar nicht so leicht zu verarbeiten. Chirurgische Praxen berichten schon von Patientinnen und Patienten, die verzweifelt ihrem eigenen filteroptimierten Ich nacheifern

Aber wenn wir genau hinsehen, wie diese Gesichter gestaltet, geschminkt oder optimiert sind, kommen wir dem menschlichen Schönheitsempfinden auf die Spur: Wen finden wir attraktiv und warum?

Auf diese Fragen hat jede Forschungsdisziplin ihre eigenen Antworten. Blickt man jedoch auf die Mode- und Kunstgeschichte und behält ein paar naturwissenschaftliche Prinzipien im Kopf, wird klar: Es ist ein ewiges Ringen von Natur und Kultur, von Biologie und Soziologie, aus dem sich die Schönheitsideale einer Epoche ergeben.

Perfekte Wangenknochen und Kinnlinien haben schon die Bildhauer der alten Griechen in Marmor gemeißelt. Wenn es heute um die Schönheit menschlicher Körper geht, beziehen wir uns gern auf ästhetische Kriterien, die bereits in der Antike ausgemessen und in Stein verewigt wurden: Symmetrie, Harmonie, Glätte. Seitdem wissen wir um das vermeintlich ideale Verhältnis von Nasen- zu Stirnlänge, von Lippenbreite zu Pupillenabstand und dass Augen und Mund ein magisches Dreieck der Aufmerksamkeitskonzentration bilden. Die alten Griechen setzten ihre Skulpturen aus den attraktivsten Merkmalen verschiedener Models zusammen: Kein echter Mensch konnte so schön sein. Die Werke der griechischen Meister gelten noch immer als Inbegriff eines Schönheitsideals, das aus Europa kommt, aber weite Teile der Welt beeinflusst hat.

Regalkilometer an Attraktivitätsstudien haben in den vergangenen Jahrzehnten untersucht, wie ein perfektes Gesicht aussehen sollte. An den Ergebnissen sind Kieferorthopädie und plastische Chirurgie genauso interessiert wie die Kommunikationspsychologie. Damit wird viel Geld verdient. Eben weil es übermenschliche Ideale gibt, die sich nur mit kostspieligen Hilfsmitteln erreichen lassen.

It’s the Biology, Stupid!

Ein Faktor, der immer wieder untersucht wird: die biologische Basis. Trotz aller zivilisatorischen Fortschritte beeinflusst unsere Biologie unser Schönheitsempfinden – aus bloßer Angst vor dem Tod. Denn aus der Vorliebe für symmetrische Gesichtszüge und glatte Haut spricht auch eine Urangst vor Erbkrankheiten und Infektionen. Die war vor der Erfindung der modernen Medizin ein wichtiger Instinkt, um den Fortbestand der Sippe zu sichern. Immer wieder kommen Forscherinnen und Forscher zum Ergebnis: Menschen finden es sexy, wenn jemand gesund, jung und damit fortpflanzungsfähig aussieht, und das so gut wie überall auf der Welt.

Diese sogenannte sexuelle Selektion hat die Evolution stark geprägt. Ist aber im Zusammenhang mit Attraktivität überbewertet – das behauptet eine Theorie aus der Wahrnehmungspsychologie. Wie ein Computerprozessor verbraucht das menschliche Gehirn viel Energie. Die muss in Form von Nahrung erst mal mühsam besorgt werden. Deshalb, so die Theorie, bevorzugen Menschen Sinnesreize, die sie ohne viel Aufwand verarbeiten können. Bekannte Formen, Farben, Typen, nichts Störendes, Herausragendes oder sogar Gefährliches. Wer gesund und vertraut aussieht, wird vom Gegenüber bevorzugt.

Storm Reid mit gespiegelten Gesichtshälften als Beispiel für Attraktivität

Wir haben je eine Gesichtshälfte von Timothée Chalamet und Storm Reid gespiegelt. Gar nicht mal so perfekt, oder?

Foto: Sipa USA/picture alliance

Diese biologischen Antworten beleidigen den Intellekt: Haben wir uns etwa kein Stück von den Höhlenmenschen entfernt? Zum Glück ist unsere Natur eben nicht der einzige Kompass, dem wir folgen. Die Kultur mischt mit, hält dagegen. Wir alle haben individuelle Schönheitsvorlieben. Die hängen von sozialen Prägungen ab, vom Kulturraum, in dem wir leben, und von den Menschen, die uns umgeben.

Unzählige Geschichten aus der Kunst, der Pharmazie, der Chirurgie oder der Mode berichten davon, wie wechselhaft sich vor allem Frauen in allen Epochen gestaltet haben. Buschige Augenbrauen in der Antike, komplett entfernte Brauen im 16. Jahrhundert, dünne Mondsicheln bei den Hollywooddiven der 1930er, Mitte der 2010er plötzlich haarige, breite Balken, jetzt schmale, nach oben weisende Foxy Brows. Kleine, zarte Münder in der Renaissance, grafisch gezackte Minimünder in den Roaring Twenties, breite sinnliche Lippen nach dem Zweiten Weltkrieg und herzförmig modellierte Russian Lips heute. 

Was Menschen schön finden, folgt auch einem Wunsch nach sozialer Zugehörigkeit. Mit wem identifizieren wir uns, wem eifern wir nach? Wenn Andersartigkeit bestraft wird: Wem passen wir uns optisch an? Wessen Leben erscheint uns erstrebenswert? 

Attraktivität ist immer auch politisch

So ist Schönheit immer auch politisch. Wer sozial oder kulturell mächtig ist, diktiert seinen Followern den Look. Das verbindet die Kardashians, den Trump-Clan, BTS und Balenciaga mit Nofretete, Ludwig XIV. oder Queen Victoria. Ihre Macht wächst mit den Bildern: Früher wurden Porträts gemalt, um den Einfluss der Herrschenden auf das Volk zu verstärken. Heute erfüllen Promifotos diesen Zweck. Je öfter wir der Ästhetik einer herrschenden Gruppe ausgesetzt sind, desto angenehmer finden wir sie. Die Psychologie nennt das den „Mere Exposure“-Effekt. Selbst Trends, die wir vor zwei Jahren noch schräg fanden, verlieren ihre Ecken und Kanten, je öfter wir sie sehen. Wenn dann noch Prominente dafür werben, wird der Look bald massentauglich.

An ihre Grenzen kommen solche Moden, wenn unser biologisches Attraktivitätsempfinden gestört wird. Wo Lebendigkeit und Gesundheit gegen Anzeichen von Krankheit und Schwäche getauscht werden, beginnt für viele die wahre Provokation. Schwarzer Lippenstift, echte oder geschminkte Augenschatten, hohle Wangen, das Fahle, das der Heroin Chic in den 1990ern verbreitete und das derzeit wieder in der High Fashion zu sehen ist. Hat sich dieser Look normalisiert, ist wieder das Gegenteil en vogue. Moden sind flüchtig und oft nicht mehr als Challenges, mit denen wir uns bei Laune halten. Sie spielen mit unseren Sinnen, deshalb machen sie so viel Spaß. 

Viele Wissenschaften versuchen, menschliche Schönheit zu ergründen. Aber: Eine Leerstelle bleibt immer. Wenn die Wirtschaftsforschung das Pretty Privilege untersucht, psychologische Studien die Wirkung von Make-up analysieren oder die Chirurgie Eingriffe zur „Gesichtsharmonisierung“ empfiehlt, nähern sie sich einem Ideal, aber nicht der Schönheit an sich. Die ist nämlich nicht mit Zirkel und Geodreieck zu messen. 

Wer nach echter Schönheit sucht, muss Menschen begegnen und erleben, wie sie sich bewegen, wie sie sprechen, wie sie ihre Mimik gebrauchen, wie sie riechen. Eine Überblicksstudie, die jüngst erschien, nennt es das Untrennbarkeitsphänomen: Zum wahrlich schönen Menschen gehören ein schöner Körper und ein schöner Charakter. Schon die alten Griechen waren von dieser Bedingung überzeugt: Hinter der hübschen, symmetrischen, perfekt gewölbten Stirn sitzt ein heller Geist, ein konstruktiver Charakter, geprägt von Empathie, Selbstbewusstsein und einem lebendigen Intellekt. Sie nannten es Seele. 

Rabea Weihser hat gerade das Sachbuch „Wie wir so schön wurden. Eine Biografie des Gesichts“ veröffentlicht.

Titelbild des fluter 96 zum Thema Schönheit
Dieser Artikel ist aus dem fluter „Schönheit“.
Hier geht's zum ganzen Heft.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

Titelbild: Samir Hussein/WireImage//Getty Images